Moskau. Es wird wie die Erinnerung an glanzvolle Zeiten sein. Der einstige deutsche Kanzler Gerhard Schröder, Chef des Nordstream-Aktionärsausschusses, wird heute, Montag, genauso ins russische Wyborg kommen wie Gazprom-Chef Alexej Miller. Am Ende werden Staatschefs aus Europa und Russland ihre Grußbotschaften an den Ort nördlich von St.Petersburg senden. Und nach alter Manier den russischen Branchentoast ausgeben: „Sa vas, sa nas, sa Gas!“ („Auf euch, auf uns, auf's Gas!“)
In der Tat gibt es etwas zu feiern. Schließlich wird der zweite Strang der Ostseepipeline „Nordstream“ eröffnet, sodass nun 55 Milliarden Kubikmeter, das Sechsfache des österreichischen Jahresverbrauchs, direkt nach Deutschland und somit in die EU fließen können. Damit ist das Projekt abgeschlossen. Denn auch wenn über weitere Stränge nachgedacht wird, so liegen diese doch in ferner Zukunft.
Streit nun auch mit Litauen
In der Gegenwart sind ohnehin andere Schwierigkeiten zu meistern. Vor allem Gazprom hat andere Sorgen, als über weitere Leitungskapazität zu grübeln. Schier von allen Seiten nämlich erwächst dem weltweit größten Gaskonzern Widerstand. Zuletzt aus Litauen. Dort will die Regierung Gazprom auf 1,5 Mrd. Euro Schadenersatz verklagen: Der Konzern habe über das litauische Unternehmen Lietuvos Dujos (LD), an dem er beteiligt ist, vereinbarungswidrig zu überhöhten Preisen geliefert.
Litauen zeigt im Mikrokosmos, was im Makrokosmos zwischen Gazprom und der EU an Konflikten schwelt. So hat die EU-Kommission im September ein Verfahren gegen Gazprom wegen angeblichen Missbrauchs der Marktmacht in Osteuropa eingeleitet. Wenig Wunder, dass Kremlchef Wladimir Putin der Kragen platzte und er nun erklärte, der Forderung nach einem Unbundling (wonach ein Lieferant nicht gleichzeitig das Leistungsnetz besitzen sollte) nicht nachzukommen: Wenn den Europäern die Preise zu hoch seien, sollten sie die Steuern senken, sagte er.
Konkurrenz durch Schiefergas
Die Situation ist ziemlich verfahren. Dies, obwohl Gazprom den meisten Abnehmern zuletzt Preisnachlässe gewährt hat. Gazprom hat damit sachte eingestanden, dass sich der Gasmarkt doch fundamentaler geändert hat, als man dies in Russland zugegeben hatte. Die Schiefergas-Revolution in den USA hat eine beispiellose Konkurrenz in Europa geschaffen, auf die Gazprom nur träge reagiert. Und weil die USA selbst nun als Markt wegfallen, musste Gazprom die Erschließung des arktischen Gasfeldes Schtokman stoppen.
Russland müsse sich der Konkurrenz stellen, erklärt Leonid Michelson, Chef des russischen Gazprom-Konkurrenten „Novatek“: Effizienz erhöhen und mehr in Flüssiggas (LNG) investieren. Gazprom hat LNG bisher vernachlässigt und verfügt kaum über LNG-Terminals.
Über Jahre ist der Konzern im In- und Ausland durch seine Marktmacht verwöhnt gewesen. Gerade auch durch den europäischen Markt hat er im Jahr 2011 44,5 Milliarden Dollar verdient. Nun ist die Euphorie gedämpft, weil der Gewinn im ersten Quartal 2012 um 23 Prozent zurückging. Und zu Hause lässt die Regierung die Fördersteuer nach oben schnellen.
Der Chef des russischen Kartellamtes, Igor Artemjev, stellt jedenfalls klar, dass der Konzern nicht so tun solle, als wäre er arm. „Wenn er bitten kommt, werden wir ihm den Exportumsatz und die Rentabilität vorrechnen“, sagte Artemjev: „Ich denke, dass Gazprom ein extrem ineffizientes Unternehmen ist, das ausreichend Geld hat und einfach Ordnung im Haushalt machen muss.“
Beschränkungen für Konkurrenten fallen
Präsident Wladimir Putin erklärte dieser Tage, dass für etwaige Korruption im Konzern die Polizei zuständig sei. Aber darüber hinaus müsse man auch Beschränkungen für Konkurrenten aufheben. Mit diesen– etwa Novatek – wird der Konzern beizeiten teilen müssen. Das Geschäft in Europa aber überlegt er zu verteidigen, indem er es in die Schweiz verlegt und so den EU-Ermittlungen entzieht. Nicht ausgeschlossen, dass mancher morgen in Wyborg auch darauf trinkt.
Dem weltgrößten Gaskonzern Gazprom machen Streitereien mit europäischen Kunden und Partnern sowie die wachsende Konkurrenz durch die Schiefergas-Revolution in den USA zu schaffen. Die Gewinne des erfolgsverwöhnten Unternehmens waren im ersten Quartal rückläufig, zusätzlich wurde die Fördersteuer erhöht. Kritiker werfen dem Konzern vor, sich wenig um die Erhöhung der Effizienz gekümmert zu haben.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.10.2012)
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