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Jamie Dimon: Der "König der Wall Street"

13.10.2012 | 17:19 |  von Thomas Vieregge (Die Presse)

Jamie Dimon, Chef von J P Morgan Chase, gilt als erfolg- und einflussreichster US-Banker. Die Beziehung von Barack Obamas »Lieblingsbanker« zum Präsidenten hat sich indes merklich abgekühlt.

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Small Talk hatte Jamie Dimon nicht im Sinn, als er bei den Feierlichkeiten zur Inauguration des 44. US-Präsidenten an einem bitterkalten Jännertag in Washington Barack Obama und seinen neuen Finanzminister Timothy Geithner beiseite nahm und seine Hilfe anbot: „Sagt mir, was ihr braucht. Ich schicke euch ein paar Leute runter. Ich werde alles tun.“ So erinnert sich ein Polit-Insider im Magazin „Vanity Fair“ an die Begegnung bei der Angelobung Obamas am 20. Jänner 2009.

Vier Monate zuvor war das Land ganz knapp an einer Finanzkatastrophe vorbeigeschrammt, und der neue Präsident trat seinen Job inmitten der größten Wirtschaftskrise seit der Depression der 1930er-Jahre an. Im Winter 2008/2009 verloren Monat für Monat bis zu einer Dreiviertelmillion Amerikaner ihre Arbeit. Guter Rat war teuer. Die Ratschläge des Chefs von J P Morgan Chase, des erfolg- und einflussreichsten Bankers der USA, fanden aber kaum Echo im Weißen Haus.

Die „New York Times“ apostrophierte Jamie Dimon damals noch als „Lieblingsbanker“ Barack Obamas. In den Finanzkreisen der Wall Street hatte der eingefleischte Demokrat aus dem New Yorker Stadtteil Queens, ein Nachfahre griechischer Immigranten, im Wahlkampf für offene Türen und offene Scheckbücher für Barack Obama gesorgt, den Newcomer aus Chicago. Immer wieder kursierte Dimons Name als möglicher Finanzminister. Auch zu Geithner, dem vormaligen Chef der New Yorker Notenbank-Filiale und maßgeblichen Krisenmanager während des Chaos rund um den Kollaps der Investmentbank Lehman Brothers, pflegte der Banker einen guten Draht.

Tour durchs Weiße Haus. Fast auf den Tag genau drei Jahre nach der Inauguration Obamas, an einem Samstag, bekamen Dimon und Familie eine exklusive Tour durchs Weiße Haus. Als Führer betätigte sich indes nicht der Präsident – der brütete an seiner jährlichen Rede zur Lage der Nation –, sondern der damalige Stabschef Bill Daley, ehemals Chef des Chicagoer Zweigs von J P Morgan Chase. Als die Kunde von der Stippvisite den Präsidenten erreichte, bat Obama die Dimons zum Höflichkeitsbesuch ins Oval Office.

Da war die Beziehung zwischen den beiden Männern bereits merklich abgekühlt. In einem populistischen Anflug hatte der Präsident die Wall-Street-Banker als „Fat Cats“ – Bonzen – beschimpft. Die Regulierung des US-Finanzmarkts durch die Dodd-Frank-Reform und die Volcker-Regeln, die der grassierenden Spekulation Einhalt gebieten sollten, hat wiederum die Finanzbranche gegen die Regierung aufgebracht. Durch massives Lobbying versuchte die Wall Street, die Reformen so gut als möglich zu verwässern. Dass Politik anders funktioniert als ein Finanzunternehmen, wo oft ein Fingerschnippen des Vorstandsvorsitzenden als Willenskundgebung genügt, ist für Jamie Dimon nur schwer begreiflich.

Doch nicht nur Dimons Sympathie für den Präsidenten ist erkaltet. Wie Dimon galt auch dessen Konkurrent Lloyd Blankfein, der Chef von Goldman Sachs, 2008 als großzügiger Obama-Unterstützer. Die Wall Street lässt Obama nun ihre Abneigung spüren, die Spendenbereitschaft ist versickert. In dem Maße, in dem die Spenden damals für den Demokraten sprudelten, fließen sie heuer auf die Konten des Ex-Investmentmanagers Mitt Romney. Allein die Mitarbeiter von Goldman Sachs überwiesen laut Bericht des „Wall Street Journal“ fast eine Million Dollar auf das Spendenkonto des republikanischen Kandidaten – und noch einmal so viel für dessen Super-PACS, die Unterstützerkomitees. Auf Obama entfielen gerade einmal 136.000 Dollar, seine Super-PACS gingen ganz leer aus.

„Fiskalische Klippe“. Als Jamie Dimon neulich im „Council of Foreign Relations“, dem renommierten Washingtoner Thinktank, über Politik und Wirtschaft räsonierte, machte er auch kein Hehl aus seiner Frustration mit dem Politbetrieb der Hauptstadt – freilich ohne den Präsidenten namentlich zu nennen. In internen Sitzungen, heißt es, scheut er vor direkter Kritik an Obama nicht zurück. „In dieser Stadt agiert einzig die Notenbank vernünftig.“

Dass die USA Ende des Jahres womöglich auf eine „fiskalische Klippe“ samt potenziellem Risiko einer neuen Rezession zusteuern, hält Dimon für unverantwortlich, für ein Versagen der Politik und eine Führungsschwäche der Regierung. Für den Fall, dass die Steuererleichterungen der Ära George W. Bushs auslaufen und mit einem Automatismus an Budgetkürzungen um zehn Prozent zusammenfallen, ist J P Morgan gewappnet: „Wir haben bereits einen Warroom eingerichtet, eine Kommandozentrale.“

Der 56-jährige Silberschopf mit der entfernten Ähnlichkeit zu Hollywood-Star Richard Gere, von Bewunderern wie Kritikern gerne als „König der Wall Street“ bezeichnet, äußert Sorge um die Nation. „Ich bin ein ,Big Boy‘, und J P Morgan wird überleben“, sagt er im schnellen und rauen Queens-Akzent. Das Gerede um die Pauschalschuld der Banker, die Verunglimpfung der Business-Welt, den Niedergang der USA bringt Dimons Blut in Wallung. Dabei habe das Land alle Voraussetzungen für eine prosperierende Wirtschaft. „Wenn wir das Schuldenproblem angepackt hätten, würde die Wirtschaft längst boomen. Die Debatte über die Anhebung des Schuldenlimits war ein Fiasko. Es hat Amerika auf die Knie gezwungen, das widert mich an.“

Er selbst hat im Vorjahr einen Bonus von 23 Millionen Dollar eingestreift – ein Drittel des Rekordbonus von Blankfein. Seine Aktienoptionen belaufen sich auf geschätzte 300 Mio. Dollar. Dimon plädiert für eine Senkung der Unternehmenssteuer, für sich würde er einen Spitzensteuersatz von 39,6 Prozent in Kauf nehmen. Aus Vermögen und Prestige macht sich der unprätentiöse Sohn eines Finanzmanagers bei American Express wenig – dort startete er unter seinem Mentor Sandy Weill auch seine Karriere. Sein Publikum spricht er leutselig mit „folks“ an, Eitelkeit ist ihm dennoch nicht fremd.

Londoner Wal. Der „Kult“ um Jamie, der in der Branche floriert, erhielt im Frühjahr einen argen Dämpfer. Als im Hauptquartier an der New Yorker Park Avenue die Nachricht platzte, dass der französische Mitarbeiter Bruno Iksil – im Bankenjargon „Wal“ oder nach der Harry-Potter-Figur „Voldemort“ genannt – in der Londoner Filiale Milliarden Dollar mit hochriskanten Spekulationsgeschäften in den Sand gesetzt hatte, tat Dimon dies zunächst als „Sturm im Teekessel“ ab. Später sah er sich gezwungen, sich bei den Klienten zu entschuldigen. Er drängte Vizechefin Ina Dew zum Rücktritt, er selbst musste in einem Hearing einem Kongress-Ausschuss Rede und Antwort stehen.

„Das war ein stupider Fehler, aber jeder macht Fehler“, sagte er heute. „Wir haben den Wal mit der Harpune zur Strecke gebracht, er ist jetzt Fischfutter.“ Damals rief ihn Tom Brady an, der Football-Star und dreifache Superbowl-Sieger: „Lass den Kopf nicht hängen.“ Noch ermittelt das FBI, es durchforstet Telefonmitschnitte. J P Morgan musste bisher sechs Milliarden Dollar in den Wind schreiben. Während seiner Amtszeit habe er in keinem Quartal je rote Zahlen verzeichnet, brüstet er sich. Nach einem Telefonat mit Investoren-Legende Warren Buffett genehmigte Dimon einmal freihändig einen Kredit über acht Milliarden Dollar.

Seine Bank beschreibt er als „Hafen im Sturm“, die selbst die Finanzkrise ohne Schaden überstanden habe. Und während seine Kollegen in ihren Feriendomizilen in den Hamptons oder auf Martha's Vineyard schwelgten, tingelte Dimon in der schwülen August-Hitze im Bus mit einer Road-Show salopp in Jeans und Polo durch die Filialen des Mittelwestens, verzehrte Burger und tanzte zu seinem Lieblingssong „Stand by Me“. 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.10.2012)

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1 Kommentare

peanuts

" Allein die Mitarbeiter von Goldman Sachs überwiesen laut Bericht des „Wall Street Journal“ fast eine Million Dollar auf das Spendenkonto des republikanischen Kandidaten – und noch einmal so viel für dessen Super-PACS, die Unterstützerkomitees. Auf Obama entfielen gerade einmal 136.000 Dollar, seine Super-PACS gingen ganz leer aus."

wie ich kürzlich lesen konnte, wird die obama-wahlkampagne demnächst die 1 mrd grenze bei den spenden knacken.
was ist im vergleich dazu schon eine million von goldman sucks?
offenbar glauben diese der realen welt entrückten, mit einem promille beitrag hätten sie ein recht auf +50% der macht.

Hobbyökonom