Paris. Thierry Peugeot (55) kam dieser Tage persönlich zur Feier des hundertjährigen Bestehens der Autofabrik im ostfranzösischen Sochaux-Montbéliard. Von den Sorgen, die derzeit das französische Familienunternehmen Peugeot-Citroën (PSA) plagen, ließ er sich nichts anmerken: „Wie immer, wenn ich nach Sochaux komme, bin ich extrem glücklich.“ Seine Festfreude wirkte auf die anwesenden Arbeiter nicht sehr ansteckend. Die Firma hat drastische Sparpläne angekündigt.
Der Chef der Besitzerfamilie (sie hält 25 Prozent der Anteile) sieht keinen Grund zur Angst vor einer Produktionsverlagerung: „Wir sind stolz auf dieses Werk, das ein Emblem unserer historischen Verankerung in Frankreich ist, an der wir festhalten wollen.“ Solche Zusicherungen hätten gewiss auch die Beschäftigten in anderen Fabriken der Gruppe gern gehört.
Regierung konnte nicht helfen
Rund 8000 Jobs – das entspricht zehn Prozent der Beschäftigten in Frankreich – sollen abgebaut werden. 5000 Stellen wurden bereits gekürzt. Die Produktionsanlage in Aulnay-sous-Bois mit 3400 Beschäftigten soll noch vor 2014 stillgelegt werden. Eine Beschwerde, die Gewerkschaften dagegen eingelegt hatten, wurde vom Gericht wegen Formfehlern abgewiesen.
Auch die Linksregierung von Frankreichs Präsident François Hollande, der letzteren Schritt unlängst als „in dieser Form nicht akzeptabel“ bezeichnet hatte, muss die Umstrukturierung als unabwendbar hinnehmen. Der von der Regierung eingesetzte, unabhängige Experte Emmanuel Sartorius hielt fest, dass die Situation von PSA womöglich um einiges weniger rosig ist, als man gehofft hatte. Noch dramatischer sieht es für die zahlreichen Zulieferbetriebe der französischen Automobilindustrie aus.
Nach Verlusten von 806 Mio. Euro im ersten Halbjahr 2011 und 218 Mio. Euro im zweiten Halbjahr belaufen sich die Einbußen für PSA mittlerweile auf 819 Mio. Euro (im ersten Halbjahr 2012). Eine Besserung ist nicht in Sicht.
PSA bezahlt heute den Preis für seine „historische Verankerung“ im Stammland Frankreich, wo noch 37 Prozent der Peugeot- und Citroën-Modelle produziert werden (bei Renault sind es im Vergleich dazu 23 Prozent). 85 Prozent der Motoren werden in Frankreich hergestellt, auch die Forschung und Entwicklung ist zu 90 Prozent dort angesiedelt. Auch beim Verkauf hängt PSA mit einem Anteil von 58 Prozent vom europäischen Markt ab, der am stärksten von der Krise betroffen ist.
Konkurrenz fasste im Ausland Fuß
Gerade der Patriotismus der Gründerfamilie hat es der Firmenleitung in den letzten Jahren schwer gemacht, rechtzeitig industrielle Allianzen oder Fusionspartner zu suchen und in Asien und Amerika Fuß zu fassen, wie dies dem einst staatlichen Konkurrenten Renault (dank Nissan, Dacia und AvtoVAZ-Lada) gelungen ist.
Für die Verkaufsrückgänge von PSA (minus 13 Prozent im ersten Halbjahr 2012) gibt es noch weitere Ursachen. So geraten die von PSA vorzugsweise fabrizierten Dieselmotoren besonders in Frankreich wegen krebserregender Feinpartikel unter Beschuss.
Dem Autohersteller Peugeot (PSA) macht die starke Konzentration auf den Heimatmarkt Frankreich zu schaffen. Dem Konkurrenten Renault sowie den deutschen Autobauern ist es besser gelungen, im Ausland Fuß zu fassen und die Nachfrageschwäche in Westeuropa zu kompensieren. Seit einem Jahr ist der Aktienkurs von PSA um 60 Prozent eingebrochen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.10.2012)
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