Wien. Oerlikon verkauft seine Solarsparte, Siemens zieht sich aus dem Solarsektor zur Gänze zurück. In der Steiermark muss der Solarzulieferer Isovoltaic wegen dramatischer Umsatzeinbrüche ein Drittel seiner Belegschaft abbauen. In Deutschland gibt der börsenotierte Wechselrichterhersteller SMA Solar nach scharfen Gewinneinbrüchen den Abbau von 1000 Beschäftigten bekannt. Und in den USA droht die Technologiebörse Nasdaq dem chinesischen Solarmodulhersteller JA Solar mit dem Delisting. Der Grund: An der Nasdaq dürfen auf Dauer keine „Penny Stocks“ notieren, die von 24 Dollar auf 64 Cent abgestürzte China-Solaraktie verharrt aber schon seit Monaten unter der mit einem Dollar festgelegten Untergrenze.
Das sind, zusammengefasst, die wichtigsten Meldungen aus der Solarbranche aus den vergangenen zehn Tagen. Mit anderen Worten: Ein zur „Zukunftsbranche“ hochgejubelter Sektor ist global in ein Krisenloch gefallen. Enorme Überkapazitäten lassen die Margen unermesslich schrumpfen, selbst große Unternehmen mit global klingenden Namen kämpfen verzweifelt gegen die Insolvenz.
Die Konsolidierung, die jetzt angesagt ist, wird in der Branche ein „Blutbad“ anrichten. Die auf grüne Technologien spezialisierte Beratungs- und Marktforschungsunternehmen GTM Research hat Mitte Oktober eine Studie über die Marktchancen der Hersteller von Solarmodulen vorgelegt. Das ernüchternde Ergebnis: Von 300 untersuchten Herstellern werden wohl 180 die kommenden beiden Jahre nicht überleben. Durch Pleiten oder Übernahmen könnten selbst so bekannte Hersteller wie Conergy oder Solarworld vom Markt verschwinden.
Pleitewelle trifft Europa
Die Pleite- und Übernahmewelle wird überwiegend Europa treffen, die Produktion werde sich tendenziell nach Asien verlagern, meint GTM Research. Aber auch in China, von wo die härteste Konkurrenz für europäische und amerikanische Hersteller kommt, wird die Konsolidierung wüten. Dort dürften 54 Solarmodulhersteller vom Markt verschwinden, in Europa könnten es bis zu 80 sein.
China hat einen klaren Produktionskostenvorteil: Die Produktionskosten pro Watt Solarmodulleistung liegen in Europa derzeit laut GTM Research bei rund 80 US-Cent und in den USA auf ähnlichem Niveau, in China aber nur bei 58 bis 68 Cent. Allerdings haben die Überkapazitäten den Preis so stark gedrückt, dass offenbar auch die 58 Cent nicht reichen. Man kann das sehr schön an den Aktienkursen der großen chinesischen Solarmodulhersteller ablesen, die in den vergangenen Jahren teils um bis zu 97 Prozent gefallen sind. Die Aktie des Solar-Stars Yingli Green etwa wurde in besseren Zeiten mit 38 Dollar gehandelt, jetzt ist das Papier um schlappe 1,70 Dollar zu haben.
Die Hauptursache der Solarkrise ist leicht auszumachen: Völlig überzogene und marktwirtschaftsferne Solarförderungen in Italien und vor allem in Deutschland haben einen Bedarf vorgegaukelt, der auf dem Markt nicht gegeben war. Weil die Kombination von Planwirtschaft (langjähriger Abnahmeverpflichtung für erzeugten Solarstrom auf Basis überhöhter garantierter Tarife) und Marktwirtschaft (Verschleudern der nicht benötigten, aber zwangseingespeisten Solarstrommengen auf Strombörsen) die deutschen Stromversorger in die Bredouille bringt und die Verbraucher, die das über gerade erst wieder stark erhöhte Ökostromzuschläge bezahlen, extrem belastet, muss Deutschland nun kräftig auf die Förderbremse steigen.
Deutschland dominiert den Markt
Das sendet Schockwellen rund um den Globus. Denn Deutschland dominiert die Nachfrage auf dem Weltsolarmarkt: Mit etwas mehr als 30.000 Megawatt verfügt das Land über mehr als 40 Prozent der weltweit installierten Fotovoltaik-Leistung. Weitere 13.000 MW finden sich im ebenfalls völlig „überförderten“ Italien, womit diese beiden Länder mehr als die Hälfte der installierten Weltleistung stellen. Zum Vergleich: Die USA verfügen derzeit über knapp 5000 MW Fotovoltaik-Leistung. Und: Die gesamte installierte Leistung in China ist mit weniger als 4000 MW kleiner als der Zuwachs in Deutschland von 2010 auf 2011.
Die Förderbremse in Deutschland könnte die globalen Umsätze mit Solarmodulen um ein Drittel einbrechen lassen. Die Folge, eine Pleite und Übernahmewelle großen Ausmaßes, dürfte frühestens 2015 abgeschlossen sein. Erst dann wird sich mit der „grünen“ Solartechnologie auf Produzentenseite wieder Geld verdienen lassen.
Auf die Solarbranche rollt eine Pleitewelle zu. Betroffen sind vor allem europäische Unternehmen, aber auch die günstigere Solar-Konkurrenz aus Asien wird Federn lassen müssen, sagt das Marktforschungsunternehmen GTM Research. Hohe Förderungen für Solarenergie in Europa haben weltweit den Aufbau von Überkapazitäten nach sich gezogen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.10.2012)
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