19.06.2013 03:40 Merkliste 0

Sozialforscher: „Wohlstand wird weniger werden“

05.10.2012 | 18:23 |  NORBERT RIEF (Die Presse)

Die Welt nach der Krise werde nicht wie jene vor der Krise sein, sagt Sozialforscher Berthold Vogel. Vor allem die Mittelschicht wird von Wohlstandskonflikten betroffen sein.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Die Presse: Unter den Österreichern überwiegt laut einer Umfrage Zuversicht und gute Stimmung. Ist die Krise noch nicht bei den Menschen angekommen?

Berthold Vogel: Das ist eine interessante Beobachtung. Fragt man die Menschen, ob ihr Land in der Krise ist, sagen sie mehrheitlich Nein. Wenn man sie auf ihre konkrete Lebenssituation anspricht – wie sie die Zukunft sehen, die Zukunft ihrer Kinder, die Entwicklung des eigenen Wohlstands –, dann überwiegt die Sorge.

Geht es den Menschen heute schlechter als vor drei, vier Jahren?

Jenen in prekären Beschäftigungsformen sicherlich. Sie werden hin- und hergeschoben, sie waren der Krisenpuffer. In der Mitte der Gesellschaft sorgen sich die Menschen wiederum um ganz zentrale Stützpfeiler ihrer Lebensführung: um die Programme des Staates, die unter anderem den eigenen Wohlstand sichern. Sparprogramme werden diskutiert, und damit wird die staatliche Handlungsfähigkeit infrage gestellt.

Wird es in Zukunft weniger Staat geben?

Es wird auf jeden Fall weniger staatliche Leistungsfähigkeit geben, daran führt kein Weg vorbei.

Erleben wir den Anfang vom Ende des Wohlfahrtsstaates?

In Griechenland und Spanien sind wir schon mittendrin im Ende des Wohlfahrtsstaates. Bei uns, in Österreich und Deutschland, befinden wir uns in einer Übergangsphase: Wir erleben das Ende eines bestimmten Typus des Wohlfahrtsstaates. Der umsorgende Staat, der auch einen gesellschaftlichen Anspruch stellt und gesellschaftsgestaltend sein will – den wird es nicht mehr geben.

Weil er es sich nicht mehr leisten kann oder weil die Menschen es nicht mehr wollen?

Einerseits nimmt die Leistungsfähigkeit aus fiskalischen Gründen ab. Andererseits sind die Ansprüche an den Staat ein Problem geworden. Die Gesellschaft ist vielfältiger geworden und stellt auch viele unterschiedliche Anforderungen, was die Art zu arbeiten und zu leben betrifft. Der Staat reagiert mit Zurückhaltung, er ist zögerlicher geworden.

Wenn der Staat immer weniger mitgestalten kann und will, werden wir dann einen Kampf um die Leistungen des Staates erleben?

Ich denke schon. Die entscheidenden sozialen und materiellen Konflikte werden bei uns nicht so sehr zwischen Arm und Reich ausgetragen, sondern das wird in der Mitte der Gesellschaft stattfinden. Gerade die Mitte hat vom Wohlfahrtsstaat profitiert. Jetzt, da die Ressourcen schwinden, gibt es eine Auseinandersetzung darüber, wem Förderungen und Zuwendungen genommen werden, wer sie bekommt, wer sie behält. Das wird zu Wohlstandskonflikten führen, zu Verteilungskämpfen um die Zuwendungen des Staates. Die Probleme der Mittelschicht werden immer größer, es gibt mehr prekäre Beschäftigungsverhältnisse, sie wird sich stärker in Gewinner und Verlierer aufteilen.

Und weiter schrumpfen?

Weniger werden, aber auch ungleicher. Die untere Mittelschicht wird sehr damit beschäftigt sein, den Abgrenzungskampf nach unten erfolgreich zu führen. Da ist viel Bewegung im Spiel und viel Potenzial für Konflikte. Die Mittelschicht wird an Bedeutung verlieren.

Was bedeutet das für die Gesellschaft? Aristoteles hat festgestellt, dass die Mittelschicht die Geheimwaffe der Demokratie sei, weil sie am ehesten der Vernunft gehorcht. Ein Staat mit einer starken Mittelschicht ist für Aristoteles die beste Form.

Im aristotelischen Sinn ist eine Gesellschaft mit einer starken Mitte friedfertiger, solidarischer, demokratiefähiger. Insofern muss man Sorge haben um eine Gesellschaft, die mit Abstiegsprozessen konfrontiert ist, mit Konflikten um Status, Wohlstand und Selbstbehauptung. Sozialer Ausgleich wird in so einem Umfeld schwieriger. Wohlstandskonflikte haben einen zerstörerischen Effekt auf die Gesellschaft. Möglicherweise muss die Politik jene mehr in die Pflicht nehmen, die derzeit Privilegien genießen, um so ein gewisses Maß an gesellschaftlicher Integration und Friedfertigkeit zu erhalten.

Ist die in vielen Staaten schon eingeführte oder diskutierte Reichensteuer eine adäquate Reaktion?

Die Frage ist, ob das finanziell genügt. Der Staat wird in Zukunft entweder allgemein Steuern erhöhen oder Leistungen drastisch reduzieren müssen.

In Österreich haben wir bereits eine Abgabenquote von 43 Prozent, da ist nicht mehr viel Spielraum nach oben. Bleibt also nur die Kürzung von staatlichen Leistungen?

Man muss sich durchaus fragen, welche noch notwendig sind und welche wir uns leisten wollen. Was wollen wir vom Staat, welchen Staat wollen wir, was soll der Staat leisten, was soll er nicht machen, was können andere leisten? Eine solche Diskussion ist unausweichlich, weil die Ressourcen des Staates begrenzt sind.

Der Mittelstand gerät ja auch wegen der steigenden Lebenskosten unter Druck. In Israel demonstrieren Familien gegen die gestiegenen Preise für Wohnungen und Lebensmittel. Müssen wir künftig genügsamer werden, wird der Wohlstand weniger werden?

Auf jeden Fall. Unsere Vorstellung von dem, was Wohlstand ist, steht auf dem Prüfstand. Gerade die Mitte ist dominiert von Wohlstandsvermehrung. Durch die Krise bekommen wir aber sehr deutlich vor Augen geführt, dass künftige Generationen den Lebensstil, den wir über Jahrzehnte praktiziert haben, nicht mehr haben werden.

Wird nach der Krise nicht vor der Krise sein?

Noch glauben viele, dass das genau so ist, dass wir wieder auf den alten Pfad zurückkommen, wenn nur die Wirtschaft wieder wächst. Das wird definitiv nicht so sein. Die nachfolgenden Generationen werden mit weniger zurechtkommen müssen als die jetzige Generation und um das kämpfen, was zu verteilen ist.

Da sind wir wieder bei den Wohlstandskonflikten.

Genau. Die Menschen werden sagen, sparen muss man bei den anderen, nicht bei mir. Und wieder andere werden sagen, jetzt sind wir endlich einmal am Zug, bisher haben immer die anderen die Privilegien genossen. Das gefährdet den Zusammenhalt der Gesellschaft.

Wird unsere Gesellschaft insgesamt unsolidarischer werden?

Das ist die ganz zentrale Gefahr. Wenn es ans Eingemachte geht, um den eigenen Wohlstand, um Statusfragen, dann ist es mit der Solidarität vorbei. Solidarität ist immer dann einfach, wenn es viel zu verteilen gibt.

Zur Person

Berthold Vogel, Jahrgang 1963, leitet das Soziologische Forschungsinstitut an der Universität Göttingen in Deutschland und ist unter anderem Mitarbeiter am Hamburger Institut für Sozialforschung von Jan Philipp Reemtsma. Bekannt wurde er mit seinem Buch „Wohlstandskonflikte. Soziale Fragen, die aus der Mitte kommen“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.10.2012)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

Mehr auf DiePresse.com

160 Kommentare
 
12 3 4

naütrlich, jede Party hat ein Ende!

Die Unter-und Mittelschicht und vorallem Personen mit geringem Einkommen haben vom subventionierten Wohlstand am meisten profitiert. Das ist jetzt zu Ende - jetzt, auch wenn es schwer ist, geht es zurück in die Realität.
Die Subenvtionsgeber: zukünftige Generationen, Entwicklungsländer über billige Rohstoffe und die Möglichkeit über Staatsschulden den Wohlstand zu subventionieren fallen aus.

Gast: Na und?
08.10.2012 07:08
2 0

Wohlstand gegen Korruption...

...so heißen die Fronten.

Korruption hat in den letzten Jahren und Jahrzehnten Geld vernichtet und keinen Gegenwert geschaffen.

Schuld ist nicht "die Krise", sondern die Korruption. Die kostet Unsummen, das Geld wird irgendwo bei Bund/ Ländern/ Gemeinden verplempert.

Dank Föderalismus hat sich die Freunderlwirtschaft und Packelei bis ins kleinste Dorf ausgebreitet.

Wer Wohlstand für sich will, muß den Politikern wieder das Fürchten lernen. Ansonsten landen wir bei einer Steuerbelastung von 70 % und noch immer ginge es sich nicht aus!

Re: Wohlstand gegen Korruption...

korrekt! Korruption wird verursacht durch zu viel Staatseinfaluß. Weniger Staat - weniger Korruption.

Wenn wir uns nur ansehen, wieviel Kapital vernichtet wird durch Schmiergeldzahlungen im staatlichen Krankensystem.

Gast: Christkind
07.10.2012 17:53
0 0

Fangt schon mal an den neuen Text zu üben: Strooonach der Retter ist da-a, Stro.......

Die Melodie ist Euch ja geläufig.

Gast: Hilfe erbeten
07.10.2012 16:44
1 0

Wer hat schon einmal einen konstruktiven Kommentar von UKW gelesen?

Bitte wann und wo?

Gast: Zyni
07.10.2012 16:06
3 0

Sorry Ich schei. auf einen Wohlfahrtsstaat

der sich immer mehr zum Großen Bruder/Schwester entwickelt. Absicherung gegen Härtefälle ja, aber keine Luxusausstattung mit Bevormundungsfaktor.

Gast: fefe
07.10.2012 13:57
0 1

Eure Sorgen möcht ich haben!

Mir ist gerade ein Fingernagel abgebrochen! Schluchtz!

Gast: ..uzifix
07.10.2012 12:08
1 2

Her mit satten Erbschafts-, Schenkungs-, Vermögenszuwachs- und Vermögenssteuern!

Und weg mit der Mehrwertsteuer - da haben alle was davon! Denn per Mehrwertsteuer wird das bereits einmal versteuerte Arbeitseinkommen DERSELBEN Person beim Ausgeben noch einmal versteuert (=echte Doppelbesteuerung).
Leistungslose Einkommen werden dagegen gar nicht versteuert!
Das ist in höchstem Maße ungerecht!

Antworten Gast: övp
07.10.2012 13:28
0 0

Re: Her mit satten Erbschafts-, Schenkungs-, Vermögenszuwachs- und Vermögenssteuern!

Nur über unsere Leichen!

Antworten Antworten Gast: Schegsbia
07.10.2012 13:59
1 0

Re: Re: Her mit satten Erbschafts-, Schenkungs-, Vermögenszuwachs- und Vermögenssteuern!

Wie es Euch gefällt!

Gast: Schadenfreude
07.10.2012 11:49
1 3

Der Mittelstand wird solange für die Reichen zahlen solange er sich selbst bald bei den Reichen wähnt!

Der Mittelstand hat immer nach unten getreten, in der Hoffnung so nach oben zu kommen. Jetzt wird er unten aufschlagen. Recht geschieht ihm - dem "Mittelstand"! Denn nach unten geht es viel leichter und schneller - und Platz ist dort auch mehr.

Antworten Gast: 07.10.2012 13:31
07.10.2012 13:32
0 1

Re: Der Mittelstand wird solange für die Reichen zahlen solange er sich selbst bald bei den Reichen wähnt!

Genau! Der "Mittelstand" hätte sich halt rechzeitig darum kümmern sollen, daß es da unten nicht so hart ist!

Antworten Antworten Gast: UKW
07.10.2012 14:42
1 0

Re: Re: Der Mittelstand wird solange für die Reichen zahlen solange er sich selbst bald bei den Reichen wähnt!

Der Genosse führt wieder Selbstgespräche.

Antworten Antworten Antworten Gast: UKW
07.10.2012 16:40
0 0

Re: Re: Re: Der Mittelstand wird solange für die Reichen zahlen solange er sich selbst bald bei den Reichen wähnt!

Selbst wenns so wäre - schlecht sind sie nicht!

Antworten Antworten Antworten Antworten Gast: UKW
07.10.2012 19:52
0 0

Re: Re: Re: Re: Der Mittelstand wird solange für die Reichen zahlen solange er sich selbst bald bei den Reichen wähnt!

Es ist so, dies zu bestreiten ist ebenso amüsant wie lächerlich.

0 0

juchu

eine UMfrage,ein gutACHTEN,Ein Ausscha uss,ein Arbeitsessen ,da ist kein Forscher für Wohlbefinden nötig.

Gast: Blümchen
07.10.2012 11:27
1 0

Wenn man Euch vertreibt, beraubt, bestiehlt, betrügt, schädigt, die Versicherung nicht zahlen will, dann ruft nicht nach dem Staat und seinen Institutionen, sondern macht Euch das mit den Verbrechern selber aus!

Denn für Schutz und Verteidigung Eurer Reichtümer durch den Staat (Militär, Polizei, Gesetzgebung, Justiz, Bürokratie, BANKENRETTUNG, etc.) wollt Ihr ja kein Geld (Vermögenssteuern) herausrücken!

0 0

Wer sind die Verbrecher?


So einfach ist das wieder nicht.

Mir kommt vor, dass eher die Reichen die Verbrecher sind.

Ungeniert und dumm, wie es eben nur geistig schwachen Menschen gelingt.

Ich liebe dieses Zitat (sinngemäß) von Bert Brecht:
"Sie können nur reich sein, weil ich arm bin" ...

Was für ein Denker :-O



Gast: Markus Trullus
07.10.2012 09:31
4 0

Ehhh kloar....

"„Wohlstand wird weniger werden“ mein Gott, auf so eine Banalität wär niemand von uns gekommen. Wenn Steuern zum Stopfen der Staatskassen und Banklöchern und der Goldman Sachs massiv erhöht werden müssen, und da natürlich von der Mehrheit der Bevölkerung (dem Mittelstand, wem sonst??), dann bleibt viel weniger für den Konsum. Wenn nun Energie und alle unbedingt notwenigen, meist in Staatshand (na geh!) befindlichen Versorgern auch die Preise ebenso massivst nach oben schnaltzen lassen, dann geht Wohlstand "flöten"! EH klar, so watscheneinfach sind die "komplexen Zusammenhänge der Wirtschaft", Hausverstand einschalten beim Wählen! Gebot der Stunde!

Gast: Wastl333
07.10.2012 02:28
12 0

Es ist immer das selbe Spiel!

Der grösste Feind des sozialen Wohlstandes ist die Korruption. Je korrupter der Staat desto mehr Staatsschulden desto weniger sozialer Wohlstand. Verantwortung dafür tragen unsere Staatsdiener. Denn Sie haben die Aufgabe die Korruption zu unterbinden. Das es ihnen nicht gelingt sieht man daran das ein Staat nach dem anderem vor der Pleite steht. Man kann sagen Staatsschulden und Korruption sind wie eine Droge und Drogen führen bekanntlich nur all zu Oft in den Abgrund. Der Mensch ist halt nur ein Mensch. Lass dir deine Honigernte von einem Bären bewachen am nächsten Tag weißt du was dich erwartet. Mensch-Geld-Schuld-Krieg die Geschichte bestätigt es immer und immer wieder.

Antworten Gast: pan-tora
07.10.2012 07:43
0 0

Re: Es ist immer das selbe Spiel!

"Der grösste Feind des sozialen Wohlstandes ist die Korruption. Je korrupter der Staat desto mehr Staatsschulden desto weniger sozialer Wohlstand."
sehr interessant, ich wuerde meinen, der groeszte feind des sozialen wohlstandes heiszt schuldgeld bzw. zins!?!

Antworten Antworten Gast: Halbwissen
07.10.2012 10:15
1 0

Re: Re: Es ist immer das selbe Spiel!

Schuldgeld und Zins an sich ist nicht das Problem !

Wastl333 hat schon recht, das Problem sind Schulden die andere bezahlen sollen.

Gast: expertenjaja
07.10.2012 00:02
3 0

na des weiß schon der kleine maxi; der wohlstand(pensionen..) des volkes wir massiv weniger werden und der reichtum einer geldelite und hochfinanz IST unverstellbar größer geworden.


Kommunitarismus nimmt mit der Krise zu

Nicht in Vergessenheit geraten sollte die Nachkriegszeit, die die Ursache der sozialen Marktwirtschaft war.
Heute ist z.B. In Irland zu beobachten, dass die Hilfsbereitschaft in der Krise wieder zunimmt: Delogierte Familien bekommen Hilfsangebote von Nachbarn, Freunden und Familienangehoerigen.

...

die deutschen haben Wohlstand??

 
12 3 4

Hobbyökonom