Hochgeschwindigkeitszüge: China – voll in Fahrt

05.01.2013 | 18:12 |  von unserem korrespondentenFelix Lee (Die Presse)

Mit der neu eröffneten Schnellstrecke zwischen Peking und Guangzhou verfügt China bereits über das längste Hochgeschwindig- keitsnetz. Doch bis 2020 soll es noch fünfmal so groß werden.

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Die USA sind schon lange nicht mehr das Land der Superlative. Zumindest was moderne Großtechnologien betrifft, hat die Volksrepublik China den Amerikanern den Rang abgelaufen. Das zeigte sich auch wieder in der zweiten Dezemberwoche: Mit einer durchschnittlichen Reisegeschwindigkeit von 300 Stundenkilometern fuhr der chinesische Schnellzug CRH380 erstmals die Strecke zwischen der Hauptstadt Peking im Norden des Landes und der Technologiemetropole Guangzhou in Südchina ab– mit 2298 Kilometern die bislang längste Hochgeschwindigkeitsstrecke der Welt. Die Jungfernfahrt dauerte acht Stunden. Vor der Eröffnung dieser neuen Strecke betrug die Reisezeit mit dem Zug von Peking nach Guangzhou noch mehr als 20 Stunden.

„Wenn ich morgens in den Zug einsteige, kann ich schon am Nachmittag zu Hause mit meinen Kindern zusammensitzen“, sagt ein Arbeitsmigrant aus dem Norden Chinas, der in Guangzhou arbeitet und diese neue Strecke abgefahren ist. In der südchinesischen Industriemetropole am Perlflussdelta leben besonders viele Arbeitsmigranten aus der gesamten Volksrepublik.


Streckenausbau soll weitergehen. Vor allem zu dem bevorstehenden Frühlingsfest in der ersten Februarhälfte erwarten die Behörden, dass sich mehr als 32Millionen Wanderarbeiter auf den Weg in ihre Heimatregionen machen werden. In den vergangenen Jahren stand der Verkehr rund um die Feiertage auf den Strecken von und nach Guangzhou stets vor einem Zusammenbruch. „Mit der Aufnahme dieser zentralen Strecke nimmt Chinas Hochgeschwindigkeitsnetz Gestalt an“, verkündete der Direktor für Technologie des chinesischen Bahnministeriums, Zhou Li, stolz.

Die neu eröffnete Trasse ist denn auch nur ein vorläufiger Rekord. Seit der Einführung der neuen Technologie vor fünf Jahren ist das chinesische Hochgeschwindigkeitsnetz bereits auf mehr als 9300 Kilometer Streckenlänge angewachsen. In den kommenden Jahren soll der rasante Ausbau weitergehen: Die Strecke zwischen der südwestchinesischen Stadt Chengdu bis hinauf nach Shanghai soll bald eröffnet werden, ebenfalls die Strecke zwischen Peking und der alten Kaiserstadt Xi'an in Zentralchina bis hinauf nach Lanzhou.

Bereits bis Ende 2014 will das chinesische Eisenbahnministerium das Netz auf 19.000 Kilometer ausweiten, bis 2020 gar auf die gigantische Zahl von 50.000 Streckenkilometern. Damit entstehen in China mehr Hochgeschwindigkeitsstrecken als im Rest der Welt zusammen.


Für Durchschnittsverdiener teuer.
Werden diese Pläne tatsächlich so umgesetzt wie vom Eisenbahnministerium verkündet, liegt der Finanzierungsbedarf Analysten zufolge bei 80 Milliarden Yuan im Jahr (das entspricht rund 9,7 Milliarden Euro). Die Finanzierung steht aber auf der Kippe. Denn zumindest bislang ist jeder einzelne Hochgeschwindigkeitszug ein Verlustgeschäft. Dabei kosten Tickets etwa bei der neuen Strecke Peking–Guangzhou umgerechnet schon zwischen 100 und 350Euro und sind bei einem derzeitigen Durchschnittsverdienst von rund 500 Euro im Monat für einen Großteil der chinesischen Bevölkerung kaum erschwinglich.

Und nicht zuletzt die hohen Investitionssummen führten dazu, dass das Eisenbahnministerium und die ihm unterstellten Staatsunternehmen in den vergangenen Jahren besonders anfällig für Korruptionsskandale wurden.

Einen Dämpfer hatte der rasche Ausbau der Bahnstrecken in China auch schon erhalten. Im Juli 2011 kamen bei einem schweren Zusammenstoß zweier Hochgeschwindigkeitszüge bei Wenzhou im Osten des Landes 40Menschen ums Leben.


Geschwindigkeit gedrosselt. Das Unglück löste große Zweifel an der Sicherheit der chinesischen Technik aus und führte immerhin dazu, dass die maximale Geschwindigkeit um 50 auf 300 Stundenkilometer gedrosselt wurde. Die verschärften Kontrollen haben die Eröffnung der neuen Trasse zwischen Peking und Guangzhou jedoch um fast ein Jahr verzögert.

Dennoch könnte sich der chinesische Hochgeschwindigkeitszug schon bald zu einem Exportschlager entwickeln. Saudiarabien hat die chinesische Technik bereits bestellt; auch Russland und Brasilien haben Interesse bekundet. Und während die Europäer nicht einmal über den Ausbau eines einheitlichen Hochgeschwindigkeitsnetzes diskutieren, sind die Chinesen bereits dabei. Mit den Streckennetzarbeiten in Laos, Thailand und Burma sowie in Zentralasien haben sie bereits begonnen. Sogar mit der Türkei sind chinesische Bahnmitarbeiter im Gespräch.

Wurden die ersten Triebzüge und Lokomotiven für das Hochgeschwindigkeitsnetz unter anderem noch von Siemens, Bombardier aus Deutschland und Kawasaki aus Japan geliefert, sind die neuen Züge inzwischen eine chinesische Eigenproduktion. Klagen wegen Technikklau und Diebstahl geistigen Eigentums werden nur noch kaum erhoben.


Unternehmen feiern Partyin China.
Denn viele Einzelteile kommen noch von Siemens, Bosch und ABB. Die Technik für den Bau der Gleisbetten etwa liefern die deutschen Firmen Rail One und Max Bögl. Wie ein Vertreter einer dieser deutschen Firmen vor Kurzem sagte: „Wir feiern in China alle eine große Party.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.01.2013)

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17 Kommentare

westliche Entwicklungsländer

Steigt man von so einem chinesischen Hochgeschwindigkeitszug aus und zurück in die heimische Bahn ein, so ist man von der 1. Welt wieder in die 3. Welt angekommen.

das kann uns ziemlich wurscht sein!

es ist ja völlig klar, dass die chinesen ein größeres hochgeschwindigkeitsnetz haben werden als die europäer, denn schließlich ist deren land viel größer und bevölkerungsreicher.

europa braucht deswegen aber nicht auf teufel komm raus hochgeschwindigkeitsstrecken bauen, nur um die chinesen zu überflügeln.
zumal ja die wirtschaftlichkeit dieser systeme stark zu bezweifeln ist, vorallem wenn man bedenkt dass die energiepreise in absehbarer zeit wohl weiter steigen werden.

Re: das kann uns ziemlich wurscht sein!

Ach so, Ihrer Logik nach bräuchte man die Welt also nur in viele kleine Länder aufzuteilen, und schon benötigt man nicht einmal mehr Autos?

Wir würden genauso gerne nach Paris, London, Berlin mit dem Zug fahren. Leiser und umweltschonender, als im Flugzeug. Aber bei uns wird nur noch bestochen, und nichts mehr gebaut.

Anmerkung:

Der Zusammenstoss auf der Intercitystrecke bei Wenzhou wurde durch das Ausfallen von Alstom Signalen verursacht. Durch den Ausfall wusste die Zugleitung nicht mehr wo sich die Zuege befanden und es kam trotz Sichtfahrens zum Auffahrunfall. Tempo 100 auf einen stehenden Zug. Ein aehnlicher Unfall, auch durch den Ausfall von Alstom Signale verursacht, passierte letztes Jahr auf der Linie 10 in Shanghai. Beide Unfaelle hatten nichts mit chinesischer Technik zu tun, sondern mit europaeischer Technik. Der Zugleitung musste der Vorwurf gemacht werden, dass sie nicht entsprechend reagiert hat.

Re: Anmerkung:

so ein Quatsch, in Europa werden diese Systeme redundant verbaut, in China NICHT.

Nutzen Sie mal für die chinesische Bevölkerung gebaute Anlagen, egal welcher Art - dann haben Sie das gleiche Ergebnis, mal abgesehen von der tollen Energieversorgung außerhalb ausgewiesener Gebiete.

Re: Re: Anmerkung:

Ich denke, dass ich ganz gut ueber die chinesische Eisenbahn unterrrichtet bin. Einerseits habe ich durch meine Geschaefte Einblick in die Materie und ausserdem benuetze ich 2x woechentlich die HG Strecken und taeglich die Ubahn in China.

Re: Re: Re: Anmerkung:

ich bin ca. einmal pro Quartal da unten und nutze seit einschlägigen Erfahrungen mit der chinesischen Infrastruktur (insbesondere der Staatsbahn) meinen einheimischen Fahrer - der mir sehr eindeutig seine Meinung zu chinesischen Sicherheitsvorkehrungen bedeutet hat

China spielt Weltmacht und ist doch ein Koloss auf tönernen Füßen, wie Russland 1917 - "so what"

Re: Re: Re: Re: Anmerkung:

Na, wenn Sie ihre Informationen vom Tratsch eines Fahrers beziehen und ihm glauben, dann hat das Wissen von jemanden, der taeglich seit Jahren damit zu tun hat kaum eine Chance. Kein Wunder, dass wir Expats uns immer wundern, wenn Leute die nur China besuchen mit ihrem Glauben China zu kennen, die Welt mit derartigen Kosakennachrichten belehren.

Re: Re: Re: Re: Re: Anmerkung:

kann die Angaben von DG nur bestätigen

Re: Re: Re: Re: Re: Anmerkung:

nur zur Erinnerung - der Fahrer ist Chinese

Re: Re: Re: Re: Re: Re: Anmerkung:

nur zur Erklaerung: ich wohne und arbeite seit 15 Jahren in China, meine Frau und ihre Familie sind Chinesen und saemtliche Beamte mit denen ich zu tun habe sind Chinesen.

Re: Re: Re: Re: Re: Re: Re: Anmerkung:

auf welchem Auge sind Sie blind?

China ist min. 100 Jahre "hinter dem Mond" als Land gesehen

das ist real,

wenn Sie das nicht glauben fahren Sie doch in einer beliebigen Chinesischen Großstadt mit dem Aufzug - das wird Sie ernüchtern

Re: Re: Re: Re: Re: Re: Re: Re: Anmerkung:

Lol wer hier hinter dem Mond lebt, sind Sie. Die Chinesen mögen zwar dort oder da keinen Wert auf Sicherheit legen, weil es sie einen Dreck schert, wieviel Fussvolk dabei draufgeht, aber dennoch überflügeln sie uns technisch derzeit.

Während wir hier noch meckern, dass Elektroautos wegen der geringen Reichweite uninteressant sind, bauen die dort Akkus mit der höchsten Speicherdichte und über 300 km Reichweite.

Schwachsinn

Extrem laut, unglaublicher Energieverbrauch, unflexibel, extrem teuer im Unterhalt, hoher Aufwand für ausreichende Sicherheit, leicht sabotierbar, bei Schneefall nur "Langsamfahrt" möglich.

Statt dessen könnte ein Zug in einer grob evakuierten Röhre ohne viel Energie zu brauchen mit 800km/h fahren. Das bei jedem Wetter, ohne Lärm, sicher und bequem. Nur Fenster hätte er keine, wozu auch. Man müsste das halt erst mal ordentlich entwickeln.

Re: Schwachsinn

Bei einer taeglichen Passagierrate von etwa 6 Millionen, monatlich etwa 170 Millionen, braucht es ein Hochgeschwindigkeitsnetz, sonst kollabiert das Eisenbahnsystem. Die deutsche Bahn befoerdert pro Tag durchschnittlich 380 000 Passagiere. Die noerdliche HG Strecke Harbin - Dalian funktioniert seit einem Monat, trotz -32 C und 11 Schneetagen ohne Ausfaelle. Die Roehre von der Sie sprechen wird in China schon getestet, sie kann aber pro Fahreinheit nur 6 Personen aufnehmen

Re: Re: Schwachsinn

Man muss sich fragen ob es notwendig ist, dass die Passagierkilometer Jahr für Jahr steigen? Und ob man dafür jeden Preis auf Kosten der Umwelt und Lebensqualität zahlen muss?

Eingekauft bei Siemens und Bombardier

Im Jahr 2012 (Juli) hat die chinesische Eisenbahnfirma bei Bombardier und Siemens Technologie-Lizens im Wert von jeweils 10 Million € eingekauft, somit verfügen die Chinese legal die know how der beide westlichen Technologiefuehrer. So koennen Sie auch offiziell am Weltmarkt auftreten und ihr Produkt nicht unbedingt nur in China verkaufen duerfen.

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