Wien. Die in Wien gegründete Internetfirma Archify ist im Sommer nach Berlin übersiedelt. „Es war uns von Anfang klar, dass wir von Wien weg müssen“, sagt Ko-Gründer Max Kossatz zur „Presse“. Denn in Berlin gebe es eine interessantere Szene für Start-ups. Außerdem sei es in Österreich schwierig, Geld aufzutreiben. Daher sahen sich Kossatz und seine Kollegen im Ausland um. Im Frühjahr stieg die in London ansässige Beteiligungsgesellschaft Balderton Capital bei Archify ein. „Balderton glaubt an unsere Idee“, so Kossatz.
Alarmierende Studienergebnisse
Archify bietet ein Zusatzprogramm für den Internet-Browser an, mit dem automatisch alle Webseiten, die man besucht, für einen späteren Zeitpunkt gespeichert werden. Archify ist kein Einzelfall. Die in Österreich gegründeten Internetfirmen Qriously und Garmz (heute Lookk) sind nach London übersiedelt, an Qriously beteiligte sich der Risikokapitalgeber Accel Partners. Dass sich junge und innovative Unternehmen aus Österreich verabschieden, wird unter anderem mit dem mangelnden Risikokapital begründet. Dazu liegt jetzt auch die Studie „Risikokapital in Österreich“ vor, die vom Wirtschaftsministerium und von der Austria Wirtschaftsservice (AWS) in Auftrag gegeben wurden. Die Ergebnisse sind alarmierend.
Denn anders als in Europa hat sich in Österreich der Risikokapitalmarkt seit Ausbruch der Finanz- und Wirtschaftskrise nicht mehr erholt. 2007 standen in ganz Europa den Unternehmen 82,9 Mrd. Euro an frischem Risikokapital zur Verfügung. Im Zuge der Finanzkrise sank das Volumen 2009 auf 17,7 Mrd. Euro. Damit war die Talsohle erreicht, und es ging wieder aufwärts. Bis Ende 2011 kletterte der Risikokapitalmarkt europaweit auf 39,7 Mrd. Euro.
Im Erfolgsfall winken hohe Renditen
In Österreich verlief die Entwicklung anders: Hierzulande gab es im Vorjahr 109 Mio. Euro für innovative Unternehmen. Das war nicht nur weniger als 2007, sondern auch als 2009 (siehe Grafik). Risikokapital spielt vor allem bei jungen, innovativen und technologieorientierten Firmen (Start-ups) eine Rolle. Da diese für einen Bankkredit nicht die erforderlichen Sicherheiten aufbringen können, steigt meist ein Investmentfonds ein und stellt das notwendige Geld zur Verfügung. Eine solche Beteiligung ist mit einem hohen Risiko verbunden. Scheitert das Geschäftsmodell des Start-ups, ist ein Totalausfall des eingesetzten Kapitals möglich. Im Erfolgsfall winken allerdings hohe Renditen.
Warum gibt es in Österreich so wenig Risikokapital? In der Studie wird dies unter anderem mit dem Rückzug der Banken aus diesem Bereich begründet. In den Jahren vor der Krise waren die Banken die dominanten Investoren in österreichischen Risikokapitalfonds mit einem Anteil am jährlich frisch aufgebrachten Kapital von bis zu 80 Prozent. Ab dem Jahr 2009 hat die öffentliche Hand diese Rolle übernommen. Sie trägt seither von 40 bis 75 Prozent zum jährlichen Aufkommen von Risikokapital bei.
Unter die „öffentliche Hand“ fallen laut der Studie verschiedene öffentliche Einrichtungen – wie etwa die Austria Wirtschaftsservice (AWS), aber auch der Europäische Investitionsfonds und die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung.
Grundsätzlich muss man zwei Fondsmodelle unterscheiden: „Venture Capital“-Fonds spezialisieren sich vor allem auf die frühen Wachstumsphasen von innovativen Kleinbetrieben und zählen damit zu den Frühphaseninvestoren. Anbieter von „Private Equity“-Fonds fokussieren dagegen auf reifere und entwicklungsstarke Wachstumsbetriebe, die beispielsweise vor einer Unternehmensnachfolge stehen oder aus anderen Gründen veräußert werden. Sie gehören zu den Spätphaseninvestoren.
Die österreichischen Fonds sind zu klein
Laut der Studie geht in Österreich vor allem den „Venture Capital“-Fonds das Geld aus. Die wenigen österreichischen Risikokapitalfonds seien zu klein, um junge Unternehmen in ihrer frühen Entwicklungsphase zu unterstützen. „Um die hohen Risken von Frühphaseninvestments besser managen zu können, müssen große Portfolios von Beteiligungsunternehmen aufgebaut werden“, schreiben die Studienautoren. Nur so lasse sich eine ausreichende Risikodiversifizierung gewährleisten.
Ausländische Fonds, die über genügend Kapital verfügen, interessieren sich laut der Studie kaum für den österreichischen Risikokapitalmarkt, weil ihnen die in Österreich geltenden Strukturen und Funktionsmechanismen unbekannt seien.
Um den Markt zu beleben, will Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner ab dem nächsten Jahr im Rahmen einer Jungunternehmeroffensive über zwei neue Fonds zusätzlich 110 Mio. Euro zur Verfügung stellen.
Im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern hat sich der Risikokapitalmarkt in Österreich seit Ausbruch der Finanz- und Wirtschaftskrise nicht erholt. Im Vorjahr standen in Österreich nur 109 Millionen Euro für junge und innovative Firmen zur Verfügung. Dies hängt mit dem Rückzug der Banken aus diesem Bereich zusammen. Nun sollen öffentliche Einrichtungen einspringen. Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner will für zwei neue Fonds zusätzlich 110 Mio. Euro bereitstellen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.10.2012)
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