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Norwegen: Wenn Reichtum zum Problem wird

19.09.2012 | 18:18 |   (Die Presse)

Wer will einen normalen Job, wenn die boomende Ölindustrie deutlich höhere Löhne zahlt? In Norwegen fehlen Krankenpfleger und Lehrer. Wohnen wird immer teurer.

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Oslo/Bloomberg. Das 1969 vor der Küste Norwegens gefundene Erdöl hat dem Land unermesslichen Reichtum beschert. Doch der Ölboom, den Beobachter mit dem Goldrausch in den USA vergleichen, hat sich für einige zu einem Fluch entwickelt. „Es ist wie ein Erdbeben, eine Katastrophe”, sagt Per Swensen, Bürgermeister von Meloey, einem nördlich des Polarkreises gelegenen Bezirks, dessen 6600 Einwohner sich auf 755 Inseln verteilen.

Denn vom Ölreichtum kommt in Meloey nicht viel an, und der Solarkonzern Renewable Energy Corp. ASA hat aus Kostengründen im März eine Produktionsanlage mit 200 Mitarbeitern in Glomfjord geschlossen.

 

Höhere Preise als in Tokio

Orte wie Glomfjord sind Opfer der wachsenden wirtschaftlichen Kluft, die durch das Erdöl in Norwegen geschaffen wurde. Einerseits wurden durch den Boom aus einigen Fischerdörfern reiche Wohnorte, deren Immobilienpreise es mit Zürich und Tokio aufnehmen können. Andererseits ist es nirgendwo in Europa teurer, Geschäfte zu führen. Alle anderen Branchen haben es schwer, in dem Land etwas aufzubauen.

„Es würde mir besser gefallen, wenn wir mehr als nur ein Standbein heute und in Zukunft hätten“, sagt Hilde Bjoernland, eine Wirtschaftsprofessorin an der Norwegian Business School in Oslo. In der Herstellung beträgt der durchschnittliche Stundenlohn etwa 44Euro – das sind 31Prozent mehr als in Deutschland und sogar 65Prozent mehr als in den USA. Den exportorientierten Unternehmen macht zudem die starke Krone zu schaffen, die sich in den vergangenen dreieinhalb Jahren gegenüber einem Währungskorb der wichtigsten Handelspartner um 24Prozent verteuert hat. Dahinter stand nicht zuletzt der Wunsch von Investoren, sich angesichts der Finanzkrise im ölreichen Norwegen abzusichern.

Natürlich hat der Ölboom aus Norwegen ein Land gemacht, das andernorts von vielen beneidet wird. Die Norweger haben das dritthöchste Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt der Welt, die Arbeitslosenquote liegt unter drei Prozent, und Gesundheitsversorgung und Erziehung sind gratis. In dem durch den Ölreichtum gefüllten Staatsfonds stecken mittlerweile 640 Mrd. Dollar (490 Mrd. Euro), das entspricht 128.000 Dollar pro Einwohner.

 

Leben nicht mehr leistbar

Gleichzeitig schafft der Reichtum Probleme für den Wohlfahrtsstaat, da die Lebenshaltungskosten landesweit in die Höhe klettern. Stavanger beispielsweise lebte früher von seinen Fischfabriken, jetzt tummeln sich Menschen aus allen möglichen Ländern in der Stadt, hochpreisige Restaurants schießen wie Pilze aus dem Boden. Gleichzeitig sind die Kosten allerdings so stark gestiegen, dass sich Arbeiter aus der Gesundheitsbranche – beispielsweise Krankenschwestern – das Leben in Stavanger gar nicht mehr leisten können. Die örtlichen Krankenhäuser versuchen händeringend, Personal für die rund 40 freien Stellen zu finden.

Die Immobilienpreise haben sich in Stavanger seit dem Jahr 2000 verdreifacht. Das liegt vor allem an den Mitarbeitern von Exxon Mobil Corp., Total SA und anderen Ölgiganten, die in die Stadt strömen. Stavanger ist die fünftteuerste Stadt der Welt, vor Genf und Zürich. Oslo ist die Nummer zwei nach Tokio.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.09.2012)

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23 Kommentare

Klare Sache

Steigt die Nachfrage, steigen auch die Löhne. Einfacher wirtschaftlicher Zusammenhang. Man braucht eigentlich nichts mehr zu tun als Gesundheits- und Bildungswesen zu liberalisieren. Allein der Markt kann dafür sorgen, dass auch marktkonforme Gehälter bezahlt werden. Interventionismus ist wie immer unnötig auch wenn es sozialistisch verblendete nicht wahrhaben wollen.

Antworten Gast: 011001
20.09.2012 20:20
0 1

Re: Klare Sache

Ja, der Markt.
Ihre Wirtschaftstheorien stammen aus der Zeit vor den Dinosauriern ?

Gast: Fprester
20.09.2012 19:46
1 0

Das gleiche Problem hat die Schweiz

Die Schweiz hat das gleiche Problem. Nur dass es dort die Gehälter der Banker sind und nicht der Ölarbeiter, die zu Verzerrungen der Gehaltsstrukturen führen. Auch aus diesem Grund bin ich für eine Redimensionierung des Finanzplatzes der Schweiz. Die Schweiz könnte davon nur profitieren.

loch zustopfen, rest fuer forschung fuer erneuerbare energie ausgeben,

und passt.

wer zwingt die norweger zu fôrdern?

Gast: gast1984
20.09.2012 14:39
4 1

Norwegen könnte auch der EU beitreten, dann gibts mit zuviel Geld kein Problem mehr!

;-)

Gast: IO
20.09.2012 14:30
0 2

jetzt tummeln sich Menschen aus allen möglichen Ländern in der Stadt?

Rückführen - ein Problem weniger

Kaum zu glauben

das zu viel Geld auch ein großes Problem sein kann. Vor allem wenn es nur aus einer Quelle kommt.
Ich bin zwar kein Volkswirt, aber ich glaube Norwegen braucht unbedingt noch weitere starke Wirtschaftszweige in denen Leute arbeiten und Geld verdienen können.
Die Schere muss wieder zusammen gehen...

Gast: Be-obachter
20.09.2012 10:30
0 3

Ist nicht wahr, oder?

Kann mir wirklich ganz schwer vorstellen, dass soviele Leuteden eher ruhigen und ungefährlichen Pflegeberuf zugunsten dem rauen und einsamen Leben auf einer kalten sturmumbrausten Bohrinsel aufgeben.
Vor allem, weil der Bohrinseljob ja nicht gerade ein Traumberuf für Frauen ist...

Re: Ist nicht wahr, oder?

Haben Sie eine ungefähre Ahnung, was es heisst im Pflegeberuf tätig zu sein? Ich denke keineswegs, wenn sie von einem ruhigen Pflegeberuf reden.

Antworten Gast: trade
20.09.2012 11:52
2 0

Re: Ist nicht wahr, oder?

Das Problem gibt es nicht nur in Norwegen, sondern in vielen Ländern mit sehr großen Rohstoffvorkommen. Zumeist investieren große (internationale) Unternehmen und erhöhen durch ihre Ansprüche und Gehälter die Lebenshaltungskosten insgesamt. Für alle, die nicht in diesem Umfeld beschäftigt sind wird das Leben zunehmend nicht nur teurer, sondern auch nach und nach nicht mehr leistbar, so die anderen Bereiche nicht gehaltlich mitziehen. Dies betrifft Wohnen, Lebensmittel, Bildung, Gesundheitssysteme etc.

Es macht einfach einen Unterschied ob ein Expat im Rohstoffbereich (in einem "Entwicklungsland") zB 40.000 Euro monatlich bekommt für eine Tätigkeit für die er daheim in Südafrika, Brasilien etc. 5.000 Euro als Maximum verdiente. Sind x Personen aus y Ländern mit diesen etwa 40.000 Euro monatlich in einer Stadt / Abbaugebiet tätig, so paßt sich das Preisniveau sehr schnell an, da (auch) die Einheimischen am Kuchen mitnaschen wollen, ihre Wohnungen teurer vermieten, teils luxuriöser gestalten, das Wohlstandsgefälle nimmt somit zu, weshalb es insbesondere für Neuankömmlinge wesentlich schwieriger wird, sich in allen anderen Bereichen zu betätigen, die nicht aktiv daraus Geldmittel lukrieren können, zB, da das Bildungs- und Gesundheitswesen staatlich ist, landesweit eine bestimmte Gehaltsstruktur aufweist, die nicht durch andere Systeme (exorbitante Boni in denen der monatliche Bonus wesentlich über dem Gehalt liegt, um dort leben zu können und zu wollen) aufgefangen wird.

Antworten Antworten Gast: Be-obachter
20.09.2012 15:09
1 1

Re: Re: Ist nicht wahr, oder?

OK, das Leben wird teurer. Wissen wir anhand von Kitzbühel, St. Moritz usw.

Da aber - wie bereits erwähnt - nicht jedermann für einen der härtesten Berufe der Welt geeignet sein wird, wo arbeiten dann Durchschnittsmenschen?

Die können ja deshalb nicht einfach zuhause bleiben. Weil als Arbeitslose haben sie noch weniger Geld.

Falls sie in billigere Gegenden innerhalb Norwegens abwandern, müssen halt die gestopften Kranken und Schüler ein paar Kilometer weiter fahren. Die können sich das eh leisten. Wo soll da ein Problem sein?

ich sehe nur 'sozialistische' (pöse, ganz ganz pöse!) lösungen:

entweder werden die gehälter von lehrern und krankenschwestern durch staatliche zahlungen auf ein level gebracht, die diese jobs wieder finanziell konkurrenzfähig macht. (pöse transferzahlungen!)

oder die gehälter der ölbohrer werden so hoch besteuert, dass sie auf das level von lehrern und krankenschwestern zurückgehen (pöse steuern und pöse umverteilung!)

natürlich kann man auch die wirtschafts-liberale lösung ins auge fassen und alles so lassen, wie es ist. wenn man 'schneidig' genug ist, auf vom markt bestimmte nebensächliche dinge wie bildung und gesundheit zu verzichten, solange es ein paar glücklichen auserwählten supergut geht...

Antworten Gast: Halbwissen
20.09.2012 11:33
1 0

Re: ich sehe nur 'sozialistische' (pöse, ganz ganz pöse!) lösungen:

Wenn die Ölbohrer Lehrer etc brauchen, dann werden sie schon was zahlen, sonst werden sie keine bekommen !

Gast: Kuya
20.09.2012 01:49
0 1

Sozialer Gerechtigkeit.

. . . das Durchschnittseinkommen aller Unternehmen sollte sich mit dem landesweiten Einkommensdurchschnitt decken.
Gewinne, welche nicht direkt in das Unternehmen investiert werden, sollten der Infrastruktur des Staates dienen.

Gast: A Kärntner
19.09.2012 22:12
1 1

Angebot und Nachfrage

Bald werden die Löhne bei den Pflegern und Lehrern steigen: oder stimmt das nicht mehr?

KHG hülf ma!

Gast: b745
19.09.2012 20:57
1 8

schön dass es endlich sichtbar wird

dass das neoliberale system nur durch ausbeutung am leben gehalten wird

Antworten Gast: Halbwissen
19.09.2012 21:42
3 0

Re: schön dass es endlich sichtbar wird

Erklären Sie mir bitte den Zusammenhang mit diesem Artikel !

Re: Re: schön dass es endlich sichtbar wird

ist das tatsächlich so schwer zu verstehen?

das neolib-system sagt:
wenn du keinen (staatlichen) lehrer für dein kind findest und du dich durch einen mangel an krankenschwestern mangelhaft versorgt fühlst, dann engagiere dir doch einen privatlehrer und eine private krankenschwester.
immerhin verdienst du auf deiner ölplattform eh gut genug, um es dir leisten zu können!

Antworten Antworten Antworten Gast: Halbwissen
20.09.2012 11:30
2 0

Re: Re: Re: schön dass es endlich sichtbar wird

Und was hat das jetzt mit Ausbeutung zu tun ?

Werden ja gut bezahlt wenn man sie braucht. Aber der Privatlehrer der die Kinder von EINEM Ölplattformarbeiter unterrichtet kann nicht den Gehalt von zwei Ölplattformarbeitern bekommen so wie der staatliche Lehrer. Denn dazu müßte ja der Ölplattformarbeiter noch einen Kredit aufnehmen, den er nie abbezahlen kann, weil er ihn nicht erwirtschaftet.

Re: schön dass es endlich sichtbar wird

und was genau ist schön daran?

Antworten Gast: analyse
19.09.2012 21:29
0 0

Re: schön dass es endlich sichtbar wird

und in welchem system ist es besser?

Antworten Antworten Gast: situationselastisch
19.09.2012 22:13
0 0

Re: Re: schön dass es endlich sichtbar wird

in einem system, in dem auch krankenschwestern und lehrer mit ihrem gehalt leben können...

Antworten Antworten Antworten Gast: Halbwissen
19.09.2012 23:14
2 1

Re: Re: Re: schön dass es endlich sichtbar wird

Aber wenn man doch keine Krankenschwestern und Lehrer braucht !

Wenn sie gebraucht würden, dann würden sie ja auch einen Gehalt zum "gut leben können" erhalten, oder.

Hobbyökonom