"Bristol-Pfund": Stadt Bristol führt eigene Währung ein

19.09.2012 | 10:54 |   (DiePresse.com)

Die südenglische 500.000-Einwohner-Stadt will die lokale Wirtschaft stützen. Kritiker äußern ihre Zweifel. Europaweit gibt es über 100 Regionalwährungen.

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Die südenglische Stadt Bristol führt mit dem heutigen Tag eine eigene, neue Währung ein: das Bristol-Pfund. Die neuen Geldscheine, die laut den Organisatoren fälschungssicher sind, zeigen örtliche Prominente, Unternehmen und Ereignisse. Mehr als 350 Unternehmen haben sich der Initiative angeschlossen, vom bekannten Arnolfini-Kunstzentrum bis zur Delikatessenkette Chandos. Das Interesse war so groß, dass der Start der Währung von Mai auf den 19. September verschoben werden musste.

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"80 Prozent des Geldes verlassen die Region, wenn es bei einem multinationalen Unternehmen ausgegeben wird. Aber 80 Prozent bleiben, wenn es bei einem örtlichen Händler in die Kasse kommt", sagt der Mitbegründer der Währungsinitiative, Ciaran Mundy.

Mehr als 100 Regionalwährungen in Europa

Bristol ist kein Unikum: Über 100 Regionalwährungen gibt es bereits in Europa, die in der Euro-Krise als Alternative zur europäischen Gemeinschaftswährung gehandelt werden. Ein Vorbild für die Initiatoren in Bristol ist der "Chiemgauer", eine Regionalwährung für hunderte Ortschaften in Oberbayern, der sich fast 600 Unternehmen angeschlossen haben.

Auch andere britische Städte haben bereits eigene Währungen eingeführt, das Projekt in Bristol ist aber das größte und ehrgeizigste. Unternehmen können ihre Steuern sogar in Bristol-Pfund bezahlen, und die Stadtverwaltung bietet den 17.000 Angestellten an, einen Teil ihres Gehalts in der neuen Währung zu bekommen. Umtauschen in Pfund Sterling können die Einwohner von Bristol ihr neues Geld bei der Bristol Credit Union für eine Gebühr von drei Prozent.

Zweifel: "Könnte rückwärtsgewandt sein"

Louisa Jones und Joh Rindom, die im Bristoler Stadtteil Stokes Croft eine Kleiderboutique betreiben, haben allerdings die Befürchtung, dass die neue Währung nur mehr Verwaltungsaufwand bedeutet. "Wir fürchten, dass eine Mikroökonomie in einer Makroökonomie etwas rückwärtsgewandt sein könnte", sagt Rindom. Auch der Investmentmanager Ben Yearsley, der für den Finanzdienstleister Hargreaves Lansdown in Bristol arbeitet, lehnt die neue Währung ab. "Es handelt sich nur um eine Art Geschenkgutscheine. Ich glaube nicht, dass das irgendeinen Unterschied macht." Die örtlichen Unternehmen müssten bei Qualität und Service wettbewerbsfähig sein.

Gerhard Rösl von der deutschen Fachhochschule Regensburg hält Regionalwährungen generell für einen Werbegag der Regionen: "Wie jedes kuriose und gut vermarktete Produkt weckt das Regiogeld zunächst Interesse". Seiner Meinung nach stärkt es aber weder die örtliche Wirtschaft noch die Beschäftigung, berichtete "DiePresse.com" im November 2010.

"Nachhaltigkeit braucht Verschiedenartigkeit"

Trotz der Skepsis hofft Mundy, dass binnen eines Jahres sechs Millionen "Bristol Pounds" in Umlauf kommen. Zum Vergleich: Auch der Umsatz des "Chiemgauer", der 2003 eingeführt wurde, lag im vergangenen Jahr bei sechs Millionen. Mundy sieht laut "BBC" vor allem zwei Vorteile im Vergleich zu anderen Alternativwährungen: Das Bristol Pfund sei auch per Online-Banking und Mobiltelefon zahlbar.

Unterstützung findet die Idee der Regionalwährungen beim belgischen Wirtschaftswissenschaftler Bernard Lietaer, der den Wechselmechanismus zum Euro mit ausarbeitete. "Wir werden nie ein stabiles, nachhaltiges Währungssystem mit dem Monopol einer einzigen Währung haben, wer auch immer sie steuert", sagte Lietaer bei einem Vortrag in Brüssel. "Nachhaltigkeit braucht Verschiedenartigkeit".

(APA/AFP/phu)

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13 Kommentare

komplementärwährungen sind einen nette gutscheinidee, lösen aber die grundprobleme nicht

was repräsentiert geld? kaufkraft, geld stellt idealerweise den anspruch auf künftige leistungen bzw. lieferungen dar.

wer heute etwas leistet, kann sich morgen etwas dafür kaufen. wer sich heute etwas auf pump kauft, muss morgen etwas dafür leisten. so sollte es sein.

ist es aber nicht. wer heute spart, verliert geld und wer heute pumpt, wird morgen über gebühr leisten müssen. das liegt zum einen an der inflation und zum anderen an den kosten des geldsystems. sprich die banken zahlen 1% an die sparer und kassieren 4% vom kreditnehmer, was deren kosten gerade noch deckt. ihre gewinne machen sie mit spekulation und provisionen.

wenn man eine vielzahl an komplementärwährungen einführt, wird das die kosten des geldsystems eher steigern als senken. ganz zu schweigen von verminderter transparenz, währungsrisiken und dem betrugspotenzial.

dass es auch bei komplementärwährungen zu einkommensunterschieden kommen wird, weil manche tüchtiger, glücklicher, korrupter sind, dürfte ebenfalls einleuchtend sein. vor allem wenn man in richtung time-dollars denkt, die meines wissens keinerlei besteuerung unterliegen (noch nicht). ohne steuern keine umverteilung.

"Wir werden nie ein stabiles, nachhaltiges Währungssystem mit dem Monopol einer einzigen Währung haben"

. . . so waren auch die Landeswährungen die Stärke der Länder, doch der Euro wurde allen zum Mühlstein.

Gast: Hans im Glück
19.09.2012 12:57
2

Regionalwährungen sind langfristig nur für den ein Geschäft der sie einführt.

Was wir brauchen ist die Abschaffung des Staatsmonopols auf dieses Zwangsgeld.

Von mieraus können auch Regionalwährungen eingeführt werden.

Haupsache ist, dass alle Marktteilnehmer über das was Geld ist oder sein soll selber entscheiden dürfen.

Durch diesen Lernprozess werden wir wichtige Erkänntnisse bekommen.

Österreich

führt wieder den Schilling ein, man könnte wieder Österreicher sein statt Europäer.

End the Feds!


Gast: Am Beispiel Österreich!
19.09.2012 12:04
1

(Ich kenne Bistrol nicht und wie weit es noch eine funktionierende Microwirtschaft gibt)

In Österreich ist die Microwirtschaft vollständig zerstört, der Lebensmitteland filalsiert durch 4 Konzerne mit einem Marktanteil von mehr als 90%, gleiches gilt für die Bekleidung, die Möbelhäuser, die Baumärkte, den Drogeriebedarf, die Wiederholung von Wörgel wie unten genannt leider absolut unmöglich!

Mitverantwortlich ist eine korrupte Politik die sich zum Ziel gesetzt hat systematisch die Microwirtschaft auszurotten, und das Vorhaben weitgehend abgeschlossen ist, mit allen Konsequenzen für den Konsumenten der für diese Perversion verdammt viel Zahlt!

wozu noch die Kammer,

. . . die zuschau't, wie Handel und Gewerbe verdrängt werden. Dem Konsumenten bleibt das Shopping Center mit den Regalbetreuern und das 'take care yourself' Internet.

Natürlich sind die Investmentbanker dagegen!

Denn in der Tat geht den internationalen Unternehmen dadurch Geld flöten!
Es gibt auch in Brasilien erfolgreiche Lokalwährungen. Meinungen sind also überflüssig - die Fakten sprechen dafür!

Gast: gast1984
19.09.2012 11:42
2

Ein Wettbewerb der Währungen! Finde ich super!


Gast: Fprester
19.09.2012 11:13
5

Das Wörgler Freigeld-Experiment von 1932

Das erinnert mich an die Wörgler Freigeld-Aktion von 1932, die erfolgreich verlief. Solche Massnahmen haben den Effekt, dass die Wertschöpfung sich innerhalb einer relativ kleinen Raumes umsetzt resp. dort bleibt, wie es im Artikel schon erwähnt wird.

Re: Das Wörgler Freigeld-Experiment von 1932

Beim Wörgler Freigeld kam dazu, dass es ein Schwundgeld war - d.h. es wurde eine künstliche Inflation von 1 % pro Monat geschaffen, wodurch die Flussrate des Geldes in den damaligen Deflationszeiten enorm stieg.

Gut... Deflation haben wir momentan weniger...

Antworten Antworten Gast: Der Teufel und das Weihwasser!
19.09.2012 15:52
0

Re: Re: Das Wörgler Freigeld-Experiment von 1932

Das Wörgler Freigeld-Experiment von 1932 ist ohnedies der größte Alptraum der gesamten Finanzwelt, und es wird nichts ausgelassen zu verhindern das so etwas jemals wieder passiert.

Schon alleine der Gedanke das es allen gut gehen könnte, es ein funktionierendes Gesundheitswesen gibt das nicht mehr den Staat auffrißt, ist in den Gedanken der Finanzwelt ein Horror den man so scheut wie der Teufel das Weihwasser!

Im Zeitalter der Digitalen Welt wäre es sicher en leichtes eine Banknoten herauszubringen deren Nominale sich selbstständig abwertet bis es eben Wertlos ist...

Mit dem Model werden aus 100.- Euro
1 Jahr: 86,64 Euro
2 Jahre: 78,57 Euro
3 Jahre: 69,64 Euro
39 Jahre: 1,02 Euro
82,25 Jahre: 0,00 Euro (Aufgerundet!)

Eine Größenordnung der ziemlich genau einer Generation entspricht!

Re: Das Wörgler Freigeld-Experiment von 1932

in Österreich gibt es (soweit mir belannt) auch regionale Zweitwährungen

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