IWF- und Weltbank-Tagung: Die Krise dominierte

14.10.2012 | 18:19 |  Von unserem Korrespondenten FELIX LILL (Die Presse)

Das schleppende Wachstum der Weltwirtschaft prägte die Jahrestreffen von IWF und Weltbank. Die dafür verantwortlichen Industriestaaten waren bei den Gesprächen in Tokio vor allem mit sich selbst beschäftigt.

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Tokio. Das Zauberwort des neuen Weltbankpräsidenten Jim Yong Kim heißt „inklusives Wachstum“. Kaum ein Vortrag oder Gespräch auf den Jahrestagungen des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank verging, in dem Kim nicht darauf hinwies, dass Wirtschaftswachstum an sich noch keine Früchte trage. „Eine der großen Lehren des Arabischen Frühlings ist, dass Wachstum allein wenig bringt, wenn damit nicht die Jugend erreicht wird.“ Es war nicht die einzige Botschaft, auf die Kim Wert legte. Die Weltbank wolle sich künftig mehr an ihren Ergebnissen und weniger an gesetzten Zielen messen lassen. „Wir haben in den letzten Monaten sehr viel in dieser Richtung erreicht und ich glaube, wir können noch weiter gehen.“

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Die fast 70 Jahre alte Weltbank steht vor großen Herausforderungen: Zuletzt stark steigende Nahrungsmittelpreise, die vor allem die ärmsten Nationen der Welt treffen, sowie schwankende Ölpreise haben sich zusätzlich negativ auf die Weltwirtschaft ausgewirkt. So warb Kim um Geld für das 2010 installierte Global Agriculture and Food Security Program, das die weltweite Nahrungsmittelversorgung sicherstellen soll. US-Finanzminister Timothy Geithner versprach daraufhin, für alle zwei US-Dollar der internationalen Gemeinschaft einen zusätzlichen Dollar bereitzustellen. Japan und Südkorea sagten sofort jeweils 30 Mio. Dollar zu, sodass das Programm mittlerweile über 1,3Mrd. Dollar verfügt.

Die Spendierfreude hoch verschuldeter Staaten wie den USA und Japan war eines der positiven Beispiele globaler Kooperation, die während der Jahrestagungen von Weltbank und IWF nicht immer im Vordergrund standen. Obwohl das Forum mit Vertretern aus 188 Staaten wahrlich global ausgerichtet war, spielten häufig Regionalismen und nationale Probleme eine größere Rolle.

 

Schulden des Westens dominieren Tagung

Im Zentrum der Tagung stand nicht etwa die ausstehende Quotenreform, die den Schwellenländern zu einem Stimmengewicht verhelfen soll, das ihrem Anteil an der Weltwirtschaft näher kommen würde. Es ging bei den Gesprächen vielmehr um die horrenden Schuldenprobleme Japans, der USA und Europas. „Vor allem Europa scheint mit sich selbst beschäftigt“, urteilte Ian Bremmer, Präsident des Politikberaters Eurasia Group, am Rande der Konferenzen.

Deutschlands Finanzminister Wolfgang Schäuble fokussierte seine Auftritte etwa auf die Notwendigkeit, den Zeitplan der griechischen Sparprogramme einzuhalten. Über die Auswirkung von Europas Krise auf die Welt verlor Schäuble kaum ein Wort. Auch als Mario Draghi, Chef der Europäischen Zentralbank (EZB), ankündigte, die geplante Bankenunion solle zum Jahreswechsel beschlossen und ein Jahr später ihre Arbeit aufnehmen, schob er bloß seinen Optimismus für die ökonomische Entwicklung in Europa nach. Europas Geldpolitik zeige Wirkung, die europäischen Banken erwiesen sich als widerstandsfähig, die Reformen Europas sorgten für Vertrauen der Märkte. Es war zudem ein Ausblick, den nicht jeder vollends zu teilen schien.

Ein in der Vorwoche präsentierter IWF-Bericht prognostiziert, dass die Weltwirtschaft weniger wachsen werde als zunächst vermutet. Den Bremsblock dabei bilde Europa und dessen bisher wenig konkrete Reformen. IWF-Ökonom Thomas Helbling erklärte gegenüber der „Presse“, was den Unterschied zwischen den Analysen von IWF und EZB ausmachen könnte: „Vielleicht ist ein Unterschied, dass wir etwas mehr auf die Risiken schauen.“ Schließlich bleibe ungewiss, wie sich etwa die Bankenunion und das genaue Funktionieren des Europäischen Stabilitätsmechanismus entwickelten.

Zum Abschluss der Tagungen wurde nachdrücklich für einen raschen Vollzug angestrebter Reformen in den USA, Japan und Europa geworben. Nur mit Hilfe dieser Ökonomien, betonte Jim Yong Kim, könne künftiges Wachstum auch „inklusiv“ sein.

China boykottiert IWF-Tagung in Japan S. 5

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.10.2012)

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