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Gegenwind für Europas Windräder

10.11.2012 | 18:28 | von Julia Kastein (london) und Matthias Auer (Die Presse)

Großbritanniens Windkraftgegner gehen auf die Barrikaden. Die Mühlen seien hässlich, unrentabel, nicht so umweltfreundlich wie gedacht. Auf dem Gipfel des Booms wird der Ruf nach einer Notbremse in Europa lauter.

Donald Trump hat einen Albtraum. Darin steht der amerikanische Immobilientycoon auf seinem malerisch gelegenen Luxusgolfplatz an der Küste von Aberdeenshire in Schottland, holt mit dem Schläger aus, hebt den Blick über die Dünen zum Horizont – und sieht in zwei Kilometer Entfernung elfgraue Stelzen und Rotoren aus dem Nordatlantik ragen: die Turbinen eines Offshorewindparks. Diese „Horrorvision“ will der schillernde Unternehmer mit schottischen Wurzeln verhindern: Seit ein Konsortium unter der Führung des schwedischen Energieriesen Vattenfall den Genehmigungsantrag für das 290 Mio. Euro teure Projekt gestellt hat, kämpft Trump ähnlich verbissen gegen das Windkraftwerk wie zuvor Umweltschützer und Anwohner gegen seinen Golfplatz mobil gemacht haben. Mit viel Geld für eine „Bürgerinitiative“, Anzeigenkampagne und zuletzt gar der Forderung nach einer öffentlichen Untersuchungskommission: „Wir werden diese schrecklichen Pläne, die Schottland zerstören werden, vereiteln.“

EU setzt auf Wind. Trump ist der bekannteste, aber nicht der einzige Windkraftgegner in Großbritannien. Vor allem im Süden der Insel löst jeder Antrag auf eine Anlage reflexartig einen Sturm der Entrüstung aus. Im Rest Europas ist es nicht anders. Die EU ist zwar fest entschlossen, den Anteil der Windkraft an der Stromproduktion bis 2030 von heute fünf Prozent auf ein Drittel zu erhöhen. Doch gerade auf dem Gipfel des Windkraftbooms bekommen die Gegner der erneuerbaren Energiequelle Rückenwind. Der Vorwurf, dass die Windräder das Auge beleidigen, ist da noch der geringste. Windräder machen Lärm, töten Vögel, sind unrentabel, bringen Stromnetze in Gefahr und sparen kein CO2ein, sagen Kritiker. Da, wo Regierungen besonders ehrgeizig gewesen sind, wird der Ruf nach einer Notbremse lauter.

Allen voran in Deutschland. Hier kürte die schwarz-gelbe Koalition die Windenergie zum Kernstück der Energiewende weg von fossilen Brennstoffen. Doch der radikale Ausbau hat seine Tücken. Was am wenigsten überrascht: Wind liefert nur dann Strom, wenn er weht. Egal, ob die Elektrizität gerade gebraucht wird oder nicht. Die Folge: Zieht im Norden des Landes eine steife Brise auf, pumpen die Windmühlen so viel Strom in die Leitungen, dass die Netze in Tschechien und Polen vor dem Kollaps stehen. An der Börse kann der überschüssige Windstrom unterdessen nur verschenkt werden. Und herrscht Flaute, müssen erst wieder Braunkohlekraftwerke in die Bresche springen.


Genug Strom. „Es gibt genug Strom in Europa“, sagt Österreichs Energieregulator Walter Boltz. „Nur nicht dort, wo wir ihn brauchen.“ Solange es keine guten Stromspeicher gibt, heißt das: Netzausbau. Doch um genug Leitungen von den Windparks im Norden zur stromintensiven Industrie im Süden zu legen, brauchte man 20 Mrd. Euro. Dem Klima bringe all das wenig, unken Windgegner. Baut Berlin mehr Windräder, reichen die deutschen Energiekonzerne ihre freien CO2-Zertifikate billig an Kohlekraftwerke in Osteuropa weiter.

Langfristig stößt der Ausbau freilich einen Strukturwandel an. Und auch der Vorwurf, dass die geförderte Windenergie unrentabel bleiben müsse, zielt ins Leere. Denn während fossile Brennstoffe konstant teurer werden, weht der Wind stets zum selben Preis. Dennoch ruft Deutschlands Ex-Wirtschaftsminister Rainer Brüderle nach einem Stopp für Ökostrom. Die Regierung will davon nichts wissen – noch.

Auch in Großbritannien ist die Koalition aus Konservativen und Liberaldemokraten unter Premier David Cameron 2010 angetreten, die „grünste Regierung aller Zeiten“ zu werden. Doch dank Wirtschafts- und Finanzkrise sind Themen wie Klimawandel und CO2-Reduzierung fast aus den tagespolitischen Debatten verschwunden. „Wir werden den Planeten nicht retten, indem wir unser Land wirtschaftlich ruinieren“, erklärte Finanzminister George Osborne schon vor einem Jahr.


„Genug ist genug.“ Viele seiner Parteifreunde sehen deshalb die Chance gekommen, den derzeit geplanten Bau von 4000 weiteren Windkraftanlagen an Land zu verhindern: Rund hundert Tory-Abgeordnete schickten Anfang des Jahres einen öffentlichen Brief an Premier Cameron. Und der frischgebackene konservative Energiestaatssekretär und erklärte Windkraftgegner John Hayes erklärte in einem seiner ersten Interviews: „Wir können diese Turbinen unseren Gemeinden nicht länger aufzwingen. Ich sage: Genug ist genug.“ Sein Chef, der liberaldemokratische Energieminister Ed Davey, dementierte zwar prompt, dass der Regierungskurs die Richtung geändert habe. Doch die Branche ist beunruhigt.

„Uns macht das sehr nervös“, so Gordon Edge, Chefstratege bei „Renewables UK“, Verband für erneuerbare Energien, zur „Presse“. „Die Unsicherheit darüber, wie es weitergeht, ist groß. Und je größer die Unsicherheit, desto schwieriger, Investoren zu finden. Und ohne langfristige Investitionen besteht das Risiko, dass hier irgendwann buchstäblich die Lichter ausgehen.“


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