Wien. Johannesburg, Nairobi, Lagos. In den vergangenen Jahren haben Investoren so viel Geld in die Hauptstädte im Süden Afrikas getragen, als gäbe es New York, London und Tokio nicht mehr. Kein Wunder. Während die westliche Welt in die Rezession taumelt, erwartet der Internationale Währungsfonds (IWF) für die Region südlich der Sahara heuer fünf Prozent Wirtschaftswachstum. Wäre der Kontinent ein Land, der Durchschnittsbürger würde mit einem Einkommen von 1700 Dollar bereits zur „Mittelschicht“ zählen, errechnete die Weltbank. Nur die Landwirtschaft in Afrika hält mit dieser Entwicklung nicht Schritt. Immer noch hungern hunderte Millionen auf dem Kontinent.
Das müsste nicht sein, schreibt die Weltbank in einer aktuellen Studie. Afrikas Bauern könnten Afrika problemlos mit Grundnahrungsmitteln versorgen. Doch statt mit den eigenen Nachbarn zu handeln, beziehen Afrikas Länder 95 Prozent ihrer Getreideimporte von außerhalb des Kontinents.
Teurer Wegzoll für Afrikas Bauern
Wer sich mit Entwicklungspolitik beschäftigt, hörte dafür bisher eine einfache Erklärung: Die reichen Industriestaaten fluten die Märkte mit hoch subventionierten Billigstlebensmitteln. Dagegen haben Landwirte aus Afrika keine Chance. Doch das allein ist es nicht. Zwar weist die Weltbank auch in der neuen Studie auf den schädlichen Einfluss der Agrarförderungen in Industrieländern hin. Das größte Problem ist aber ein anderes: Afrika behindert sich selbst. Wie sonst wäre zu erklären, dass andere Entwicklungsregionen wie Osteuropa oder Südamerika in den vergangenen zwanzig Jahren einen Entwicklungssprung gemacht haben, während Afrika stets auf Importe angewiesen ist? (Siehe Grafik.)
Es sind vor allem Hemmnisse auf dem Kontinent selbst, die die afrikanische Landwirtschaft am Boden halten. Bürokratische Hürden, kostspielige Wegelagerer und Importbarrieren nehmen Bauern die Motivation und verteuern die Nahrungsmittel für die Konsumenten. Oft sei es für nicht afrikanische Produzenten leichter, eine afrikanische Stadt zu versorgen als für Landwirte vor den Toren des Ballungszentrums. Dabei spielt sich dort Afrikas Zukunft ab. Bis 2020 wird sich die Nachfrage nach Grundnahrungsmitteln auf dem Kontinent verdoppeln, schätzt die Weltbank. Vor allem in den boomenden Städten sind dann Mais und Weizen gefragt. Für lokale Bauern ist es aber nicht einfach, ihre Ware dorthin zu bringen. Dabei mangelt es nicht an Straßen, die sind zur besseren Anlieferung westlicher Güter überraschend gut ausgebaut. Es sind die menschengemachten Stolpersteine, mit denen gekämpft wird. Bauern aus Kenia, Tansania oder Uganda müssen auf dem Weg vom Feld zum nächsten Großmarkt etwa mit vier bis zehn willkürlich aufgebauten Straßensperren rechnen. Alle 30 bis 50 Kilometer müssen sie – auch auf Seitenstraßen – Wegzoll bezahlen. Ihnen bleibt bestenfalls ein Fünftel des Endkundenpreises. Herzlich wenig Motivation, eine so widrige Reise auf sich zu nehmen oder für das Nachbarland zu produzieren.
Importverbote treiben Preise
Dabei wäre das Potenzial enorm. 400 Mio. Hektar fruchtbares Land gibt es in Afrika – das ist halb Australien. Doch nur ein Zehntel davon wird genutzt. Und auch Ernteausfälle in einem Land müssten nicht zur Katastrophe führen, schreibt die Weltbank. Denn der ganze Kontinent leide höchst selten unter Dürre. Irgendwo gebe es immer eine gute Ernte.
Doch was nützt das, wenn Regierungen danach trachten, dass die Feldfrüchte den Weg ins Nachbarland nicht finden? Import- und Exportverbote gelten immer noch als probates Mittel, um die eigenen Bauern vor Konkurrenz und die Bürger vor Hunger zu schützen. In der Realität beschert diese Politik Kunden wie Landwirten vor allem extrem schwankende Preise. Fällt in Sambia ein Drittel der Maisernte aus, schießt der Preis bei geschlossenen Grenzen um 150 Prozent in die Höhe. Wären Importe erlaubt, stiege der Preis nur um 36 Prozent.
Den Handel offiziell zu genehmigen, reicht aber nicht immer aus. Denn wer in Afrika mit Mais handeln will, muss sich genau überlegen, wo seine Ware landen soll. Während in Tansania drei Prozent Verunreinigungen mit Insekten erlaubt sind, gestattet Uganda nur ein Prozent. In Malawi erfahren die Bauern überhaupt erst in der Handelsstadt Blantyre, ob die Inspektoren ihr Getreide für gut befinden.
Die Lösungsvorschläge der Weltbank klingen vertraut: Abbau der Handelsschranken, Harmonisierung der Normen. So würde Afrika nicht nur den Hunger verbannen, sondern auch 20 Mrd. Dollar mehr im Jahr erwirtschaften. Und 2025 könnten die meisten Afrikaner wirklich zur Mittelschicht zählen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.10.2012)

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