Pablo hat es geschafft: Er atmet Berliner Luft, erst den zweiten Tag, und arbeitet schon. „Jeden Abend haben meine Freunde und ich vom Auswandern geredet, das ist bei uns das große Thema“, erzählt der junge Spanier mit dem Publizistikdiplom. In Gedanken weilen sie alle schon in Frankreich, Großbritannien, vor allem aber im wirtschaftswundersamen Deutschland. Sie gehen ins Kino, wo nostalgische Filme den hoffnungsvollen Geist der Gastarbeiterzeit beschwören. Nicht wenige machen Deutschkurse, die Goethe-Institute in Madrid und Barcelona können sich des Ansturms kaum erwehren. Aber wirklich das Land verlassen?
Irgendwann, nach dem sechsten fruchtlosen Kurzpraktikum bei moribunden Medien, hat es dem 26-jährigen Madrilenen gereicht. Er wollte nicht mehr Träumen nachhängen, er wollte nur noch weg. Seine Freunde in Madrid klopften ihm auf die Schulter: Was für eine gute Idee! Nur mitkommen wollte dann doch keiner. „Sie haben Angst vor der Fremde, vor verschlossenen, kühlen Menschen. Für uns Spanier sind Familie und Freundeskreis einfach sehr wichtig.“
Ein Boom nur in Prozenten. So wie Pablos Freunden geht es Millionen jungen Südländern in der Krise. Auf Fachschulen oder der Uni bestens ausgebildet, sitzen sie nun im Elternhaus fest, in Sevilla und Neapel, Athen und Lissabon. Sie jobben für Hungerlöhne, ein Monat im Callcenter, ein Monat hinter einer Theke. Dabei wissen sie: Dort oben, im Norden Europas, da werden Ingenieure, Programmierer, Fachkräfte aller Art gesucht. In manchen Regionen Deutschlands rollt man ihnen gar den roten Teppich aus. Da ist der Koffer doch schon gepackt, oder?
Er ist es nicht. Trotz manch hübscher Geschichten von mutigen Pionieren aus dem Süden zeigt die nüchterne Statistik: Die durchaus erhoffte Völkerwanderung bleibt aus. Deutsche Vermittlungsstellen rekrutieren massiv, aber mit bescheidenem Erfolg.
Die prozentuellen Steigerungen sind zwar beeindruckend, aber das ist nicht schwer, wenn die Basis sehr niedrig liegt: In den trügerischen Erfolgsjahren vor der Krise kamen die wenigsten Spanier oder Griechen auf die Idee, ihrer scheinbar so florierenden Heimat den Rücken zu kehren. Und auch wenn sich seit vergangenem Herbst deutlich mehr tut: Im Vergleich zu den vielen Polen, Rumänen und Bulgaren, die in Deutschland ihr Glück versuchen, bleibt die Schar aus den Olivenländern ziemlich überschaubar (siehe Grafik).
Party statt Provinz. Wo aber landen jene, die den Sprung wagen? Im Westen fasst Fuß, wer bereits ein gutes Jobangebot in der Tasche hat. In München oder Hamburg wären sonst schon die Mieten nicht bezahlbar. In den biederen Kleinstädten in Baden-Württemberg, dem Rheinland oder Niedersachsen, wo die Nachfrage am größten ist, wird um acht Uhr abends der Gehsteig hochgeklappt – für einen lebensfrohen Spanier, für den um diese Zeit erst das wahre Leben beginnt, keine verlockende Perspektive. „Die Provinz? Das kommt für mich nicht infrage. Ich brauche Leben, die große Stadt“, legt sich Pablo fest.
So heißt das Ziel von vielen: Berlin. Hier lebt man billiger als zu Hause, braucht keine Kontakte, findet schnell Anschluss, kann jede Nacht Party machen. „Nach Berlin kommen die, die keinen Plan haben, die nicht wissen, was sie eigentlich wollen“, ist die Erfahrung von Sofia aus Italien. Dass die Kapitale des reichen Deutschlands zwar sexy, aber verhältnismäßig arm ist, hat ihnen niemand gesagt. Die Arbeitslosigkeit liegt weit höher als im Rest des Landes. Hier hat keiner auf die Neuankömmlinge gewartet.
Wer wirklich gut ist wie Luca aus Mailand, der schafft es auch in Berlin sehr schnell. Der junge Informatiker schickte fünf Bewerbungen aus, führte zwei Vorstellungsgespräche und wurde vom Stand weg engagiert. Doch viele Akademiker aus dem Süden, die hier gestrandet sind, machen das Gleiche wie zu Hause: Sie jobben prekär. Und melden den Zurückgebliebenen: Bleibt, wo ihr seid, hier ist es auch nicht besser.
Der ausbleibende Ansturm der jungen Elite kommt selbst für Experten überraschend. Nach den Regeln der Ökonomie müsste es ganz einfach laufen: Es gibt da einen Binnenmarkt, auf dem sich Arbeitskräfte überall ansiedeln können, und es gibt sogar eine gemeinsame Währung – beste Voraussetzungen für junge, gut gebildete Europäer, um ihr Berufsglück dort zu suchen, wo es am leichtesten zu finden ist.
Sicher, Europa ist nicht Amerika. Die US-Volkswirtschaft zeigt sich auf lange Sicht auch deshalb so robust, weil die Bürger mobil sind: Sie ziehen dorthin, wo es Arbeit gibt, und mildern so regionale Krisen. In der EU aber erheben sich an den Grenzen von früher noch immer unsichtbare Mauern: die Sprachbarrieren. Dass es also ganz so wie in Amerika nicht laufen würde, damit mussten die Architekten von Binnenmarkt und Eurozone rechnen.
Zu kleines Gefälle. Dennoch: Die Polen emigrieren eifrig, obwohl sie Deutsch oder Englisch auch nicht mit der Muttermilch aufgesogen haben. Im Zuge der Gastarbeiterwellen der Nachkriegszeit sagten auch hunderttausende Südeuropäer ihrer Heimat Adiós und Ciao. Warum also nicht heute, zumal es ja vor allem um Höherqualifizierte geht, die als mobiler gelten? „Wo bleiben sie denn?“, titelte im August die „Frankfurter Allgemeine“ ratlos.
Auf den zweiten Blick finden sich freilich gute Erklärungen für die Immobilität der Südländer. Die Wissenschaft weiß, dass vor allem ein hohes Wohlstandsgefälle, nicht aber Arbeitslosigkeit die treibende Kraft hinter Wanderungsbewegungen ist. Das Einkommensniveau liegt in Südeuropa im Schnitt bei 65 bis 70 Prozent des deutschen: zu wenig, um die Wanderlust zu entfachen. In Polen sind es (nominal) 35 bis 40 Prozent. „Das ergibt einen ganz anderen Anreiz“, erklärt Ökonom Herbert Brücker. Zweitrangig bleibt, dass fast die Hälfte der jungen Spanier zurzeit ohne Arbeit sind. Dass sie ihre missliche Lage nicht ins Ausland treibt, hat nichts mit Siesta-Trägheit zu tun. Zum einen ist es nur menschlich: „Die Menschen sind lokal viel verwurzelter, als das in der ökonomischen Theorie unterstellt wird“, sagt Soziologe Ludger Pries vom Sachverständigenrat für Integration und Migration.
Zum anderen ist das spanische Kalkül durchaus rational: Es gibt ein staatliches Sozialsystem, ergänzt um traditionell starke Familienbande, die das Netz dichter knüpfen. Zumindest ein Familienmitglied steht in Lohn und Brot, sein Job ist aufgrund der Starrheit südlicher Arbeitsmärkte auch selten gefährdet. Das wirkt wie eine Versicherungspolizze für die erwachsenen Kinder. „Sie warten ab, bleiben zu Hause, studieren noch ein bisschen und arbeiten nebenher um ein paar 100 Euro“, erklärt OECD-Migrationsexperte Thomas Liebig. So hoffen sie, die Rezession durchtauchen zu können. Freilich: „Wenn die Krise noch lange anhält, wird sich das Kalkül ändern. Abends ausgehen, aber kein Geld für ein Bier haben – das ist auch nicht schön.“
Das Netzwerk fehlt. Noch etwas unterscheidet Ost von Süd: Weil schon seit vielen Jahren Osteuropäer nach Deutschland kommen, haben sich hier Netzwerke gebildet. Das erleichtert individuelle Migration: Wer auswandert, kann auf Hilfe von Verwandten und Bekannten zählen, die schon länger hier sind. Weil die Süd-Nord-Migration ein so junges Phänomen ist, muss sich die Diaspora-Gemeinde erst bilden (außer bei den Griechen). Darauf nicht angewiesen waren die Gastarbeiter in den 1950er- und 1960er-Jahren, die sich gemeinsam und in großer Zahl einer staatlich organisierten Bewegung anschlossen: all-inclusive ins Arbeitsexil.
Für diese meist niedrig qualifizierten Arbeitskräfte war auch Sprachkompetenz noch kein Thema. Wer am Bau schuftet, braucht nicht viele Worte im fremden Idiom. Ein Pizzabäcker wirkt sogar besonders authentisch, wenn er seine Gäste mit einem italienischen Wortschwall begrüßt und auf Deutsch nur radebrecht. Bei gut bezahlten Fachkräften aber werden sehr gute Deutschkenntnisse meist vorausgesetzt. Eine Ausnahme sind sicher international agierende Konzerne, in denen man meist Englisch parliert. Die Nachfrage aber kommt vor allem aus der mittelständischen Industrie. Und dort geht, auch bei einfacher Bürotätigkeit, ohne Deutsch gar nichts.
Die Flucht als Fluch. Das aber kann die junge Elite Südeuropas nicht bieten. „Die Italiener mögen die deutsche Sprache einfach nicht“, seufzt Sofia. Wer kommt, ohne sie sprechen zu können, „will eine Türe aufschließen, ohne den Schlüssel zu haben“. Soziologe Pries sieht aber auch die Arbeitgeber in der Pflicht: „Wir müssen uns eingestehen, dass unsere Sprache schwierig ist. Bis die Menschen sie gut können, müssen wir geduldig sein und Unterstützung anbieten. Meine Erfahrung ist, dass in vielen Unternehmen die Erwartungen und Hürden zu hoch sind.“
Vielleicht ist das ja aber auch gar nicht so schlecht. Die Regierungen in Madrid und Rom mögen zufrieden sein, wenn die erdrückend hohe Zahl an arbeitslosen Jugendlichen einfach durch deren Abwanderung sinkt. Auf Dauer aber würde eine massenhafte Flucht zum Fluch. Es wäre deshalb „egoistisch, einen Brain-Drain zu verursachen“, gibt Pries zu bedenken. „Im Fall der ärmsten afrikanischen Länder arbeiten bis zu 90 Prozent aller dort ausgebildeten Akademiker nicht im eigenen Land – was für ein Aderlass! Das ist die Kehrseite, wir müssen die Diskussion daher behutsam führen.“
Wenn man aber schon aktiv anwirbt, müsse man einiges anders machen. Die fehlende Willkommenskultur schrecke ab: „Wir geben das Gefühl: Du bist als Arbeitskraft hier. Aber dafür, dass sich die Menschen hier wohlfühlen, sich orientieren und teilhaben, tun wir oft zu wenig. Deutschsprachige Länder haben da im Vergleich mit den USA extrem viel nachzuholen.“
Gelobtes Germanien. Dabei finden die meisten Neuankömmlinge: Deutschland ist besser als sein Ruf. „Die Italiener halten es für ein schweres Opfer, in dieses Land zu ziehen“, erzählt Sofia. „Es sei eine harte, kalte Gesellschaft, so lautet das Vorurteil.“ Sie selbst erlebt es anders. Die 31-jährige Slawistin und Germanistin kam zwar auf gut Glück, schlug sich aber eifrig durch: Erst hütete sie Kinder, nun gibt sie schon Italienischstunden, ihr Ziel ist eine Sprachschule. Die Piemontesin schwärmt von der „menschlichen, schlanken Bürokratie“, von den Öffis, „bei denen es kein Lotteriespiel ist, ob man rechtzeitig ans Ziel kommt“, von den Radwegen, vom vielen Grün.
Hier sieht sie eine Zukunft, vielleicht auch als Mutter: „Wenn man in Italien schwanger wird, ist das eine Tragödie. Hier ist es eine ganz normale Sache. Die Politik hilft, es gibt genug Krippenplätze.“ So weit denkt Pablo noch nicht. Er wohnt jetzt einmal bei seiner Ex-Freundin, die schon vor einem Jahr ausgewandert ist und nach einigen 100-Euro-Praktika jetzt einen tollen Job bei einem Internet-Start-up gefunden hat. Vielleicht gelingt ihm das ja auch. An ein Zurück denkt er jedenfalls nicht. Spanien ist nun fern, die Zukunft heißt Berlin.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.09.2012)
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