[London/Wien/Ag./Red.] Der Rüstungsindustrie steht offenbar eine Großfusion bevor: Der größte europäische Luft- und Raumfahrtkonzern EADS (Mutter des europäischen Flugzeugherstellers Airbus) verhandelt mit dem britischen Konkurrenten BAE Systems über eine Fusion, wie die beiden Konzerne am Mittwochabend bestätigten. Sollte es tatsächlich zu einem Zusammenschluss kommen, würde das die Machtverhältnisse in der Rüstungsindustrie, aber auch unter den Flugzeugbauern verschieben: Der Umsatz von EADS würde jenen des US-Konkurrenten Boeing deutlich übersteigen. EADS erlöste 2011 49 Mrd. Euro, Boeing umgerechnet 54 Mrd. Euro. BAE Systems erwirtschaftete 24,3 Mrd. Euro.
„Der Zusammenschluss würde einen internationalen Luftfahrt-, Rüstungs- und Sicherheits-Konzern von Weltrang mit bedeutenden Herstellungs- und Technologiezentren in Frankreich, Deutschland, Spanien, Großbritannien und den USA hervorbringen", teilte BAE Systems am Mittwoch mit. EADS und BAE Systems arbeiten bereits seit längerer Zeit zusammen und sind derzeit Partner in einer Reihe von Projekten wie dem Kampfflugzeug Eurofighter. Zieht man die Umsatzzahlen aus dem Jahr 2011 heran, würde es das gemeinsame Unternehmen auf einen Umsatz von über 70 Mrd. Euro bringen und 220.000 Mitarbeiter weltweit beschäftigen. Der Plan ist wie folgt: Die BAE Systems-Aktionäre würden an einem gemeinsamen Unternehmen mit 40 Prozent, EADS-Aktionäre zu 60 Prozent beteiligt. Beide Parteien müssten bis Oktober eine Vereinbarung ankündigen oder erklären, dass sie eine solche nicht mehr verfolgen.
Zwei Börsentitel, ein Unternehmen
Der Zusammenschluss würde in Form einer „Dual-Listed Company" erfolgen: Das heißt, dass beide Unternehmen zwar durch einen Interessensausgleich und weitere Vereinbarungen als Gruppe operieren. Es würde auch eine einheitliche Leitungs- und Aufsichtsstruktur mit identischen Leitungs- und Aufsichtsratsmitgliedern geschaffen. Gleichzeitig würden die beiden Firmen jedoch an ihren jeweiligen Börsenplätzen zugelassen bleiben. Die deutsch-französische EADS notiert an der Börse in Paris, BAE Systems an der in London. BAE Systems ist nach Berechnungen der Nachrichtenagentur Reuters derzeit 13,4 Mrd. Euro an der Börse wert. EADS bringt es auf einen Börsenwert von 23,3 Mrd. Euro - zusammen beträgt die Marktkapitalisierung 36,6 Mrd. Euro.
EADS bestätigt die Fusionsgespräche zwar, versucht aber, die Euphorie in Zaum zu halten: Es könne keine Gewissheit bestehen, dass die Gespräche letztendlich zu einer Transaktion führen werden, so das Unternehmen. Darüber hinaus müsse der EADS-Verwaltungsrat noch zustimmen. Die Aktionäre der beiden Rüstungsfirmen reagierten höchst unterschiedlich auf die Fusions-Meldung: Während das Papier von BAE Systems an der Börse in Paris um fast elf Prozent auf umgerechnet 4,5 Euro zulegte, schloss die Aktie von EADS um mehr als fünf Prozent tiefer bei 28 Euro.
EADS ist mit seiner Tochter Airbus einer der weltweit führenden Luft- und Raumfahrt-Konzerne: Airbus ist neben Boeing der größte Hersteller von Verkehrsflugzeugen. So baut EADS etwa in Hamburg das erfolgreiche Flugzeug-Modell A320. US-Konkurrent Boeing fühlte sich bemüßigt, in einer ersten Stellungnahme mitzuteilen, dass die geplante Fusion das eigene Unternehmen nicht bedrohe. Einem Ranking der Zeitschrift „Defense News" zufolge ist der weltweit größte Rüstungskonzern das US-Unternehmen Lockheed Martin.
Dahinter folgt Boeing, auf Platz drei BAE Systems. Erst auf Platz sieben wird EADS gereiht, obwohl das Unternehmen doppelt so viel Umsatz erwirtschaftet wie BAE. BAE erwirtschaftet jedoch 95 Prozent seines Umsatzes mit Kriegsgerät, EADS nur ein Viertel.
BAE Systems baut Tornado-Kampfjets und ist Mitglied des Eurofighter-Konsortiums. Weil viele Länder ihre Verteidigungs-Ausgaben gekürzt haben, stellte der britische Rüstungshersteller im Frühjahr ein schwaches Jahr in Aussicht. EADS zählt wie BAE Systems auch im Rüstungsbereich zu den weltgrößten Unternehmen. Sie sind beide in vielen Ländern der Welt als Rüstungs-Lieferanten tätig, darunter die USA, Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Spanien, Saudi-Arabien und Australien.
Fusion ist schon einmal geplatzt
EADS und BAE Systems arbeiten bereits seit längerem in verschiedensten Konstellationen zusammen. Neben der gemeinsamen Entwicklung des Kampfjets Eurofighter sind beide Firmen auch als Aktionäre am Raketenbauer MBDA beteiligt. BAE Systems war auch schon einmal mit 20 Prozent an Airbus beteiligt. Die Briten verkauften ihre Anteile am Flugzeughersteller im Jahr 2006.
Letztlich sind auch die Fusionspläne nicht ganz neu: So hatte der damalige EADS-Chef Rainer Hertrich im Jahr 2000 erklärt, dass es dafür keine wirtschaftliche Begründung gebe. Weitere Gespräche schloss EADS jedoch schon damals nicht aus. Nun scheint man sich wieder nähergekommen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.09.2012)





Inflation, Hyperinflation oder Deflation?Mag. Zareh Mossessian, Trainer der Wiener Börse Akademie
Wenn Ökonomen irren ''Nach Öl bohren? Verrückt''
KreativDie Welt der Werbung
Cash-KaiserDiese Firmen horten am meisten Bargeld
''Plagiarius''Dreisteste Fälschungen ausgezeichnet
UrlaubÖsterreicher im EU-Ranking voran