München/Es/Ag. Der weltgrößte Online-Buchhändler Amazon erobert mit seiner digitalen Bibliothek jetzt auch Österreich und Deutschland. Das gab Amazon am Donnerstag bekannt. Im Gegensatz zur Kindle-App, auf die auch Nutzer anderer E-Reader zurückgreifen können, wird die digitale Leihbücherei aber nur für Kindle-Besitzer zugänglich sein, die Mitglied bei „Amazon Prime“ sind. Die Mitgliedschaft kostet 29Euro im Jahr.
Wer diese Voraussetzungen erfüllt, dem stehen die 8500 deutschsprachigen Titel der digitalen Bibliothek gratis zur Verfügung. Insgesamt verfügt die digitale Bibliothek über 200.000E-Books in verschiedenen Sprachen. Man kann sich ein Buch zwar für unbegrenzte Zeit ausleihen, allerdings maximal ein Buch pro Monat. Österreichische Kindle-Nutzer haben unbegrenzten Zugang zur Bibliothek, die Versandvorteile von Amazon-Prime-Kunden gelten aber nicht (wie die Gratislieferung am nächsten Tag). Außerdem bringt Amazon mit dem „Paperwhite“ Mitte November ein weiteres Modell seines E-Book-Readers auf den deutschsprachigen Markt. Das Paperwhite soll sich durch einen helleren Bildschirm und eine höhere Auflösung auszeichnen. Allerdings zeigten sich Rezensenten wie David Pogue, Techexperte der „New York Times“, wenig begeistert von Amazons neuem Zugpferd.
Kindle Fire zum Produktionspreis verkauft
Die Marktstrategie, die Amazon mit der digitalen Bibliothek verfolgt, ist klar: Der Buchhändler hofft damit den Absatz der Kindle-E-Reader weiter zu steigern, um sich neben Konkurrenten wie Google und Apple zu behaupten. Amazon kontrolliert bereits 60Prozent des E-Book-Marktes und punktet vor allem mit einer aggressiven Preispolitik.
Die WLAN-Version des Kindle-Paperwhite soll 129 Euro kosten und die Lücke zwischen einfachen Lesegeräten und Tablet-Computern wie Kindle Fire schließen, dessen Marktstart am 25. Oktober geplant ist. Amazon-Chef Jeff Bezos betonte in einem Interview mit der DPA, dass das Kindle Fire praktisch zum Produktionspreis abgegeben werde: „Für uns ist es ein Service und kein rein technisches Gerät. Wir hoffen, das Geld mit der Zeit hereinzubekommen, wenn Kunden Bücher, Musik oder Apps kaufen.“
Was die käuflichen Bücher betrifft, ist Amazon in seiner Preisdumping-Strategie durch die Buchpreisbindung auf dem deutschen und österreichischen Markt sowieso deutlich eingeschränkt. Diese verpflichtet Verlage gesetzlich dazu, für Bücher einen Verkaufspreis festzusetzen, der dann für den Handel, auch den Online-Handel, verbindlich ist.
Was die digitale Bibliothek von der klassischen unterscheidet, ist auch der Umgang mit Copyright. Der Rechteinhaber werde, so Amazon-Chef Bezos, jedes Mal bezahlt, wenn sich jemand ein Buch ausleihe. Klassische Bibliotheken zahlen den Inhabern des Urheberrechtes eine jährliche Vergütung, die aufgrund bestimmter Kennzahlen (wie die Zahl der Entlehnungen) von Verwertungsgesellschaften, in Österreich etwa der Literar Mechana, erhoben wird.
Werden E-Book-Leser dümmer?
Bezos sieht die gedruckten Bücher nicht von deren Digitalversionen bedroht. Im Gegenteil: „Wir sehen bisher, dass die Menschen, die sich ein Kindle-Lesegerät anschaffen, danach nicht nur mehr digitale Bücher kaufen, sondern auch mehr gedruckte.“ Fraglich ist, ob digitale Bibliotheksnutzer auch dazu animiert werden, in klassischen Bibliotheken mehr Bücher auszuleihen. Bezos bestätigte jedenfalls, dass Amazon auf dem deutschsprachigen Markt bereits mehr digitale als Hardcover-Bücher verkaufe.
Die bereits eingesetzte Revolution der Lesemedien ruft auch Kritiker auf den Plan. In einem „Presse“-Gastkommentar verwies der Schriftsteller Radek Knapp auf Studien, die belegen sollen, dass E-Reader die kognitiven Fähigkeiten beeinträchtigen. Vor zwei Jahren sei in einem Experiment Publizistikstudenten an der Universität Oxford derselbe Text auf E-Book und Papierbuch vorgesetzt und anschließend abgefragt worden. Die Papierbuchleser hatten sich 30 Prozent mehr Inhalt gemerkt und konnten mehr Konnotationen ableiten als die Kollegen, die ein E-Book verwendet hatten.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.10.2012)
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