Libor-Zinsskandal weitet sich aus

26.10.2012 | 18:45 |   (Die Presse)

In die Affäre um die Manipulation des wichtigen Zinssatzes Libor sind mehr Banken involviert als bisher bekannt. Die US-Justiz ermittelt nun gegen neun weitere Institute.

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Wien/Dow Jones/Höll. Immer mehr Banken wird vorgeworfen, den wichtigen Zinssatz Libor manipuliert zu haben. Am Freitag wurde bekannt, dass die US-Staatsanwälte ihre Ermittlungen auf neun weitere Institute ausgedehnt haben. Der Vorwurf lautet: Betrug und Verstoß gegen kartellrechtliche Auflagen. Damit sind bereits 16 Finanzkonzerne im Visier der Ermittler. Zu den verdächtigen Instituten gehören namhafte internationale Geldhäuser wie die Deutsche Bank, Bank of America, die Société Générale, die Credit Suisse, die japanische Mitsubishi-Bank und die deutsche WestLB.

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Schaden in Milliardenhöhe

Der Londoner Interbankensatz Libor gehört zu den wichtigsten Zinssätzen weltweit. Er wird einmal täglich in London festgelegt und zeigt an, zu welchen Konditionen sich Banken untereinander Geld leihen. Er basiert auf individuellen Angaben mehrerer Großbanken. Er dient als Referenz für Kredite an Unternehmen, Privatpersonen und weitere Finanztransaktionen in der Höhe von rund 500 Billionen Dollar (385 Billionen Euro). Die Analysten von Morgan Stanley schätzen den durch die Schiebereien entstandenen Schaden für die Weltwirtschaft auf rund 17,1 Mrd. Dollar (13,1 Mrd. Euro).

Das Vorgehen der US-Staatsanwälte ist kein Einzelfall. Auch die Justizbehörden in Europa und Asien haben Untersuchungen eingeleitet. Dabei soll festgestellt werden, ob die Banken an illegalen Absprachen um den Libor zwischen 2005 und 2009 beteiligt waren.

 

Immer mehr Hausbesitzer klagen

In den USA gehen die Staatsanwälte der US-Bundesstaaten New York und Connecticut unter anderem der Frage nach, ob Privatanleger, Landesbehörden und Gemeinden von den mutmaßlichen Manipulationen betroffen sind. Die 16 Banken erhielten von der Justiz eine Vorladung, sich zu den Anschuldigungen zu äußern.

Die meisten Finanzkonzerne gaben dazu keine Stellungnahme ab oder bestreiten die Vorwürfe. Andere sagten zu, mit den Behörden zu kooperieren. In den USA reichten Mitte Oktober mehrere enteignete Hausbesitzer eine Sammelklage gegen in Zwielicht geratene Banken ein. Sie behaupten, dass durch die koordinierten Zinsmanipulationen Immobilienkredite drastisch verteuert wurden. Europäische und amerikanische Kreditinstitute sollen den Libor künstlich hochgehalten haben.

Der Anwalt der Geschädigten, John Sharbrough, sagte, dass bis zu 100.000 Immobilienbesitzer klagen könnten. In den USA wird den Banken vorgehalten, Konsumenten jahrelang billige Kredite für den Kauf einer Wohnung oder eines Hauses nachgeworfen zu haben. Nach dem Platzen der Immobilienblase stiegen die Kreditzinsen sprunghaft an, viele Kreditnehmer konnten ihre Schulden nicht mehr tilgen und wurden enteignet. US-Gemeinden und andere Investoren, die Zinsabsicherungsgeschäfte abgeschlossen haben, gehen ebenfalls juristisch gegen Banken vor. Mittlerweile prüfen auch erste US-Bundesstaaten, ob die Anschuldigungen für Klagen ausreichen. Man arbeite mit anderen Justizbehörden zusammen, um zu ermitteln, ob dem Bundesstaat Verluste entstanden seien, sagte ein Sprecher des Staates Massachusetts. Auch Florida nahm Untersuchungen auf.

Die Notenbank von New York hat nach eigener Aussage bereits vor vier Jahren auf Unregelmäßigkeiten bei der Festsetzung des Libor hingewiesen und Reformen eingemahnt.

 

Libor wird nun reformiert

Als erstes Kreditinstitut hatte sich die britische Barclays mit Aufsehern in den USA und Großbritannien auf die Zahlung von einer Strafe von 450 Mio. US-Dollar geeinigt. Dabei räumte Barclays ein schweres Fehlverhalten ein: Hohe Konzernvertreter und Händler hätten den Libor manipuliert. Die Einigung und besonders das Eingeständnis sorgten in Großbritannien für einen politischen Aufschrei. In der Folge musste Barclays-Chef Robert Diamond den Hut nehmen.

Wegen der Manipulationen plant die britische Finanzaufsicht nun eine Reform des Libor. Damit sollen die Einflussmöglichkeiten der Banken verringert werden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.10.2012)

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11 Kommentare
Gast: noch einer
27.10.2012 13:04
0

Astronomische Summen

Insgesamt sind von der Libor-Zinsgestaltung
weltweit kursierende 600 Billionen Dollar betroffen .
Da läßt sich ein schönes Körberlgeld machen .

.... Die Kriege ,die Geheimdienste , Propaganda&Medien , und die unzähligen "Experten", die uns das System als "alternativlos" erklären ,
müssen ja auch finanziert werden .....

17,1 Milliarden US$ Schaden ??


Das erscheint mir viel zu gering geschätzt. Nicht nur Kredite direkt waren betroffen.
In erster Linie Zins-Swaps; und das sind weltweit ca 200.000 Milliarden .
Aber auch in die Bewertung aller Optionen geht der Zinssatz ein. Und davon sind auch ca 80.000 Milliarden offen.

Vermutlich ist der jährliche Schaden das 20- bis 50-fache. Der kumulierte Schaden über 20 Jahre entsprechend noch dramatisch höher.

Wann bringt

die Republik Österreich ihre Klagen gegen ein?

Richtig - NIE - weil unsere Politiker Speichellecker der Hochfinanz sind und das Volk schamlos auspressen. Weg mit Ihnen!

Re: Wann bringt


Nicht Speichellecker, sondern Abhängige.

Die Crux ist, dass Politik u n d Wirtschaft von den Finanznetzwerken abhängig sind und praktisch in Geiselhaft sitzen. Die großen Banken sind näml. Anlageberater, Kreditgeber und Investor (=Arbeitgeber in der Wirtschaft). Und werden von ihren "Kunden" - sprich den Staaten - durch die Finanzmanktaufsichten "kontrolliert".

Die Finanzwirtschaft hat weltweit die Länder in der Hand und ihre Lobbyisten an allen wesentlichen Schaltstellen platziert. Was glauben Sie, wie es sonst möglich war, die Börsen zu Casinos verkommen zu lassen und Luftgeschäfte zu legalisieren, die reiner Betrug sind.

That's it.


Gast: gast55
26.10.2012 23:10
2

Libor-Zinsskandal weitet sich aus

das war jedem klar, der mehr als 5 funktionierende gehirnzellen hat

Soviel zum Thema: "Echte freie Marktwirtschaft" ...

... bedarf keiner Regulierung ...

Gast: PÖHSE
26.10.2012 20:37
4

Wenn die EUdSSR fertiggebaut ist


erfährt man so etwas GAR nicht mehr .

Darum-gegen die Krise hilft nur MEHR
Integration .

Merke: nicht ALLE Schwammerln sind zum Verzehr geeignet .

Gast: Tritrix
26.10.2012 20:33
3

Wer versteht was

Ein bisschen einfach gedacht,
Ein wenig oberflächlich recherchiert,
Vielleicht die Materie nicht ganz verstanden,
Und schon kann das Volk aufgebracht werden.
Genug Schaden durch Unwissenheit und mediale Sensation.
Schade, dass nur Negativschlagzeilen in die Köpfe der Menschen gehen.

Antworten Gast: gast 299
27.10.2012 15:43
0

Re: Wer versteht was

Also wenn sie es so genau wissen, dann klären sie mich genau auf. Sie können darauf vertrauen ich verstehe das. Eines was mir auffällt ist,dass hier die amerikanische Justiz in vielen Fällen von Wirtschaftskriminalität durchgreift. Das ist nicht überall so. Allerdings scheinen mir die dann in den USA ausgesprochenen Strafen im Verhältnis zum angerichteten Schaden viel zu klein. (Beispiel Goldmann und Sachs). Und was mir noch auffiel. Die Deutsche Bank wurde in verschiedenen Vorkomnissen, nicht nur in diesem Zusammenhang schon öfter genannt. Zur West LB ist zu sagen, dass diese zerschlagen wird/wurde. Die waren auch so schlau sich an einem Geschäftsmodell in GB zu beteiligen, das meiner Meinung im vorhinein zum Scheitern verurteilt war. Es ging um die Beteiligung an einer Firma die Fernseher u.a. Artikel vermietete. Ausfall : um die 1 Mia! Der Verwaltungsrat dieser Bank war damals aus deutscher Sicht politisch hochkarätig besetzt.

Was für eine Überraschung.

Die Banken manipulieren im Hintergrund jeden freakin' fu**in' shit, inklusive der Polithampel und sonstiger Lakaien, und wegen des Libor tun alle so überrascht?

und wieder die finanzmafia

haben diese mafiaorganisationen nicht schon genug unheli angerichtet und unsummen an prämien und boni für ihre moralisch verkommenen führungskräfte abgesaugt? kein jahr vergeht an dem nicht eine neue bankenkrise, verursacht durch eindeutig kriminelle elemente aufgedeckt wird, welche wieder millionen an kleinen sparern ihre gelder kostet

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