Neues EU-Mitglied Kroatien ist nur noch Ramsch

Kurz vor dem Beitritt zur Union ist das Land über die Herabstufung des Ratings auf Ramsch-Status durch Standard & Poor's erschüttert. Eventuell werde 2013 der IWF gerufen, so Kroatiens Finanzminister.

Neues EUMitglied Kroatien noch
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Neues EUMitglied Kroatien noch
(c) AP (Filip Horvat)

Zagreb/Bloomberg/Apa. Im Juli 2013 tritt Kroatien der Europäischen Union bei. Viele Kroaten freuen sich ein halbes Jahr zuvor darüber, dass das Land nun als zweite ehemalige Teilrepublik Jugoslawiens die Wunden der Vergangenheit abstreifen konnte, und hoffen auf einen wirtschaftlichen Aufschwung durch den Beitritt. Viele dieser Hoffnungen wurden durch die Ratingagentur Standard & Poor's am Wochenende auf den Boden der Realität zurückgeholt. Denn aufgrund der fehlenden politischen Reformen stufte S&P Kroatiens Kreditwürdigkeit auf Ramschniveau herab.

Die Probleme Kroatiens erinnern dabei an Griechenland und andere europäische Krisenstaaten: Mangelnde Flexibilität des Arbeitsmarktes sowie geschützte Bereiche, die aufgrund des massiven Widerstands von Interessensgruppen von der Politik nicht angegangen werden, hätten zu einer geringen Beschäftigungsquote sowie dem Verlust von internationaler Konkurrenzfähigkeit beigetragen, so S&P in der Begründung für den Schritt. Wie bei anderen Ländern in der Vergangenheit ist die Ratingagentur dabei die Kritischste der „Großen Drei“. Konkurrent Fitch reduzierte kürzlich zwar den Ausblick von stabil auf negativ, ließ das Land aber noch auf der untersten Stufe, knapp über Ramschniveau.

 

Keine Kürzungen im staatlichen Bereich

„Die Regierung wird daher ernsthaft eine Zusammenarbeit mit dem Internationalen Währungsfonds überlegen“, sagte Kroatiens Finanzminister Slavko Linić in einer ersten Reaktion. Für Anfang 2013 geplante Anleihenauktionen außerhalb des Landes sollen nun abgesagt werden, da Kroatien Angst vor stark steigenden Zinsen hat. Zuletzt mussten die Kroaten rund 4,5 Prozent für ihre zehnjährigen Bonds bezahlen. Wenn Anleihen begeben werden, dann nur innerhalb des Landes „in Zusammenarbeit mit der Zentralbank“.

Auch das beschlossene Budget für 2013, das eine Verschuldung von 3,1 Prozent des BIPs vorsieht, müsse neu überdacht werden. Laut Linić soll es aber weder bei Pensionen, noch bei Gesundheitsleistungen oder Gehältern im öffentlichen Bereich Kürzungen geben. Dies würde zu einer „Verarmung vieler Menschen“ führen, so Linić. Stattdessen wolle Kroatien die grassierende Schwarzarbeit eindämmen.

Ohne Kürzungen werde Kroatien aber nicht auskommen, glaubt Ljubo Jurčić von der Wirtschaftsuniversität Zagreb. Sowohl bei Pensionen als auch Gehältern müsse gespart werden, sonst sei das Budget „nicht haltbar“. Zurzeit liegt die Staatsverschuldung in Kroatien bei 55 Prozent des BIPs.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.12.2012)

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