Die Presse: Im Zuge der Krise wurde der Ruf nach Reindustrialisierung laut. Wie beurteilen Sie als Chef eines Industriebetriebs mit Hauptsitz in Europa die Chancen, wieder mehr Industrie hier anzusiedeln?
Peter Löscher: Wir brauchen eine Politik, die genau dieses Bestreben stärkt. Das fängt bei der Bildungspolitik an: Wir brauchen mehr Ingenieure. Allein in Deutschland fehlen derzeit rund 100.000 Ingenieure. Wir brauchen qualifizierte Zuwanderung. Ein Kontinent, der bis 2050 von 500 Millionen auf 450 Millionen Menschen schrumpft, braucht Zuwanderung. Und wir brauchen eine weitere Stärkung der Forschungs- und Innovationspolitik auf europäischer Ebene, um auch Skaleneffekte zu nutzen. Wie stellt Europa beispielsweise sicher, dass Zukunftsindustrien weiterhin auch aus Europa heraus betrieben werden können? Wichtig ist auch eine Flexibilisierung der Arbeitsmärkte, die in den europäischen Ländern derzeit noch völlig unterschiedlich geregelt sind.
Haben Sie das Gefühl, dass in der EU von politischer Seite die Motivation da ist, an der Reindustrialisierung zu arbeiten? Man hat den Eindruck, dass immer mehr Auflagen und Regelungen kontraproduktiv sind.
Wir müssen bei den Regulierungsmaßnahmen gegenhalten. Es wird sehr oft der anhäufende Effekt von Regulierungsmaßnahmen unterschätzt. Eine einzelne Regulierung kann für sich genommen durchaus sinnvoll sein, aber in der Anwendung ist man dann plötzlich in einem Umfeld, das die Gefahr der Überregulierung birgt. Da gilt, manchmal ist gut gemeint im Gesamtbild dann doch nicht gut.
Wo brauchen wir mehr Regulierung und wo sollten wir sie zurückfahren?
Beim Energieumbau in Europa und damit verbunden der Energiesicherheit müssen wir die Stärken Europas viel mehr nutzen. Da gibt es heute noch viel zu oft eine überwiegend nationale Sicht. Wir müssen die Stromnetze der europäischen Länder stärker miteinander vernetzen sowie ausbauen und brauchen dafür einen strategischen Plan. Man muss auch daran denken, dass man die erneuerbaren Energien vor allem dort ausbaut, wo sie am kosteneffizientesten sind. Windräder müssen dort stehen, wo der Wind am ergiebigsten weht und Solarwerke dort, wo die Sonne am intensivsten scheint. Das heißt, wir müssen darüber nachdenken, wie erneuerbare Energien im europäischen Kontext entwickelt werden können.
Wo sehen Sie denn die Stärken der Wettbewerbsfähigkeit Europas?
Asien holt beim technischen Know-how rasant auf. Wie schaffen wir es trotzdem, wettbewerbsfähig zu bleiben, trotz hoher Arbeitskosten?
Wir müssen immer um so viel innovativer sein wie wir teurer sind. Wir haben einen riesigen Vorteil beispielsweise in Umwelttechnologien. Europa hat im Vergleich viel früher auf Ressourcen- und Energieeffizienz umgestellt als andere Weltregionen. Da ist Österreich ein hervorragendes Beispiel. Ich kann mich noch erinnern, dass es in meiner Studentenzeit in den 1980er-Jahren schon Mülltrennung gab.
Kommen wir zu Siemens: Sie haben gesagt, Sie werden dauerhafte Verlustbringer abstoßen. Ist das richtig?
So funktioniert Marktwirtschaft. Unser Ansatz ist, im Siemens-Portfolio das Kerngeschäft zu stärken und natürlich müssen wir uns auch immer wieder den strukturellen Herausforderungen stellen. Wir müssen uns die Frage stellen, wo haben wir Geschäfte, die wir von der Leistungskraft dauerhaft nicht so weiterentwickeln können, wie das andere Unternehmen könnten, aus welchen Gründen auch immer. Dann sind wir nicht der beste Betreiber solcher Geschäfte. Deshalb haben wir uns auch entschieden, uns vom Solargeschäft zu trennen.
Siemens hat schon bisher kontinuierlich Strukturen verändert. Inwiefern unterscheidet sich der jetzige Prozess von diesen laufenden Anpassungen?
Das ist nichts anderes. Eine ganz gelassene, konsequente Umsetzung dessen, was wir immer schon gemacht haben: Siemens weiterzuentwickeln, zu verbessern und unseren hohen, selbst gesteckten Ansprüchen gerecht zu werden.
In den Medien wurde berichtet, dass sich Siemens völlig neu aufstellt und es wurde auch kolportiert, dass bis zu 10.000 Stellen abgebaut werden.
Da wird leider sehr viel Unfug geschrieben. Es geht in erster Linie um die Verbesserung von Effizienz und Produktivität. Personalanpassungen finden bei Siemens kontinuierlich statt. Sie sind nicht der Ausgangspunkt unserer Überlegungen oder der Ansatz des Programms. Vielmehr gehört Reagieren auf veränderte Marktsituationen und wirtschaftliche Rahmenbedingungen zu den laufenden Erfordernissen jedes Geschäfts.
Sie haben gesagt, Sie müssten immer um so viel innovativer sein, wie Sie teurer sind. Sie sind in manchen Bereichen teurer als die Konkurrenz.
Das stimmt und das ist sicherlich auch kein Zufall.
Aber setzen Sie sich da nicht selbst unter Druck?
Wir sind überhaupt nicht unter Druck. Wir haben 2011 das beste Ergebnis in der Siemens-Geschichte erzielt und werden auch für 2012 ein sehr gutes Ergebnis berichten können.
Das aber unter Ihren Erwartungen liegt.
Wir haben einen klaren Anspruch, den wir uns selbst gesteckt haben: Wir wollen als Unternehmen besser sein als die Wettbewerber und nicht in der breiten Masse rumdümpeln. Diesem Anspruch sind wir im abgelaufenen Geschäftsjahr nicht überall gerecht geworden und deshalb handeln wir jetzt. Wir wollen wieder in Bestform kommen.
Es werden in Europa in einigen Bereichen der erneuerbaren Energien Förderungen zurückgefahren. Das wirkt sich vermutlich auch negativ auf Ihr Geschäft aus.
Der Bereich der erneuerbaren Energien ist und bleibt ein wichtiges Geschäftsfeld für Siemens. Aber auch dort müssen wir klar Schwerpunkte setzen: Wind- und Wasserkraft sind künftig die wichtigsten erneuerbaren Energiequellen. Zusammen werden Wind- und Wasserkraft 2030 weltweit für drei Viertel der regenerativen Stromerzeugung stehen. Bei der Windkraft ist Siemens an Land gut unterwegs und auf See seit 20 Jahren Innovations- und Marktführer. Alle unsere knapp 900 Windturbinen, die wir inzwischen auf dem Meer installiert haben, laufen zuverlässig. Der Fokus liegt nun auf Kostensenkung über Innovationen. Unser Ziel ist, dass sich die erneuerbaren Energien komplett ohne Förderungen auf dem Markt behaupten können. Bei der Windkraft ist das nicht so weit entfernt, erste Windparks an hervorragenden Standorten kommen schon heute ohne Subventionen aus.
Der Trend, dass Emerging Markets mehr Aufholbedarf haben und daher schneller wachsen, ist ja ungebrochen. Glauben Sie, dass wir Wachstumsraten sehen werden wie vor der Krise?
Die Zweiteilung der Wachstumsdynamik, die wir auch in den letzten Jahren gesehen haben, wird weitergehen. Der Rückenwind, den es bis vor wenigen Jahren für die Weltwirtschaft gab, hatte damit zu tun, dass quasi überall und für jeden billiges Geld zur Verfügung stand. Heute weiß die Welt, dass dies eher ein süßes Gift als ein Segen für die Wirtschaft war. Jetzt ist das anders. Und das wird sich auch in Zukunft nicht mehr wesentlich ändern.
Peter Löscher, Jahrgang 1957, steht seit fünf Jahren an der Spitze des deutschen Technologiekonzerns Siemens. Zuvor war der gebürtige Villacher im Management unterschiedlicher Pharmariesen beschäftigt.
Das Interview wurde von „Presse“ und „Wirtschaftsblatt“ gemeinsam geführt.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.11.2012)
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