Wien/Berlin/ju/red. In Deutschland läuft die Ökostromförderung völlig aus dem Ruder: Weil Solar- und Windstromerzeuger viel mehr produzieren als erwartet, wird der Ökostromzuschlag für private Stromabnehmer im kommenden Jahr wahrscheinlich um rund 50 Prozent auf 5,4 Cent je Kilowattstunde explodieren. Ein Durchschnittshaushalt wird dann 175 statt bisher 125 Euro im Jahr Ökozuschlag bezahlen.
Für den Chef des deutschen Kartellamts, Andreas Mundt, ist das „völlig unverhältnismäßig“: Allein die Zuschläge würden dann bereits so viel ausmachen, wie Strom im Schnitt an den Strombörsen koste. EU-Energiekommissar Günther Oettinger warnte, dass die Akzeptanz der Verbraucher für die Energiewende bei derart steigenden Kosten „nicht unbegrenzt“ sei.
Produktion trifft nicht Nachfrage
Das Hauptproblem: Die Ökostromförderung ist sehr planwirtschaftlich organisiert. Den Ökostromproduzenten muss die gesamte Produktion bis zu 20 Jahre lang zu fixierten, weit über den Markttarifen liegenden Preisen abgenommen werden. An den Strombörsen muss besonders der Solarstrom aber verschleudert werden, weil die Produktionsspitzen meist zu eher verbrauchsarmen Zeiten (etwa an sonnigen Sommernachmittagen) auftreten.
Das Ergebnis ist ein dramatisches Defizit: In den ersten neun Monaten wurden den deutschen Wind- und Solarstromproduzenten knapp 16 Mrd. Euro überwiesen, wovon mehr als zehn Mrd. Euro von den Konsumenten über Ökostromzuschläge aufgebracht wurden. Der so teuer gekaufte Ökostrom brachte an den Börsen aber nur 2,4 Mrd. Euro Erlös.
Weil ein derartiges Modell bei steigender Ökostromerzeugung nicht finanzierbar ist, wird nun intensiv über neue Fördermodelle nachgedacht. Im Gespräch ist ein Quotenmodell, das die effizientesten Erzeugungsanlagen (im Moment sind das „Onshore“-Windkraftwerke) bevorzugt. Fest steht für das deutsche Kartellamt jedenfalls, dass die Kombination aus planwirtschaftlicher Förderung und Marktabsatz in einem liberalisierten Markt nicht funktioniert – und deshalb möglichst schnell abgeschafft werden muss.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.10.2012)
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