"Bristol-Pfund": Stadt Bristol führt eigene Währung ein

Die südenglische 500.000-Einwohner-Stadt will die lokale Wirtschaft stützen. Kritiker äußern ihre Zweifel. Europaweit gibt es über 100 Regionalwährungen.

BristolPfund durch Eurokrise
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BristolPfund durch Eurokrise
(c) EPA

Die südenglische Stadt Bristol führt mit dem heutigen Tag eine eigene, neue Währung ein: das Bristol-Pfund. Die neuen Geldscheine, die laut den Organisatoren fälschungssicher sind, zeigen örtliche Prominente, Unternehmen und Ereignisse. Mehr als 350 Unternehmen haben sich der Initiative angeschlossen, vom bekannten Arnolfini-Kunstzentrum bis zur Delikatessenkette Chandos. Das Interesse war so groß, dass der Start der Währung von Mai auf den 19. September verschoben werden musste.

"80 Prozent des Geldes verlassen die Region, wenn es bei einem multinationalen Unternehmen ausgegeben wird. Aber 80 Prozent bleiben, wenn es bei einem örtlichen Händler in die Kasse kommt", sagt der Mitbegründer der Währungsinitiative, Ciaran Mundy.

Mehr als 100 Regionalwährungen in Europa

Bristol ist kein Unikum: Über 100 Regionalwährungen gibt es bereits in Europa, die in der Euro-Krise als Alternative zur europäischen Gemeinschaftswährung gehandelt werden. Ein Vorbild für die Initiatoren in Bristol ist der "Chiemgauer", eine Regionalwährung für hunderte Ortschaften in Oberbayern, der sich fast 600 Unternehmen angeschlossen haben.

Auch andere britische Städte haben bereits eigene Währungen eingeführt, das Projekt in Bristol ist aber das größte und ehrgeizigste. Unternehmen können ihre Steuern sogar in Bristol-Pfund bezahlen, und die Stadtverwaltung bietet den 17.000 Angestellten an, einen Teil ihres Gehalts in der neuen Währung zu bekommen. Umtauschen in Pfund Sterling können die Einwohner von Bristol ihr neues Geld bei der Bristol Credit Union für eine Gebühr von drei Prozent.

Zweifel: "Könnte rückwärtsgewandt sein"

Louisa Jones und Joh Rindom, die im Bristoler Stadtteil Stokes Croft eine Kleiderboutique betreiben, haben allerdings die Befürchtung, dass die neue Währung nur mehr Verwaltungsaufwand bedeutet. "Wir fürchten, dass eine Mikroökonomie in einer Makroökonomie etwas rückwärtsgewandt sein könnte", sagt Rindom. Auch der Investmentmanager Ben Yearsley, der für den Finanzdienstleister Hargreaves Lansdown in Bristol arbeitet, lehnt die neue Währung ab. "Es handelt sich nur um eine Art Geschenkgutscheine. Ich glaube nicht, dass das irgendeinen Unterschied macht." Die örtlichen Unternehmen müssten bei Qualität und Service wettbewerbsfähig sein.

Gerhard Rösl von der deutschen Fachhochschule Regensburg hält Regionalwährungen generell für einen Werbegag der Regionen: "Wie jedes kuriose und gut vermarktete Produkt weckt das Regiogeld zunächst Interesse". Seiner Meinung nach stärkt es aber weder die örtliche Wirtschaft noch die Beschäftigung, berichtete "DiePresse.com" im November 2010.

"Nachhaltigkeit braucht Verschiedenartigkeit"

Trotz der Skepsis hofft Mundy, dass binnen eines Jahres sechs Millionen "Bristol Pounds" in Umlauf kommen. Zum Vergleich: Auch der Umsatz des "Chiemgauer", der 2003 eingeführt wurde, lag im vergangenen Jahr bei sechs Millionen. Mundy sieht laut "BBC" vor allem zwei Vorteile im Vergleich zu anderen Alternativwährungen: Das Bristol Pfund sei auch per Online-Banking und Mobiltelefon zahlbar.

Unterstützung findet die Idee der Regionalwährungen beim belgischen Wirtschaftswissenschaftler Bernard Lietaer, der den Wechselmechanismus zum Euro mit ausarbeitete. "Wir werden nie ein stabiles, nachhaltiges Währungssystem mit dem Monopol einer einzigen Währung haben, wer auch immer sie steuert", sagte Lietaer bei einem Vortrag in Brüssel. "Nachhaltigkeit braucht Verschiedenartigkeit".

(APA/AFP/phu)

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