Wien/Auer. Wäre Amazon ein ganz normales Unternehmen, seine Investoren hätten das Management wohl schon lange vor die Tür gesetzt. Am Donnerstagabend teilte das Unternehmen mit, dass es im dritten Quartal tiefrote Zahlen geschrieben hat. Nach etlichen Perioden mit mageren Gewinnen setzte es diesmal einen deftigen Verlust von 274 Mio. US-Dollar (209,75 Mio Euro). Und das, obwohl der weltgrößte Onlinehändler zwischen Juli und September so viele Bücher, Filme und Elektronikartikel verkauft hat, wie selten zuvor. Im Vorjahr hatte Amazon im selben Zeitraum ein Viertel weniger an Umsatz, aber einen Gewinn von 63 Mio. Dollar verbucht.
Der plötzliche Absturz ist eine direkte Folge der Strategie, die der Firmenchef Jeff Bezos seit nunmehr 15 Jahren fährt. Er hat für das Unternehmen nur ein Ziel ausgegeben und das lautet: Wachstum. Profite spielen im Vergleich dazu nur eine Nebenrolle. Das wissen auch die Aktionäre. Sie reagierten auf die Verlustmeldung nur kurzzeitig mit Verkäufen. Am Freitag hatte sich die Aktie allerdings wieder deutlich erholt.
Fehlkauf kostet Millionen
Der rasante Aufstieg des Onlinehändlers beflügelt offenbar die Fantasie der Anleger. Und Jeff Bezos lässt sich dieses Wachstum auch einiges kosten. Er investiert massive Summen, um das Angebot des Händlers zu verbreitern. So baut Amazon mittlerweile nicht nur E-Book-Reader und Tablet-Computer, sondern ist auch einer der größten Anbieter von Rechenleistung in seinen Datenzentren. Mitunter greift Bezos aber auch daneben. Mehr als die Hälfte des Quartalsverlustes muss das Unternehmen einem Fehlkauf zuschreiben. Um 175 Mio. Dollar erwarb Amazon das Rabattgutschein-Portal Living-Social, einen kleinen Rivalen von Branchenführer Groupon. Fast den gesamten Kaufpreis (169 Mio. Dollar) musste Amazon nun abschreiben.
Kleiner Amazon-Store für jeden
Zudem verfolgt den Handelsriesen ein grundsätzliches Problem seit Jahren. Er setzt auf Niedrigpreise und schraubt so seine eigene Gewinnmarge weit nach unten. Im vergangenen Quartal erzielte Amazon gerade einmal eine Gewinnmarge von zwei Prozent. Seine „Bestseller“, allen voran der iPad-Konkurrent „Kindle Fire“ verkauft das Unternehmen überhaupt zu Selbstkostenpreisen. Amazons Hybrid aus E-Reader und Tablet-Computer ist somit deutlich billiger als die Geräte der Konkurrenz. Geld verdienen will der Konzern ohnedies in erster Linie mit Büchern, Filmen und Musik, die sich die Nutzer auf die Geräte herunterladen. Und da gilt: Je mehr Menschen diesen kleinen Amazon-Store in der Hand haben, desto besser.
Im Vorjahr verkaufte das Unternehmen noch 5,5 Millionen „Kindle Fire“. Heuer sollen es schon 18,4 Millionen Stück sein. Die Steigerung ist beachtlich, den Anschluss an Apple schafft Amazon damit dennoch nicht. Zum Vergleich: Apple setzte nur in den vergangenen drei Monaten 18 Millionen iPads ab – und war darüber enttäuscht. Mit der zweiten Generation seines Tablets, dem „Kindle Fire HD“, bringt Amazon rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft einen starken Apple-Rivalen in Europa auf den Markt. Nach Österreich kommt der „Kindle Fire HD“ vorerst nicht.
Österreich: Kein „Kindle Fire HD“
Im Gegensatz zu deutschen Kunden müssen Österreicher mit einem anderen, ebenfalls neuen Kindle-Modell vorliebnehmen. Der „Kindle Paperwhite“ mit deutlich hellerem Display wird auch hierzulande erhältlich sein. Mit ihm bringt Amazon auch die elektronische Verleihbücherei für alle Kindle-Nutzer in den deutschsprachigen Raum. 8500 digitale Bücher sind erhältlich. Für eine Jahresgebühr von 29 Euro kann jeden Monat ein anderes gelesen werden.
Zumindest bei diesem Geschäftsfeld hat Bezos offenbar ins Schwarze getroffen. Schon heute verkauft der Konzern in Deutschland mehr digitale als Hardcover-Bücher. Das Ende des gedruckten Wortes sieht der Onlinehändler dadurch nicht. Im Gegenteil: Wer E-Books liest, so Amazon, kauft auch vermehrt klassische Bücher.
Amazon setzt auf Expansion. Der weltgrößte Online-Händler streckt seine Fühler in neue Geschäftsfelder aus – und verbrennt damit hunderte Millionen Dollar.
Den iPad-Rivalen „Kindle Fire HD“ verkauft Amazon zu Selbstkosten. Die neue Generation des Tablets ist nun auch in Europa erhältlich – allerdings nicht in Österreich. Hierzulande müssen sich Kunden mit dem – ebenfalls neuen – „Kindle Paperwhite“ begnügen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.10.2012)
Städte-RankingWo die meisten Superreichen leben
KreativDie Welt der Werbung
Cash-KaiserDiese Firmen horten am meisten Bargeld
''Plagiarius''Dreisteste Fälschungen ausgezeichnet
UrlaubÖsterreicher im EU-Ranking voran