Ökonom: "Europa wird nie mehr Supermacht"

20.11.2012 | 18:15 |  ALEXANDER WEBER UND EVA STEINDORFER (Die Presse)

Der indisch-britische Ökonom Meghnad Desai sieht Indien auf einem guten Weg, China und Europa eher weniger. Ein wahres Wachstumswunder sagt er im Interview mit der "Presse" hingegen Myanmar voraus.

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Die Presse: Investoren finden die BRIC, also Brasilien, Russland, Indien und China, schon langweilig. Sind die glorreichen Zeiten dort vorbei?

Meghnad Desai: Es stimmt, die BRIC-Staaten wachsen nicht mehr so stark wie früher. Indien wächst mit 5,5 Prozent pro Jahr, was für Europa super wäre, für Indien aber nicht reicht. Die Frage ist, ob das ein temporäres oder dauerhaftes Phänomen ist. Ich würde sagen: Indien wird wieder stärker wachsen, China eher nicht.

Warum nicht?

China ist sehr exportabhängig und leidet unter der Situation in Europa. Es muss seinen Binnenmarkt aktivieren, was nicht leicht wird. Aber verstehen Sie mich nicht falsch: Beide Länder werden weiter stark wachsen, sie werden nur nicht mehr die Länder mit den allerhöchsten Wachstumsraten sein.

Sondern?

Indonesien, Bangladesch, Vietnam und viele afrikanische Länder. Niemand ist beim Handybezahlen so weit fortgeschritten wie Kenia oder Nigeria. Oder Myanmar (Burma): Obama war gerade da, und nicht nur aus politischen Gründen. Die Amerikaner wollen dort Geschäfte machen. Das wird eine riesige Wachstumsgeschichte.

Woher wird das Wachstum kommen?

Früher waren wir der Meinung, dass ein Land groß sein muss, um zu wachsen, wegen des Binnenmarkts. Das ist heute nicht mehr der Fall. Man muss sich nur auf den Export konzentrieren, kleinen Ländern bleibt keine andere Wahl.

Und was wird Myanmar exportieren?

Rohstoffe. Myanmar hat wahnsinnig viel Reis, Holz und Bodenschätze. Das hatten sie schon immer: In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gab es eine riesige indische Einwanderungswelle, weil Myanmar die „Reisschüssel“ der Region war. Außerdem liegt das Land günstig zwischen Indien und China.

Reden wir über Indien, Ihr Heimatland. Es scheint, als sei es alles andere als leicht, alle 1,2 Mrd. Einwohner unter einen Hut zu bringen.

Früher wurde eine große Bevölkerung immer als Problem angesehen, heute gilt es aber als Vorteil. China wird wegen seiner Ein-Kind-Politik schnell altern, in Indien gibt es dagegen viele junge Arbeitskräfte. Was noch fehlt, ist die Bildung. Aber es stimmt, Indien ist viel chaotischer als China.

Was meinen Sie mit „chaotisch“?

Indien ist eine Demokratie, China nicht. Im Parlament sitzen 45 Parteien. Es werden verschiedene Sprachen gesprochen und Religionen praktiziert. Trotz alledem geht es vorwärts.

Abgesehen von der Bildung, was sind die größten Herausforderungen?

Der Arbeitsmarkt ist sehr starr, der müsste dereguliert werden. Wie bei allem ist es aber nicht leicht, da einen Konsens zu erreichen. Ein großes Problem ist auch die Armut.

War China bei der Armutsbekämpfung erfolgreicher?

China hat vor allem früher damit angefangen. Und es hat die Alphabetisierung der Bevölkerung sehr ernst genommen. Chinesen sind sehr zielstrebig. Wenn der Premierminister im Radio sagt, morgen stehen wir alle 15 Minuten früher auf, dann wird das so gemacht. In Indien gäbe es gleich eine Diskussion: Warum nicht 20 Minuten? Oder zehn? Und ist das überhaupt mit meinem Glauben vereinbar? Inder streiten einfach gern.

Hat das nicht auch etwas Gutes?

Natürlich. Indien wird niemals ein autoritäres Land werden.

Stimmt es, dass China und Indien die neuen Supermächte werden?

Mit solchen Vorhersagen wäre ich vorsichtig. Es stimmt, dass beide Länder große Armeen haben, also sehen sich beide als potenzielle Supermacht. Europa hat das Militär hingegen komplett aufgegeben.

Ist das ein Fehler?

Es ist eine andere Weltsicht. Europäer wollen einfach nicht mehr kämpfen. Ein Supermacht im klassischen Sinn wird man so aber nicht mehr sein.

Auch nicht, wenn sich der Kontinent wirtschaftlich wieder erholt?

Das können Sie abhaken. Europa wird auch keine Wirtschaftssupermacht mehr werden.

Ist die Schuldenkrise so schlimm?

Es ist ja nicht nur die Schuldenkrise, auch die Bevölkerung altert sehr schnell.

Sollten wir nach Afrika übersiedeln?

In einem reichen, aber stagnierenden Land zu leben, ist nicht so schlecht. Europa hat sich immer bemüht, die Lebensqualität zu verbessern. Deswegen gibt es keine Armee, aber einen großen Sozialstaat. Dafür fehlt nur langsam die wirtschaftliche Basis. Reichtum kommt ja nicht vom Sozialstaat, sondern man muss reich sein, um sich diesen leisten zu können.

Viele junge Leute würden schon sagen, dass die Lage für sie schwierig ist.

Der Anpassungsprozess nach einer Phase mit niedrigen Zinsen und leicht verdientem Geld ist immer schmerzhaft. In vielen Ländern ist der öffentliche Sektor stark gewachsen – das muss irgendwer bezahlen. Ich glaube jedoch, dass Europa die Lage meistern kann. Es braucht nur eine solidarischere und einfallsreichere politische Führung als die jetzige.

Auf einen Blick

Meghnad Desai (72) ist ein aus Indien stammender, britischer Wirtschaftswissenschaftler und Politiker der Labour Party. Er lehrte an der University of California (Berkeley) und bis 2003 an der London School of Economics. In Wien hielt er einen Vortrag bei der Konferenz „BRIC and Beyond“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.11.2012)

 
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15 Kommentare
insigma
21.11.2012 20:19
0

na da kann sich myanmar ja auf was gefasst machen

wenn sich die amis deren reis als spielzeug ausgesucht haben...

gregor127
21.11.2012 10:48
2

Indien

Wer schon mal in Indien war der sollte dem guten Mann den Rat geben, zuerst einmal für die nächsten 200-300 Jahre im eigenen Land etwas zutun und danach vielleicht anderen Ländern Ratschläge erteilen.

sirnicha
21.11.2012 09:52
3

wieder ein wahrsagender greis...


HansC
21.11.2012 09:40
3

Indische Prioritäten ...

Indien (als bereits reiches Land mit allerdings extremer Ungleichheit von bitterster Armut und märchenhaftem Reichtum) investiert das verfügbare Geld in Großmachtambitionen und in schnell wachsende Wirtschaftskraft, wenig in die Armutsbekämpfung, das sollen die Europäer, Kanadier, Australier machen über deren Spenden die nach Indien gehen.

Gerald
21.11.2012 08:22
4

Naja

Großteils scheinen die Ansichten dieses Ökonomen zu stimmen. Vor allem die Aussichten für Europa sind wegen Jahrzehnten falscher Wohlfahrts- und Einwanderungspolitik mehr als trüb.
Nur bezüglich Indien betreibt er Schönfärberei. Indien ist auch ein überbürokratisierter, korrupt-verwalteter Staat und nur wegen seiner im Gegensatz zu China schneller wachsenden Bevölkerung wird es nicht wirtschaftlich erfolgreicher sein. Auch inwieweit man Fortschritt am Handybezahlen messen kann, entzieht sich meiner Kenntnis. Denn gerade die Beispiele Nigeria und Kenia zeigen doch, dass das eine mit dem anderen nichts zu tun hat.

Antworten Dr.House
21.11.2012 09:46
0

Re: Naja

Vermutlich meinst du, dass in Europa zu viele Migranten gibt. Er meint aber zu wenige!
Tatsache ist, dass sehr viele östrr. Rentner heute in ihren Filikalien liegen würden, wenn es keine Migranten gaebe!

OGHaHa
20.11.2012 22:13
1

Ich seh Simmering auf der Überholautobahn zur Supermacht!

Warum wohl?

right_way
20.11.2012 21:23
3

Hoffentlich - von mir aus kann die EU sich heute noch einrexen.


Mara Brandt
20.11.2012 21:19
1

Supermacht....

Supermachtstreben ist eh ein vollkommener Quatsch!! Wer in der heutigen globalen Welt so denkt, ist gestrig!

We are the world! We are the people!!

Antworten lurch
21.11.2012 12:01
0

Re: Supermacht....

Das ist ja der Irrtum von allen Leuten, die sich in ihren nationalen Wahnvorstellungen suhlen. Nur ihr Land ist das Größte und ähnlicher Blödsinn.

Eine "Weltmacht" kann sich bestenfalls eine zeitlang halten, wenn eben gerade die Umstände günstig sind. Aber auf Dauer ist das unmöglich. Man kann nicht mit einem Machtanspruch die Welt beherrschen und wenn man das von Indien behauptet, dann ist das bestenfalls ein schlechter Witz!

Jan55
20.11.2012 20:18
3

der kennt sich aber aus;-)

"Das können Sie abhaken. Europa wird auch keine Wirtschaftssupermacht mehr werden."

also das glaube ich nicht

wir schauen zu, wie sich amis und chinesen und inder die köpfe einschlagen mit ihren armeen

Antworten jassl
20.11.2012 21:32
2

Re: der kennt sich aber aus;-)

abseits dass es doch meistens anders kommt, als man denkt, hat er trotzdem recht. das wird, dann kann, nichts mehr werden mit europa. und, ja, über generationen und/oder länger. wie auch? alles, wirklich alles, spricht gegen europa.

Antworten Antworten der logiker
21.11.2012 08:34
3

Re: Re: der kennt sich aber aus;-)

so ist es , Spass und leck mich am A....Gesellschaften haben eben keine Zukunft.

thomasaltendorf
20.11.2012 20:16
9

er

hat leider recht, wir sind pleite, faul, alt und werden von hungrigen schlanken, jungen völkern geschlagen. die alten römer erlitten das gleiche schicksal.

Antworten Johan Meltini
21.11.2012 07:53
1

Re: er

den Rückschritt, der in Europa geschieht ist gerade dieser. Anstatt mit Vernunft zu agieren und weltpolitisch vernünftige Sachen zu präsentieren, hat man sich auf eine animalische Weltsicht zurückentwickelt. Das wird schon kaum mehr verstanden, daher sind wir vermutlich schon prägriechisch geworden. Kampf und Unterwerfung, hitzige Identitäten, um die herum Fremdfeinde konstruiert werden, völlige Verfallenheit den Chrematistikern und immer hierarchischere Ordnungen.

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