Vahrenholt: "Ich war der Hero der Umweltschützer"

Die Klimakatastrophe findet nicht statt, sagt der frühere Ökostrom-Chef bei RWE, Fritz Vahrenholt, im Interview mit der "Presse". CO2 werde "überschätzt", Europas Energiewende sei "von Angst geleitet".

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Symbolbild – (c) AP (Phal Sokpheary)

Die Presse: Herr Vahrenholt, Sie behaupten, die Klimakatastrophe findet nicht statt. Wie kommt der

frühere Ökostrom-Chef des Energiekonzerns RWE zu der Erkenntnis?

Fritz Vahrenholt: Wir haben vor Jahren festgestellt, dass die Prognosen des Weltklimarates nicht eintreffen. So blieb etwa der vorhergesagte Wind aus, mit dem wir Windkraftproduzenten gerechnet haben. Auch die Temperatur ist in den letzten 15 Jahren nicht stark gestiegen. Grund dafür sind natürliche Effekte, die gegen die Erderwärmung wirken. Erstens sind das wiederkehrende Meereströmungen. Hier steuern wir auf eine Kaltphase zu. Zweitens haben wir die Sonne aus unserer Rechnung eliminiert. Die Sonnenaktivität war zwischen 1950 und 2000 besonders hoch. Auch da kommt eine Abkühlung.

Viele Kritiker halten Ihre Entwarnung für unbewiesen und überzogen.

Der Weltklimarat geht davon aus, dass 95Prozent der Klimaveränderung auf den Menschen zurückzuführen sind, der Rest vor allem auf die Sonne. Er sieht aber nur die Sonneneinstrahlung, das Sonnenmagnetfeld lässt er außer Acht. CERN-Forscher haben einen Zusammenhang zwischen Magnetfeld der Sonne und Wolken nachgewiesen. Wenn sich das Magnetfeld der Sonne abschwächt, gibt es mehr Wolken und damit Abkühlung.

Ob sich das in der Natur auch so verhält, ist allerdings nicht bewiesen.

Hier gibt es tatsächlich ungelöste Fragen. Wir dürfen nicht so tun, als ob die Wissenschaft am Ende ist. Wir müssen aber skeptisch werden, wenn die Theorie mit der Realität nicht übereinstimmt. Klimamodelle bilden Meeresströmungen nicht ab. Wechseln sich wirklich alle 30 Jahre Wärme- und Kältephasen ab, dann haben wir in dem Jahrhundert keine extreme Erwärmung zu erwarten. Daran kann man zweifeln. Die Sonne kann auch niemand berechnen. Ich rechne aber damit, dass der Mensch nur zu 50 Prozent an der Erderwärmung schuld ist.

Können wir uns dann den Umstieg auf erneuerbare Energieträger sparen, wenn CO2 keine große Rolle spielt?

Nein, CO2 ist ein Klimagas, aber wir haben es überschätzt. Letztlich wird der Mensch die Temperatur der Erde in dem Jahrhundert maximal um ein Grad Celsius nach oben treiben. Wir haben also mehr Zeit für die Energiewende. Wenn Deutschland 50Prozent der Stromnachfrage mit Ökostrom deckt, ist viel erreicht. Alles darüber schadet entweder Umwelt, Wettbewerbsfähigkeit oder Akzeptanz.

Setzen wir zu stark auf Ökostrom?

Auf jeden Fall. 2020 werden wir wissen, ob die Klimamodelle stimmen. Bis dahin sollten wir nicht zwanghaft Energieziele erfüllen, die es nur gibt, weil wir mit einer Klimakatastrophe rechnen. Wir überfördern Ökostrom. Die Politik ist von Angst geleitet. Alles, was wir mit Riesenanstrengungen in zehn Jahren erreichen, macht China in drei Monaten zunichte. Fast 50 Prozent der globalen Solarkapazität sind in Deutschland. Da greift man sich an den Kopf.

Sie kritisieren den Weltklimarat dafür, dass er Thesen ausklammert. Suchen Sie sich nicht auch genau die Studien, die Ihnen in den Kram passen?

Es stimmt, natürliche Ursachen wie Sonne oder oszillierende Meeresströmungen kommen nicht in der Langfassung des IPCC-Berichts vor. In der Kurzfassung für Politiker werden sie ausgeblendet.

Machen Sie es in Ihrem Buch anders?

Nein, ich habe bewusst ein Anti-IPCC-Buch geschrieben. Wie der Weltklimarat habe auch ich aus der Literatur die tausend Quellen genommen, die meine Hypothese stützen. Ich habe guten Gewissens eine Antithese formuliert. Die Politik muss das zusammenführen. Ich hoffe, dass sie die natürlichen Klimaschwankungen registriert. Das war ja lange verpönt.

Wie viel Lust an der Provokation liegt da beim Alt-68er-Umweltaktivisten Vahrenholt drinnen?

Ich bin ein streitbarer Mensch, der etwas tut, wenn Dinge in die falsche Richtung laufen. Vor 30 Jahren habe ich gegen die Chemieindustrie geschrieben. Damals war ich in der Chemieindustrie verpönt. Heute verlassen viele Klimaforscher den Raum, wenn sie mich sehen. 15 Jahre später hieß es in der Chemiebranche aber: Gut, dass jemand darüber geschrieben hat. Ich habe 20 Jahre lang Erneuerbare gemacht und viele Fehler gesehen. Ich wusste: Wenn nichts passiert, werden sich die Menschen von den Erneuerbaren abwenden.

Klimaskeptiker leben von der Unsicherheit in der Klimadebatte auch ganz gut.

Ich hätte mir das Leben leichter machen können. Ich war der Hero der Umweltschützer. Heute steht auf meiner Wikipediaseite nicht mehr „Vater der Umweltbewegung“. Heute steht: „umstrittener Wissenschaftler“. Das hätte ich mir nicht antun müssen.

Bereuen Sie, dass Sie das Buch geschrieben haben?

Ich muss offen sagen: Die Härte der Reaktionen habe ich nicht erwartet. Aber ich sehe auch, dass ich etwas bewege. Es zeigt Wirkung, wenn ein deutscher Umweltschützer nachdenklich wird.

Wird Ihre Meinung vom natürlichen Klimawandel einmal Mainstream sein?

Ja.

Wenn es so weit ist, wo wird dann der Provokateur Vahrenholt stehen?

(lacht) Naja, ich bin sicher kein Wendehals. In der Chemiedebatte habe ich auch geschrieben, dass sich die Chemie geändert hat, Fabriken sauber wurden. Das müssen wir akzeptieren. Da hieß es gleich: „Um Gottes willen, du nimmst Druck raus.“ Den doppelten Rittberger werden Sie von mir nicht erleben.

Auf einen Blick

Fritz Vahrenholt,63, eckt gerne an. In den Siebzigerjahren bekämpfte er giftige Chemiefabriken. In seinem Buch „Die kalte Sonne“ zweifelt der Ex-Ökostrom-Chef der RWE und SPD-Politiker den vom Menschen verursachten Klimawandel an.
[Bloomberg]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.10.2012)

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