USA: Isolierwolle als "ziemlich innovatives Produkt"

In San Francisco fand die weltgrößte Umweltbaumesse „Greenbuild“ statt. Was hier als Innovation gepriesen wird, ist in Österreich seit vielen Jahren Standard.

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Wärmedämung – (c) Www.BilderBox.com (Www.BilderBox.com)

San Francisco. Norm Alger ist aufgeregt. „Das ist ein wirklich einzigartiges Produkt“, erklärt der Vertreter der Firma „Cotton Armor“. „Umweltfreundlich, leicht zu verarbeiten, es hilft, Energie zu sparen und schützt vor Lärm.“ Norm lässt alles bei seinem Gesprächspartner kurz einsickern, dann fügt er mit tragender Stimme hinzu: „Das ist ein ziemlich innovatives Produkt.“ Das „ziemlich innovative Produkt“, das Norm auf der weltgrößten Umweltbaumesse in San Francisco anbietet: Isolierwolle.

Für einen Europäer war es ein ernüchterndes Erlebnis, durch die drei Hallen des Moscone Centers zu gehen, in denen bis Freitag, die „Greenbuild“ stattfand. Die Messe verstand sich als eine Fortbildungsveranstaltung für Architekten, Bauunternehmen und Hausbesitzer im Bereich „grünes“ Bauen und Wohnen. Mehr als 1000 Firmen präsentierten ihre Produkte und Innovationen, die helfen sollen, die Umwelt zu schonen.

Es ist fast niedlich, was Amerikaner darunter verstehen. Produkte, die in Europa zum Standardrepertoire zählen, suchte man auf der „Greenbuild“ vergebens: keine Solarpaneele, keine Erdwärme, nur ein Stand preiste Passivhäuser an (mit deutschem Know-how). Die Isolierwolle von „Cotton Armor“ war da tatsächlich fast schon ein wenig revolutionär. Viele Häuser in den USA sind im besten Fall mit Bauschaum isoliert, viele gar nicht.

Die US-Firma Toto sorgte für Schlagzeilen in den lokalen Medien in San Francisco, weil es ein bisher nur wenig bekanntes Produkt auf der Messe ausstellte: eine Toilette mit zwei Spülknöpfen. „Damit muss nicht jedes Mal der gesamte Wassertank entleert werden, wenn man nur...naja, Sie wissen schon“, erklärte William Strang ein wenig verschämt.

„Die Amerikaner sind im Energiesparbereich im Schnitt zehn bis 15 Jahre hinter uns“, sagte Wolfgang Weirer vom Holzbauunternehmen KLH. Der Steirer ist einer von elf Österreichern, die hier ausstellen. Bei KLH sind es Massivholzplatten, die ein schnelles und umweltfreundliches Bauen ermöglichen. Seit mehreren Jahren bearbeitet KLH den Markt in den USA und in Kanada. „Das ist nicht einfach, aber die Möglichkeiten sind gewaltig“, erklärte Weirer.

Die große Herausforderung ist allerdings, den Leuten die Notwendigkeit von Umwelttechnologien zu vermitteln. Zwar verbrauchen die Bewohner keines anderen Landes dieser Welt mehr Energie als die US-Amerikaner – umgerechnet auf Öl sind es (inklusive Verkehr) pro Kopf etwa 8000 Kilogramm pro Jahr (in Österreich sind es pro Kopf 4000 Kilogramm Öl). Doch Energie ist billig. Die Kilowattstunde Strom kostet zwischen fünf und zehn Cent. Die Motivation, Energie zu sparen, ist also gering.

 

Technischer Overkill aus Salzburg

Da sind Produkte, wie sie Peter Reiter anbietet, schon ein völliger Overkill. Reiter verkauft Fenster des Salzburger Unternehmens „Amari“, die dreifach verglast sind. „Man muss immer technische Unterstützung liefern, sonst verstehen die Baufirmen und Architekten das Produkt nicht.“ Zweifach verglaste Fenster werden erst langsam der Standard in den Vereinigten Staaten, bestehende Häuser haben meist nur einfaches Fensterglas.

Richard Fedrizzi, Präsident des „U.S. Green Building Council“, geizte bei der Eröffnung der Messe nicht mit dramatischen Vergleichen, wenn es um die Mission geht, die Notwendigkeit von „grünem“ Bauen zu erklären: „Unser Kampf gleicht dem für die Bürgerrechte (in den 1960er-Jahren, Anm.) oder dem für die Gleichstellung der Homosexuellenehe.“

Wenn die Botschaft ankommt, ist das Potenzial gewaltig, glaubt Nicole Mothes, Handelsvertreterin von Kanada in Wien, die österreichische Firmen auf dem nordamerikanischen Markt vermittelt. „Noch ist es eine Nische, aber auch in den USA und Kanada steigen die Energiepreise.“

Franz Rössler, Außenhandelsdelegierter der Wirtschaftskammer in den USA, sagt: „In Chicago will man Treibhausgase bis 2020 um 25Prozent senken, bis 2050 sogar um bis zu 80 Prozent.“ Das gehe nur mit fortschrittlicher Technologie, die es in den USA oft nicht gebe.

Vor dem Moscone Center endet der Ökotripp abrupt. Das Taxi vor dem Messezentrum ist zwar ein umweltfreundliches Hybridauto. Doch der Fahrer hat die Klimaanlage auf voller Kraft laufen – bei 20 Grad im Schatten.

Auf einen Blick

Die Greenbuild ist die größte Umweltbaumesse der Welt. Sie fand in San Francisco statt. Elf österreichische Unternehmen präsentierten dort ihre Innovationen. Für US-Amerikaner waren diese fast zu utopisch. Aufgrund der niedrigen Energiepreise gibt es bei den meisten Häusern keine Dämmung. Von Solarpaneelen und Erdwärmenutzung ganz zu schweigen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.11.2012)

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