Italien: Arbeiter kämpfen für krank machende Jobs

Die Justiz legt das größte Stahlwerk Europas wegen Umweltverschmutzung und Gesundheitsrisken still. Mitten in der Krise gibt es dafür aber mehr Protest als Verständnis.

Arbeiter kaempfen fuer krank
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Arbeiter kaempfen fuer krank
(c) Dapd (Roland Magunia)

Rom. Die Werkstore verriegelt, tausende Arbeiter ausgesperrt. Auf radikale Weise setzt sich der Stahlkonzern Ilva gegen die italienische Justiz zur Wehr. All das, so kritisiert die Regierung in Rom, geschieht zum völlig falschen Zeitpunkt – mit unabsehbaren Folgen für Arbeitsplätze und den sozialen Frieden im Land. „Und die Justiz trägt die Verantwortung“, sagt Umweltminister Corrado Clini.

Es geht um das Stahlwerk im apulischen Taranto. Das größte seiner Art in Europa ist auch Italiens schlimmste Dreckschleuder. In seiner näheren Umgebung, so hat es die nationale Gesundheitsbehörde offiziell festgehalten, liegt die Säuglingssterblichkeit um ein Fünftel, die Rate der Krebserkrankungen um 30 Prozent höher als im Rest des Landes; an Brustfellkrebs (Pleuramesothelium), der auf Feinststaub und Asbestfasern zurückgeht, sterben in Taranto fünfmal mehr Männer als im Landesdurchschnitt.

Gleichzeitig ist Ilva mit seinen 12.000 direkt Beschäftigten, mit dem Industriehafen, mit Zulieferern und Dienstleistern der einzig nennenswerte Arbeitgeber in der Region Taranto. Als die Justiz vor genau vier Monaten zum ersten Mal zuschlug und die „Heißverarbeitung“ des Werkes schloss, die Hochöfen also, war die 200.000-Einwohner-Stadt zutiefst gespalten – vor der Entscheidung zwischen Arbeitsplätzen und Selbstvergiftung.

Anfang der Woche führte die Justiz ihren zweiten Schlag aus. Nachdem bereits die Zufuhr von Eisenerz und anderen Rohstoffen stark eingeschränkt worden war, ließ die Untersuchungsrichterin nun die „kalte“ Abteilung beschlagnahmen sowie die Fertig- und Halbfertigprodukte, die auf dem Firmengelände liegen. Beim Schutz von Leben und Gesundheit, so hatte Staatsanwalt Franco Sebastio geschrieben, erlaube die Verfassung keine Kompromisse: „Da hat alles andere zurückzutreten, auch das Recht auf Arbeit.“ Die Konzernleitung sah damit keine Möglichkeit mehr, das Werk weiterzubetreiben und sperrte die Beschäftigten aus. Diese demonstrierten in der Folge nicht nur in Taranto, sondern inzwischen auch in anderen Städten, in denen Ilva Firmen betreibt – etwa im norditalienischen Genua.

Es waren nicht die Umweltschäden allein, durch die sich die Untersuchungsrichterin zu ihrem Beschluss gedrängt sah. Sie garnierte ihn mit einer Reihe von Haftbefehlen gegen Firmenmanager. Diese hätten sich nicht nur zu einer „kriminellen Vereinigung in Sachen Umweltverschmutzung“ zusammengetan, sondern mit Politik und Medien gemauschelt – zum Teil mit Bestechung –, um unliebsame Rechtsnormen und unbequeme Gutachten systematisch zu unterdrücken, beziehungsweise, um den Chef der regionalen Umweltbehörde aus dem Amt zu drängen. Beigefügt ist dem Richterspruch auch ein Abhörprotokoll. Im Telefonat mit einem Firmenanwalt sagt Werksleiter Fabio Riva: „Zwei Tumorfälle mehr im Jahr? So ein Blödsinn!“

 

Zweitgrößter Stahlproduzent Europas

Umweltminister Corrado Clini reagierte mit Verärgerung auf die Entscheidung der Justiz. „Ich habe den Konflikt nie gesucht, aber sie wohl mit mit mir.“ Clini verweist auf die umfangreichen Sanierungsauflagen, die der Konzern vor einem Monat angenommen habe und die – als Beschluss der Regierung – geltendes Recht seien: „Zum ersten Mal hat Ilva einen solchen Vertrag akzeptiert, zum ersten Mal wollen sie drei Milliarden Euro für den genau beschriebenen Umbau und die Sanierung der Anlagen ausgeben. Wenn das Werk aber gerichtlich geschlossen wird, können sie das nicht; dann dauert das Umweltrisiko noch über Jahre fort.“ Heute, Freitag, will die Regierung daher ein Dekret verabschieden, das die Arbeit in dem Stahlwerk wieder ermöglicht.

Rom fürchtet vor allem um die Arbeitsplätze – nicht nur in Taranto, sondern in der gesamten nachgelagterten stahl- und metallverarbeitenden Industrie. Italien ist – nach Deutschland – nicht nur das zweitgrößte Industrieland, sondern auch der zweitgrößte Stahlproduzent Europas. Von Ilva Taranto hängen allein in derselben Unternehmensgruppe vier weitere Stahlwerke mit 37.000 Beschäftigte ab. Aus Taranto kommen bisher 40 Prozent des im Land benötigten Stahls. Der Marktanteil italienischen Stahls in Europa liegt bei gut 16 Prozent.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.11.2012)

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