Schattenwirtschaft: Gewalt schadet dem Geschäft

Das Wissen über illegale Märkte ist gering, um Mafia & Co. ranken sich Mythen. Eine DiePresse.com-Serie soll mehr Licht ins Dunkel bringen.

Schattenwirtschaft Gewalt schadet Geschaeft
Schließen
Schattenwirtschaft Gewalt schadet Geschaeft
(c) AP (Guillermo Arias)

Illegale Märkte werden von großen, monopolistischen Organisationen beherrscht. Die Akteure sind effizient, machen gigantische Gewinne und setzen Gewalt bedingungslos ein. So sieht zumindest die Klischeevorstellung aus, wenn man an Mafia & Co. denkt. Die Realität ist aber eine andere, wie der deutsche Wissenschafter Frank Wehinger vom Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in seiner Studie "Illegale Märkte" zeigt. Und diese offenbart auch etwas anderes: Zwar sind Märkte ein zentraler Forschungsbereich von Ökonomen. Die Rolle illegaler Märkte aber wurde bislang schwer vernachlässigt.

Das ist nach Ansicht von Wehinger "umso überraschender, als illegale Märkte eine erhebliche wirtschaftliche und gesellschaftliche Bedeutung haben". Die Gründe für die Vernachlässigung liegen aber auf der Hand: Illegales Handeln findet zumeist im Verborgenen statt, Vorgehensweisen und Strukturen sind daher schwer nachvollziehbar und erforschbar. Doch wer das Funktionieren von Märkten verstehen will, sollte auch besser über den "illegalen Zwilling" Bescheid wissen. Nicht selten ist der Übergang zwischen legalem und illegalem Markt fließend.

Um etwas mehr Licht ins Dunkel zu bringen, startet "DiePresse.com" daher die Serie "Schattenwirtschaft", die ab sofort einmal wöchentlich wissenswerte Aspekte illegaler Märkte beleuchten soll. Dabei werden namhafte Experten zu Wort kommen, aussagekräfte Studien herangezogen sowie relevante Bücher besprochen werden. Um gleich einmal mit Mythen aufzuräumen, erhalten Sie zum Auftakt einen ersten Überblick über die wichtigsten Merkmale illegaler Märkte und eine Definition davon, was illegale Märkte sind:

Merkmale illegaler Märkte

  • Illegale Märkte sind wenig effizient

"Unter normalen Umständen tendieren illegale Märkte in einer rechtsstaatlichen Umgebung dazu, weit von der Effizienz legaler Märkte entfernt zu sein", sagt Wehinger zu "DiePresse.com". Das liegt vor allem am staatlichen Verfolgungsdruck, dem die Akteure auf den illegalen Märkten ausgesetzt sind. Ständig droht Verrat, die Aktivitäten müssen daher im Geheimen ablaufen. Illegale Märkte sind intransparenter, ineffizienter und instabiler als legale Märkte.

"Als Kunde hat man so keinen echten Überblick, bei wem man die Ware oder die Dienstleistung zu guten Bedingungen einkaufen könnte, und als Anbieter darf man seine Ware nicht an jeden x-beliebigen absetzen und auch nur mit ausgewählten Partnern zusammenarbeiten", sagt der Experte. Der Wettbewerb sei daher oft nicht voll entwickelt und Zusammenarbeit bleibe unterhalb des Möglichen. "Illegale Märkte sind auch für die Beteiligten undurchsichtig", so Wehinger.

  • Große Organisationen sind die Ausnahme

Vor allem in Regionen mit unvollständiger oder fehlender Staatlichkeit können große kriminelle Organisationen entstehen. Mafia-Verbände wie in Italien sind aber die Ausnahme. "Normalerweise gilt, dass die Gefahr mit der Größe der Organisation zunimmt", führt Wehinger aus. "Einzelne Mitglieder sind dann schwieriger zu kontrollieren und man ist einer höheren Sichtbarkeit für die Strafverfolgungsbehörden ausgesetzt."

Laut Studie werden die meisten Geschäfte in lockeren  Netzwerken wechselseitig bekannter Geschäftspartner abgewickelt. Die Anzahl von beteiligten Personen, "die anlassbezogen mit wechselnder Zusammensetzung ein Projekt durchziehen", ist begrenzt. "Dass der Kern eines solchen Netzwerkes aus mehr als fünf bis acht Personen besteht, ist auf vielen illegalen Märkten selten", so Wehinger.

  • Gewinne werden überschätzt

"Die Gewinne aus illegalen Geschäften werden zumeist ins Phantastische überhöht", sagt Wehinger. Viele Akteure auf den illegalen Märkten seien "sozial randständige Personen", denen sonst keine Möglichkeiten offenstehen, "um mit legalen Tätigkeiten ein Auskommen zu erwirtschaften". Diejenigen, die illegale Handlungen ausführen und gleichzeitig das höchste Risiko der Entdeckung tragen, verdienen zudem in der Regel wenig.

Das große Geld wird von den Auftraggebern gemacht. "Die erfolgreichsten illegalen Operationen werden nicht von zwielichtigen Typen an irgendeiner Straßenecke vorgenommen, sondern von hochrangigen Führungspersonen in legalen Unternehmen", sagt Wehinger. Vor allem in der Finanzbranche würde das ganz große Rad gedreht. "Wobei hier die Grenze zwischen legal und illegal besonders schwierig zu ziehen ist", gibt der Ökonom zu bedenken.

  • Gewalt schadet dem Geschäft

"Gewalt wird weniger eingesetzt, als man oft denkt, denn Gewalt ist teuer", sagt Wehinger. Mit anderen Worten: Gewalt schadet dem Geschäft. "Man fällt der Polizei auf, verschreckt mögliche Kunden und jagt bisherigen oder zukünftigen Geschäftspartnern Angst ein, so dass diese nicht mehr mit einem kooperieren wollen." Meist bleibt daher eine Drohung im Hintergrund, die zum Beispiel zur Aufrechterhaltung der Zahlungsmoral angewandt werden muss.

Natürlich geht es dabei um den Ruf. "Wer als (potenziell) gewalttätig gilt, wird von den Geschäftspartnern weniger betrogen", heißt es in der Studie. Gewalt wird insgesamt also "wohldosiert und auf Grundlage rationaler Überlegungen" eingesetzt. Das liegt in der Eigenlogik wirtschaftlichen Handelns begründet: Man möchte das Vertrauen seiner Kunden und Partner nicht verlieren.

  • Komplett illegale Märkte sind selten

Häufig kommt es zu einer Vermischung von illegalen und legalen Märkten. Ein Beispiel ist der Holzmarkt. Durch das weit verbreitete Angebot aus illegalen Quellen werden die weltweiten Holzmarktpreise um sieben bis 16 Prozent gedrückt.

"Auf den höheren Stufen der Wertschöpfungskette ist der illegale Charakter des Geschäfts nicht mehr richtig sichtbar, beim Absatz an den Endabnehmer wird es sich oft schon um ein legales Geschäft handeln", sagt dazu Wehinger. "Ein illegaler Markt im eigentlichen Sinne ist dann oft nur am Anfang vorhanden. Durch und durch illegale Märkte wie der Handel mit verbotenen Rauschmitteln sind vergleichsweise selten."

  • Schattenwirtschaft hat wichtige soziale Rolle

Was heute noch illegal ist, kann schon bald als legitim eingeschätzt werden. Die Gesetze hinken Wehinger zufolge der gesellschaftlichen Entwicklung oft hinterher. Als Beispiel dafür nennt er die Auseinandersetzungen um das Urheberrecht.

Wehinger hält es für wichtig, zu unterscheiden, ob Akteure, die sich an illegalen Märkten beteiligen, überhaupt Alternativen haben. "In diesem Sinn erfüllt die Schattenwirtschaft in vielen Ländern eine wichtige soziale Funktion, da darin viele Menschen ein Auskommen finden."

Typen von illegalen Märkten

Die erwähnte Studie unterscheidet fünf Typen von illegalen Märkten:

Illegale Märkte

Typ I:

Das gehandelte Gut selbst ist verboten, also bereits seine Herstellung: Drogen, Menschenhandel, Kinderpornografie, Kinderprostitution.

Typ II:

Das Gut wurde gestohlen: Diebesgut (auch Autos, Kunst).

Typ II:

Das Gut wurde gefälscht: Fälschungen (auch Medikamente).

Typ IV:

Der Handel mit dem Gut ist verboten, also der Verkauf und meist auch der Kauf: Adoptionen, Organe, Ersatzmutterschaft, personenbezogene Daten (ohne Einwilligung).

Typ V:

Es wird gegen eine bestimmte Vorschrift, die die Herstellung des oder den Handel mit dem betreffenden Gut einschränken, verstoßen (Regulierungsverstoß; zum Beispiel Waffen, Zigaretten, Diamanten, Holz, Glücksspiel, Sicherheit).

Der nächste Teil der Serie "Schattenwirtschaft" erscheint am Donnerstag, dem 4. Oktober. Lesen Sie dann das Interview mit dem Korruptions-Experten Friedrich Schneider.

Die Presse - Testabo

Testen Sie jetzt „Die Presse“ und „Die Presse am Sonntag“ sowie das „Presse“-ePaper und sämtliche digitale premium‑Inhalte 3 Wochen kostenlos und unverbindlich.

Jetzt 3 Wochen testen
Kommentar zu Artikel:

Schattenwirtschaft: Gewalt schadet dem Geschäft

Schließen

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen