Italien: Arbeiter kämpfen für krank machende Jobs

29.11.2012 | 18:33 |  v (Die Presse)

Die Justiz legt das größte Stahlwerk Europas wegen Umweltverschmutzung und Gesundheitsrisken still. Mitten in der Krise gibt es dafür aber mehr Protest als Verständnis.

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Rom. Die Werkstore verriegelt, tausende Arbeiter ausgesperrt. Auf radikale Weise setzt sich der Stahlkonzern Ilva gegen die italienische Justiz zur Wehr. All das, so kritisiert die Regierung in Rom, geschieht zum völlig falschen Zeitpunkt – mit unabsehbaren Folgen für Arbeitsplätze und den sozialen Frieden im Land. „Und die Justiz trägt die Verantwortung“, sagt Umweltminister Corrado Clini.

Es geht um das Stahlwerk im apulischen Taranto. Das größte seiner Art in Europa ist auch Italiens schlimmste Dreckschleuder. In seiner näheren Umgebung, so hat es die nationale Gesundheitsbehörde offiziell festgehalten, liegt die Säuglingssterblichkeit um ein Fünftel, die Rate der Krebserkrankungen um 30 Prozent höher als im Rest des Landes; an Brustfellkrebs (Pleuramesothelium), der auf Feinststaub und Asbestfasern zurückgeht, sterben in Taranto fünfmal mehr Männer als im Landesdurchschnitt.

Gleichzeitig ist Ilva mit seinen 12.000 direkt Beschäftigten, mit dem Industriehafen, mit Zulieferern und Dienstleistern der einzig nennenswerte Arbeitgeber in der Region Taranto. Als die Justiz vor genau vier Monaten zum ersten Mal zuschlug und die „Heißverarbeitung“ des Werkes schloss, die Hochöfen also, war die 200.000-Einwohner-Stadt zutiefst gespalten – vor der Entscheidung zwischen Arbeitsplätzen und Selbstvergiftung.

Anfang der Woche führte die Justiz ihren zweiten Schlag aus. Nachdem bereits die Zufuhr von Eisenerz und anderen Rohstoffen stark eingeschränkt worden war, ließ die Untersuchungsrichterin nun die „kalte“ Abteilung beschlagnahmen sowie die Fertig- und Halbfertigprodukte, die auf dem Firmengelände liegen. Beim Schutz von Leben und Gesundheit, so hatte Staatsanwalt Franco Sebastio geschrieben, erlaube die Verfassung keine Kompromisse: „Da hat alles andere zurückzutreten, auch das Recht auf Arbeit.“ Die Konzernleitung sah damit keine Möglichkeit mehr, das Werk weiterzubetreiben und sperrte die Beschäftigten aus. Diese demonstrierten in der Folge nicht nur in Taranto, sondern inzwischen auch in anderen Städten, in denen Ilva Firmen betreibt – etwa im norditalienischen Genua.

Es waren nicht die Umweltschäden allein, durch die sich die Untersuchungsrichterin zu ihrem Beschluss gedrängt sah. Sie garnierte ihn mit einer Reihe von Haftbefehlen gegen Firmenmanager. Diese hätten sich nicht nur zu einer „kriminellen Vereinigung in Sachen Umweltverschmutzung“ zusammengetan, sondern mit Politik und Medien gemauschelt – zum Teil mit Bestechung –, um unliebsame Rechtsnormen und unbequeme Gutachten systematisch zu unterdrücken, beziehungsweise, um den Chef der regionalen Umweltbehörde aus dem Amt zu drängen. Beigefügt ist dem Richterspruch auch ein Abhörprotokoll. Im Telefonat mit einem Firmenanwalt sagt Werksleiter Fabio Riva: „Zwei Tumorfälle mehr im Jahr? So ein Blödsinn!“

 

Zweitgrößter Stahlproduzent Europas

Umweltminister Corrado Clini reagierte mit Verärgerung auf die Entscheidung der Justiz. „Ich habe den Konflikt nie gesucht, aber sie wohl mit mit mir.“ Clini verweist auf die umfangreichen Sanierungsauflagen, die der Konzern vor einem Monat angenommen habe und die – als Beschluss der Regierung – geltendes Recht seien: „Zum ersten Mal hat Ilva einen solchen Vertrag akzeptiert, zum ersten Mal wollen sie drei Milliarden Euro für den genau beschriebenen Umbau und die Sanierung der Anlagen ausgeben. Wenn das Werk aber gerichtlich geschlossen wird, können sie das nicht; dann dauert das Umweltrisiko noch über Jahre fort.“ Heute, Freitag, will die Regierung daher ein Dekret verabschieden, das die Arbeit in dem Stahlwerk wieder ermöglicht.

Rom fürchtet vor allem um die Arbeitsplätze – nicht nur in Taranto, sondern in der gesamten nachgelagterten stahl- und metallverarbeitenden Industrie. Italien ist – nach Deutschland – nicht nur das zweitgrößte Industrieland, sondern auch der zweitgrößte Stahlproduzent Europas. Von Ilva Taranto hängen allein in derselben Unternehmensgruppe vier weitere Stahlwerke mit 37.000 Beschäftigte ab. Aus Taranto kommen bisher 40 Prozent des im Land benötigten Stahls. Der Marktanteil italienischen Stahls in Europa liegt bei gut 16 Prozent.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.11.2012)

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7 Kommentare

Pffff

Industriearbeitsplätze, wer braucht schon Industriearbeitsplätze?

Einfach zusperren und ein paar tausend Jobs mehr in der Verwaltung schaffen. Das Modell Griechenland lässt grüßen. So funktioniert anscheinend das Denken in den italienischen Verwaltungsburgen, falls dort überhaupt noch nachgedacht wird.

Dies soll zwar kein Plädoyer zur ungehemmte Umweltverschmutzung sein. Eine Verbesserung in den Industriebetrieben kann aber immer nur graduell erfolgen. Auch unsere Industriebetriebe sind nicht von heute auf morgen sauberer geworden, sondern schleichend über die Jahre. Man muss schließlich das Geld welches da investiert wird, zuvor (und auch danach) erst erwirtschaften. Glücklicherweise muss ich allerdings erwähnen, gibt es auch Beamte die das verstehen. Sonst hätten wir in Europa eh schon keine Industrie (und damit keinen Wohlstand) mehr.

Re: Pffff

Die "graduelle Verbesserung" wurde in Taranto von den Eigentümern eben nie umgesetzt. Es war viel billiger lokale Beamte zu bestechen und jene (wie den lokalen Chef der Umweltbehörde) aus dem Amt zu drängen, die sich nicht bestechen ließen.

Wettbewerbsfähigkeit erhält man eben nicht durch Bestechung.

ist das herrlich - wie die politik die wirtschaft zerstoert

2025 ist europa bedeutungslos. dann kann die eu-kommission endlich sagen: operation geglueckt, patient tot

Re: ist das herrlich - wie Wirtschaft Umwelt und Gesundheit zerstört

Tot sind schon jene, die wegen obiger Umweltverseuchung bereits gestorben sind.

Wirtschaft auf Kosten der Umwelt und der Gesundheit ?

Nein, ein solches Modell brauchen wir nicht. Das gibt es schon in China und mit den Chinesen können wir ohnehin nicht mithalten, wenn es um das Verheizen von Arbeitskräften, deren Gesundheit und deren Leben geht.

Nein, danke !

Re: Re: ist das herrlich - wie Wirtschaft Umwelt und Gesundheit zerstört

natuerlich muss man die umwelt-schonung so gut als moeglich maximieren, aber wissen sie wie stahl hergestellt wird? wie aluminium hergestellt wird?

das laeuft etwas anders ab als wenn sich 5000 leute gegenseitig beraten und coachen

Re: Re: Re: ist das herrlich - wie Wirtschaft Umwelt und Gesundheit zerstört

ich kenne mich gut genug aus.

Lass dich mal coachen wie das die VOEST der ThyssenKrupp machen. Auch keine Luftverbesserer aber die schaffen den Mindeststandard.

Werke wie Taranto sollen zusperren, denn durch Bestechung lokaler Politiker und Behörden erhält man keine Wettbewerbsfähigkeit - siehe Griechenland.

Re: Re: Re: ist das herrlich - wie Wirtschaft Umwelt und Gesundheit zerstört

Ich kenne mich gut genug aus in der Stahlproduktion, um den Standpunkt zu vertreten, dass in Europa kein Platz ist für ein Industrieunternehmen, welches machbaren Umweltstandard seit Jahren ignoriert und statt dessen lokale Politiker und Behörden besticht.

Du kannst dich ja gerne mal coachen und beraten lassen, wíe Stahlunternehmen wie die VOEST und ThyssenKrupp arbeiten. Auch keine Luftverbesserer, aber sie erfüllen Mindeststandards und setzen Behördenauflagen einigermaßen um.

Werke wie Taranto sollen zusperren, wenn sie Geld lieber für Bestechung als Umweltstandards ausgeben. So bleibt man nicht wettbewerbsfähig - siehe Griechenland.

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