Wien. Wenn Politiker und Experten dieser Tage über den Arbeitsmarkt sprechen, dann mit drastischen Worten. So auch Guy Ryder, Generaldirektor der UN-Arbeitsorganisation ILO. Durch die Schuldenkrise drohe Millionen von Menschen das Absinken in einen „sozialen Sumpf“, so Ryder auf der Jahrestagung des IWF.
Der IWF senkte Anfang der Vorwoche seinen Ausblick für die Weltwirtschaft im Jahr 2013 auf 3,6Prozent. Nun hat auch die ILO ihre Prognose angepasst. Schon bisher gingen die Experten davon aus, dass nächstes Jahr weltweit rund vier Millionen Arbeitsplätze verloren gehen werden. Nun rechnet sie auf Basis der aktuellen Prognose mit sieben Millionen Jobs weniger, wenn die Regierungen keine „entschlossenen Gegenmaßnahmen“ ergreifen. Und das zusätzlich zu jenen 30 Millionen Arbeitsplätzen, die seit Ausbruch der Finanzkrise vor vier Jahren vernichtet worden seien.
Laut ILO haben 200 Millionen Menschen weltweit keine Arbeit. Weitere 900 Millionen hätten zwar einen Job, verdienten aber so wenig, dass sie und ihre Familien trotzdem unter der Armutsgrenze lebten. Besonders alarmierend sei, dass etwa ein Drittel aller Arbeitslosen jünger als 25 Jahre sei. Und zwar nicht nur in vielen Ländern der Dritten Welt, sondern auch in Euroländern wie Spanien oder Griechenland. Die ILO warnte deshalb schon vor einer „verlorenen Generation“.
Alte Probleme nie gelöst
Es stimmt: In keinem OECD-Land ist die Quote der Erwerbslosen höher als in Griechenland und Spanien. Doch während in Griechenland die Krise wirklich einen Riss in der Arbeitsmarktstatistik hinterlassen hat, sind die jetzigen Werte in Spanien nicht wirklich neu. Denn die Iberer kämpften schon früher mit horrenden Arbeitslosenzahlen. Das zeigt ein Blick in die Statistik: Im Vorjahr betrug die Arbeitslosenquote in Spanien durchschnittlich 21,8 Prozent. Damit befinden sie sich etwa auf jenem Wert wie im Jahr 1986, als Spanien der EU beigetreten ist (siehe Grafik).
Dazwischen erlebte das Land zwar Phasen des Aufschwungs, in denen auch die Arbeitslosigkeit signifikant zurückging. Doch sobald die Wirtschaft auch nur leicht schwächelte – so wie in der kurzen Rezession 1992/93 – stieg die Arbeitslosigkeit wieder auf die hohen Werte um 20 Prozent an. Die strukturellen Probleme des spanischen Arbeitsmarktes wurden also nur durch den – nicht nachhaltigen – wirtschaftlichen Boom überdeckt.
Besonders stark war dieser Effekt in der Zeit zwischen den späten Neunzigerjahren und dem Ausbruch der Krise 2008. Die Wirtschaft brummte bereits ordentlich, als damals noch die Einführung des Euro hinzukam. Das BIP legte jedes Jahr kräftig zu – zur Jahrtausendwende um satte fünf Prozent –, die Arbeitslosigkeit sank von 18,8 Prozent im Jahr 1998 auf 10,4 Prozent im Jahr 2001.
Depression nach dem Bauboom
Im selben Zeitraum ging auch die Jugendarbeitslosigkeit von 35,4 Prozent auf knapp 21 Prozent zurück. Grund dafür war vor allem die Bauwirtschaft, in der auch schlecht qualifizierte Jugendliche gut bezahlte Jobs fanden. Ein vermeintlicher Segen, der sich bald als Fluch entpuppte. Denn das Platzen der Blase stürzte die spanische Wirtschaft in die Rezession – und tausende junge Menschen wieder in die Arbeitslosigkeit. Nach dem Absturz standen sie plötzlich als ungelernte Hilfsarbeiter da, die keiner mehr brauchte. „Spanien erlebt einen Rückfall in alte Probleme, die es schon immer gab, die aber nie gelöst wurden“, analysiert Holger Schäfer vom Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln.
Zu diesen ungelösten Problemen zählt etwa der rigide Kündigungsschutz, der zu den strengsten der Welt zählt. Er macht Arbeitnehmer mit einem festen Vertrag praktisch unkündbar. Das erklärt, warum Unternehmer beim Einstellen neuer Mitarbeiter zögerlich sind. Viele Junge müssen sich deshalb mit befristeten Verträgen durchschlagen. Sofern sie überhaupt Arbeit haben.
Das Beispiel Deutschland zeigt, was es bringen kann, wenn man den Arbeitsmarkt dereguliert: Bis zu den Hartz-Reformen in den Nullerjahren galt Deutschland als der „kranke Mann Europas“. Heute hat das Land eine der niedrigsten Arbeitslosenquoten der EU. Ähnlich war die Entwicklung in Großbritannien und Dänemark. Schäfer warnt allerdings davor, solche Konzepte als Allheilmittel anzusehen. „Jedes Land muss seinen eigenen Weg finden.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.10.2012)

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