Japans Wälder, zukunftsreich

04.01.2013 | 16:47 |  Von unserem Korrespondenten Felix Lill (Die Presse)

Jahrzehntelang hat Japan die Forstwirtschaft ignoriert. Der beschlossenee Ausstieg aus der Atomkraft bringt der Nutzung von Biomasse nun aber eine Renaissance. Heimische Firmen wollen davon profitieren.

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Tokio. Die Blüte des Kirschbaums ist eines der japanischen Nationalsymbole. Und die Tourismusbranche wirbt weltweit mit den leuchtenden Herbstfarben seiner Bäume. Die Natur ist aus Japans Alltag kaum mehr wegzudenken. Doch was kulturell zutreffen mag, stimmt ökonomisch nicht ganz.

„Wenn Japan auch zu mehr als zwei Dritteln mit Land bedeckt ist, ist die Forstwirtschaft bei Weitem nicht so fortgeschritten wie in Österreich“, besagt eine Marktanalyse der österreichischen Außenhandelskammer in Tokio. Österreich ist zwar schon jetzt ein wichtiger Handelspartner für Japans Forstwirtschaft und fünftgrößter Holzexporteur weltweit, in den nächsten Jahren soll das aber zunehmen.

„Wir rechnen damit, die Exporte in den Bereichen Forsttechnik und feste Biomasse über die nächsten drei Jahre zu verfünffachen“, sagt Luigi Finocchiaro von der österreichischen Außenhandelsstelle. Bisher exportieren österreichische Betriebe in diesen Bereichen für rund zehn Mio. Euro im Jahr. Hinzu kommen Ausfuhren von Schnittholz, Sägeholz und anderen Holzprodukten im Volumen von 220 Mio. Euro. Mit Firmen wie Schweighofer, Egger und Kaindl ist Österreich schon jetzt vielfach Japans Marktführer.

Seit dem Erdbeben und dem Tsunami im März 2011 haben vor allem Holzplatten zugelegt, die sowohl die japanische Möbel- als auch die Bauindustrie dringend für den Wiederaufbau benötigen.

„Langfristig wollen wir uns als internationales Vorbild in der Forstwirtschaft präsentieren. Von der Abholzung zur Verarbeitung und allem, was dazu gehört, bieten wir die gesamte Palette der Branche. Das hat kaum ein anderes Land zu bieten“, sagt Martin Glatz, Wirtschaftsdelegierter in Tokio. Zudem ähnelt sich die Topografie Japans der österreichischen. Beide Länder haben einen hohen Waldanteil und Berge. „Dadurch haben unsere Firmen einen Wettbewerbsvorteil gegenüber skandinavischen und deutschen Betrieben, die bei der Arbeit daheim nicht mit Bergen umgehen müssen“, sagt Finocchiaro. Da ein großer Anteil der japanischen Waldfläche bisher ungenutzt ist, importiert das Land über 70 Prozent seines Holzbedarfs – und ist deshalb der größte Holzimporteur der Welt.

Seit Kurzem interessiert sich auch Japans Politik für die eigenen Wälder. Seit fünf Jahren wird der Ankauf forstwirtschaftlicher Technologie mit bis zu 50 Prozent der Kaufpreise gefördert, was sich auf österreichische Exporteure von Technik und Know-how positiv auswirken könnte.

Großes Interesse an Biomasse

Durch den beschlossenen Atomausstieg besteht besonderes Interesse an der Nutzung von Biomasse. Angesichts steigender Strompreise ist die effiziente Nutzung von Holz zur Energiegewinnung ein häufig diskutiertes Thema auf japanischen Konferenzen. Die Außenhandelsstelle sieht gerade in diesem Bereich große Chancen für Österreichs Betriebe, da Japan bisher nur drei Prozent seiner Energie aus alternativen Quellen bezieht.

Über Jahrzehnte hatte Japan seine Forstwirtschaft vernachlässigt. „Lange Zeit herrschte ein technologischer Fortschrittsglaube“, sagt Finocchiaro. Holz galt dabei als „veraltet“. In den Sektor wurde kaum investiert, weshalb nicht nur das Ansehen des Forstwesens, sondern auch die Attraktivität der Branche für Arbeitskräfte sank. Heute sind Forstarbeiter im Schnitt weit über 50 Jahre alt, und es fehlt an interessiertem Nachwuchs. Da in Japan auch noch immer kein geregeltes Ausbildungssystem für Förster existiert, verspricht man sich in Österreich auch hier kommerzielle Chancen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.01.2013)

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