Wien/Cupertino/jil/ag. „Laut Apple Maps ist Felix Baumgartner soeben auf Pluto gelandet.“ Es sind Tweets wie dieser vom US-Komödianten Tom Jamieson, die man bei Apple gar nicht gern liest. Das kalifornische Unternehmen leistet in der Regel außergewöhnliche PR-Arbeit. Aber wenn ein Produkt mal voll danebengeht, kann eben auch die beste Imagearbeit nicht mehr helfen.
So war das schon beim „Newton“, dem Urgroßvater des iPad. Der Newton war Anfang der 90er seiner Zeit zwar um Lichtjahre voraus – aber eben auch ein gewaltiger Flop. Die lächerlich dysfunktionale Handschriftenerkennung war damals sogar den „Simpsons“ einen Seitenhieb wert.
Rund 18 Jahre später kämpft der ehemalige Computerhersteller Apple um die Vorherrschaft auf dem mobilen Markt – weshalb man kürzlich Google Maps vom iPhone verbannen ließ und einen eigenen Kartendienst präsentierte. Und weil der voller Fehler ist, muss der verantwortliche Manager Scott Forstall seinen Hut nehmen. Apple-CEO Tim Cook nützt die Gelegenheit und nimmt ein Jahr nach dem Tod von Apple-Gründer Steve Jobs einen Totalumbau an der Konzernspitze vor.
Scott Forstall war lange ein Stellvertreter von Jobs und wurde auch zeitweise als Nachfolger gehandelt. Er war zuletzt für iPhone- und iPad-Software zuständig, hatte sich aber Meldungen zufolge geweigert, öffentlich die Verantwortung für das Apple-Maps-Debakel zu übernehmen – woraufhin CEO Tim Cook sich selbst im Namen des Unternehmens bei den Kunden entschuldigte. Nun wird Forstall dem Unternehmen nur noch bis Jahresende als „Berater“ erhalten bleiben – und dann gehen. Wohin, ist unklar.
Ebenfalls gehen muss John Browett, der erst vor sieben Monaten von der britischen Elektronikkette Dixons geholt wurde. Browett war für die Apple-Geschäfte verantwortlich und verärgerte die Mitarbeiter, weil er ihnen länger Arbeitszeiten verordnete – um Geld zu sparen.
Auftritt Jony Ive
Die Abgänge schaffen Platz für den Aufstieg des britischen Designers Jonathan Ive, genannt „Jony“. Ive ist nach dem Tod von Steve Jobs wohl bereits jetzt der bekannteste Manager von Apple. Man kennt ihn aus den Videos, die zur Präsentation von neuen Produkten veröffentlicht werden.
Ive legt in diesen Filmen als Hohepriester des Apple-Kults derartiges Pathos an den Tag, dass Fans sich nach dem Ende des Videos oft nicht ganz sicher sind, ob sie nun einen neuen Computer kaufen – oder eher unter dem Apfel-Banner in den Krieg ziehen wollen. Dass Ive in diesen Verkaufsvideos das Gesicht der Firma darstellt, ist freilich kein Zufall.
Der 45-Jährige ist seit 1997 bei Apple und hat in der zweiten Amtszeit von Steve Jobs die Verantwortung für das Gerätedesign übernommen – dem bei Apple in der Regel alles andere untergeordnet wird. Aus Ives Labors im Hochsicherheitstrakt des Apple-Hauptquartiers in Kalifornien stammen Designikonen wie das iPhone, das iPad und die Apple-Laptops, die aus einem einzigen Stück Aluminium gefräst werden. Nicht ohne Grund wird Ive also mehr denn je als möglicher nächster Apple-Chef gehandelt. Der Chefdesigner soll nun auch mehr Verantwortung für Software übernehmen.
Online-Chef Eddy Cue übernimmt (wieder einmal) die Rolle des „Feuerwehrmanns“ und wird dazu abgestellt, den misslungenen Kartendienst zu retten. Dass er ein Talent als Retter in der Not hat, konnte Cue bereits beweisen, als er den schlecht funktionierenden Cloud-Dienst MobileMe zur mittlerweile erfolgreichen iCloud umgebaut hat.
Auch Siri braucht Rettung
Cue ist schon seit 2011 für den iTunes-Store verantwortlich – und damit auch für AppStore und den Apple-Bücherladen. Der Krisenmanager soll neben Apple Maps auch „Siri“ auf Vordermann bringen. Die Spracherkennungssoftware ist zwar Pionierarbeit – liefert aber in der Praxis derart lustige (und unbrauchbare) Ergebnisse, wie Nutzer sie seit den Tagen des Newton nicht mehr erlebt haben.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.10.2012)
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