Wien/Bloomberg. „Ich bin 24 Jahre alt, habe einen tollen Job und ein eigenes Haus. Wenn Sie mich fragen – ich lebe den amerikanischen Traum.“ Nein, Shawn Hayden verdient sein Geld nicht an der Wall Street. Er hat sich, gegen den Willen seiner Mutter, für eine Ausbildung zum Schweißer entschieden – und kann sich nun vor ungebetenen Jobangeboten kaum retten.
Im produzierenden Gewerbe in den USA herrscht ein Mangel an Fachkräften. Bis 2015 dürfte sich die Zahl der freien Stellen in dem Bereich auf drei Millionen verfünffachen, wie der Branchenverband Society of Manufacturing Engineers schätzt. Hinter dem Mangel steht nicht zuletzt die Erholung der US-Industrie, aber auch die Tatsache, dass aus der Generation der sogenannten „Baby Boomer“ immer mehr das Rentenalter erreichen.
Die Entwicklung hat wirtschaftliche wie auch geschichtliche Gründe. Einerseits hat der produzierende Sektor ein Jahrzehnt lang Stellen gestrichen. Andererseits entscheiden sich immer mehr Schulabsolventen für ein Uni-Studium, weil sie sich davon ein höheres Gehalt und mehr Prestige versprechen.
Not macht erfinderisch
Nicht so Spence Brennen. An seinem College stehen spätere Arbeitgeber regelmäßig Schlange, um Absolventen an Bord zu holen. Wenn der 22-Jährige seine Ausbildung abgeschlossen hat, „kann ich mindestens 100.000 Dollar im Jahr verdienen“. Denn das Stellenangebot ist bei Schweißern viel größer als anderswo. Als stellvertretender Manager einer China-Restaurantkette kommt Brennan derzeit auf ein Jahresgehalt von 55.000 Dollar.
Im Durchschnitt beträgt das Jahresgehalt eines Schweißers 47.900 Dollar und ist damit höher als für einen leitenden Kassier in einer Bank, wie aus Daten von CareerBuilder hervorgeht.
Schweißer mit eigener Ausrüstung können 70 Dollar je Stunde verlangen. Wer 40 Wochenstunden zu diesem Preis arbeitet und das – wie in den USA üblich – 50 Wochen im Jahr, kommt auf ein Bruttojahresgehalt von 140.000 Dollar.
Sobald die US-Wirtschaft wieder wie gewohnt wächst, wird sich der Fachkräftemangel weiter ausweiten, sagt Craig Giffi von der Unternehmensberatung Deloitte. „Wir sind an dem Punkt angekommen, an dem aus einem wichtigen Problem ein kritisches Problem wird“, sagt Giffi. „Der einzige Grund, warum es bislang noch kein kritisches Problem geworden ist, liegt im stockenden Wachstum.“
Die Schwierigkeiten, Facharbeiter zu finden, haben die Konzerne erfinderisch gemacht. Der Baumaschinenhersteller Caterpillar arbeitet etwa mit Community Colleges zusammen und bietet eine Art Volkshochschulkurs an, um freie Stellen zu füllen.
Wenn Industriekonzerne gefragt werden, warum es so schwer ist, geeignete Mitarbeiter zu finden, verweisen sie vor allem auf Eltern und Lehrer, die den Jugendlichen von einer Karriere in der Produktion abraten. Dabei werden etwa Schweißer in den unterschiedlichsten Branchen, vom Straßenbau über die Herstellung von Maschinen bis zum Baugewerbe benötigt.
„Die Wahrnehmung des produzierenden Gewerbes ist völlig falsch“, sagt Carlos Cardoso, Chef des Werkzeugherstellers Kennameta. „Alt, dunkel, rostig und gefährlich – das sind Ansichten von vor 30 Jahren.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.10.2012)
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