Berlin/Gau. Was Carlos Moran zu Protokoll gibt, ist nichts für schwache Nerven. Wenn man dem früheren argentinischen Kontrollbeamten Glauben schenken darf, hat er die Hölle durchgemacht: Er wurde mit Drohanrufen terrorisiert, von der Straße abgedrängt, mit vorgehaltener Pistole eingeschüchtert. Ein Schlägertrupp lauerte ihm auf und traktierte ihn mit Tritten am Kopf, bis er bewusstlos war. Noch viele Jahre später drohte man ihm damit, sein Haus samt Sohn anzuzünden. Das traumatisierte Kind fing zu stottern an. Moran selbst hat durch die Angriffe einen Teil seiner Seh- und Hörfähigkeit eingebüßt und findet deshalb keinen Job mehr.
So steht es zumindest in der Klageschrift, die der Mann aus Buenos Aires am Mittwoch bei einem Gericht in Miami eingereicht hat. Er fordert von Siemens 100 Mio. Dollar Schadenersatz. Denn er ist überzeugt, dass es der deutsche Technologiekonzern war, der den Schlägertrupp auf ihn gehetzt hat, damals vor zwölf Jahren. Einer der Angreifer sei sogar ein Mitarbeiter von Siemens gewesen.
Allein gegen das System
Moran arbeitete zu dieser Zeit als Beamter in der argentinischen Kontrollbehörde Sigen, die Korruptionsfälle aufdecken sollte. Sein Prüfgegenstand: eine Ausschreibung, die Siemens Argentinien 1998 für sich entschieden hatte. Für eine Milliarde Dollar sollte die Konzerntochter neue, fälschungssichere Personalausweise für die 40 Millionen Argentinier produzieren. Wie Moran zu Protokoll gibt, entdeckte er Unregelmäßigkeiten im Zusammenhang mit dem Großauftrag. Er meldete sie seinem Chef, der – offenbar ebenfalls bestochen – die Hinweise ignorierte und ihm sogar mit üblen Folgen drohte, falls er seine Recherchen publik mache. Als Moran nicht lockerließ, folgten die Attacken.
Der Argentinien-Deal ist nur eine Episode des größten Schmiergeldskandals der deutschen Wirtschaftsgeschichte. Siemens hat das System der schwarzen Kassen 2006 zugegeben, die Führung ausgetauscht und Ende 2008 rund 2,5 Mrd. Euro für Strafen und Aufklärung bezahlt. Doch die Schatten der Vergangenheit holen den Konzern immer wieder ein. Im Dezember klagte die US-Börsenaufsicht SEC acht Ex-Siemens-Manager wegen der Argentinien-Affäre an. So wurden abenteuerliche Details bekannt: Nach einem Regierungswechsel hatte man Siemens den Auftrag bald entzogen. Doch die Schmiergelder flossen munter weiter: für einen missglückten Versuch, wieder ins Geschäft zu kommen, für Politiker, die auf vereinbarte Zahlungen bestanden, und für Beamte, die Beweise für die ursprüngliche Bestechung bei der Auftragsvergabe vernichten sollten.
Korrupt bis in höchste Kreise
Nach den SEC-Ermittlungen war ein Großteil der politischen Elite in den Skandal involviert, bis hinauf zu den Präsidenten Menem und de la Rúa. Der Leiter der Kontrollbehörde, der Dichter Rafael Bielsa, wurde später Außenminister unter Néstor Kirchner. Auch der aktuelle Generalstaatsanwalt soll Aufdecker Moran empfohlen haben, sich aus der Sache rauszuhalten. Deshalb habe er sich an die US-Justiz gewandt, was möglich war, weil Siemens an der New Yorker Börse gelistet ist. Eine erste Klage 2011 wurde wegen Meinungsverschiedenheiten mit seinem Anwalt eingestellt. Siemens will sich zu dem laufenden Verfahren nicht äußern.
Der frühere Argentinien-Vorstand verbringt seinen Lebensabend übrigens in einem traumhaften Penthouse mit Blick auf Buenos Aires. Es ist freilich ein goldener Käfig: Carlos Sergi steht unter Hausarrest, nachdem er jede Aussage verweigert hat. Der Freibrief seiner Ärzte: Er leide an Gedächtnisschwund.
Siemens zahlte in den Neunzigerjahren weltweit Schmiergelder, um zu Staatsaufträgen zu kommen. 2008 wollte der Konzern mit Milliarden an Bußgeld einen Schlussstrich ziehen. Nun folgt ein Nachspiel: Einem argentinischen Beamten, der die Machenschaften aufdecken wollte, soll Siemens laut US-Klage einen Schlägertrupp an den Hals gehetzt haben.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.09.2012)
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