Rohstoffboom treibt Arktis-Schifffahrt

06.01.2013 | 18:39 |  Von unserem Korrespondenten GERD BRAUNE (Die Presse)

Eine Ursache für die wachsende Beliebtheit der Nördlichen Seeroute ist der Klimawandel. Als Haupttreiber gilt jedoch die wachsende Nachfrage nach Rohstoffen.

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Ottawa. Die Schifffahrt im Arktischen Ozean hat in diesem Sommer neue Rekorde erreicht. Insbesondere die Nördliche Seeroute entlang der sibirischen Küste sah einen Anstieg der Transporte zu Rohstofflagern in Russland. Zwar wird die Zunahme des Schiffsverkehrs oft als direkte Folge des Klimawandels und des Rückgangs des Meereises gesehen. Maßgeblich treibende Kraft sind aber die Rohstoffpreise.

Im Sommer 2012 durchfuhren 46 Schiffe die auch als Nordostpassage bezeichnete Nördliche Seeroute, so viele wie noch nie, berichtete jetzt der Nachrichtendienst „Barents Observer“. Vor wenigen Jahren war die Zahl der Schiffe noch an einer Hand abzuzählen. 2010 waren es nur vier, im Jahr darauf bereits 34. In diesem Sommer wurde auch ein Rekord bei der Fracht erzielt: 1,26 Millionen Tonnen wurden transportiert, eine Steigerung um etwa 50 Prozent gegenüber den 820.000 Tonnen des Vorjahres. Zur Nördlichen Seeroute gehören alle Schiffsrouten von der Barentssee zur Tschuktschensee und Beringstraße.

 

Dünneres einjähriges Eis

Noch nie ist das Meereis im Sommer so stark geschmolzen wie in diesem Jahr. Mit nur 3,41 Millionen Quadratkilometern hat es ein neues Rekordtief erreicht. Der Klimawandel fördert den Zugang zum Arktischen Ozean. Die Arktis verliert das dicke, harte, mehrjährige Eis und wird immer stärker durch einjähriges Eis geprägt, das dünner und brüchiger ist.

„Trotzdem ist die treibende Kraft für den Anstieg der Schifffahrt wirtschaftlicher Natur“, sagte Lawson Brigham, Professor für Geografie und Arktispolitik an der Universität von Alaska in Fairbanks, in einem Arktisseminar des Ecologic Institute in Berlin. So sieht es auch der Verband Deutscher Reeder. „Treiber der Schifffahrt in der Arktis sind Rohstoffpreise“, heißt es in einem VDR-Papier. „Die entscheidende Rolle von Rohstoffpreisen bedeutet auch, dass der Schiffsverkehr in der Arktis unabhängig vom Klimawandel zunehmen wird“, erläutert Daniel Hosseus, Direktor für Internationale und EU-Angelegenheiten beim VDR und Autor des Positionspapiers.

Oft werden Nordost- und Nordwestpassage als Möglichkeit gesehen, die Routen zwischen Europa, Asien und Nordamerika im Vergleich zu Suez- oder Panamakanal zu verringern. So könnten die Distanzen zwischen Hamburg und Yokohama oder Shanghai um 36 beziehungsweise 25 Prozent verringert werden. Aber Distanz ist nicht der einzige Faktor. Zeit und ist ebenfalls wichtig. Während im Indischen Ozean mit einer Geschwindigkeit von 18 bis 25 Knoten gefahren werden kann, sind es auf der Nördlichen Seeroute nur zehn Knoten.

 

Anlieferung von Geräten

„Die Durchquerung der Arktis als Weg von Europa nach Asien bleibt wegen geografischer, klimatischer, bürokratischer und rechtlicher Hindernisse zumindest mittelfristig aus betriebswirtschaftlicher Sicht problematisch“, heißt es dazu im Positionspapier des VDR. Die Arktis wird eher als Zielgebiet für die Anlieferung von Geräten und Nachschub sowie den Abtransport von Massengütern gesehen denn als Transitroute.

Die Nachfrage nach Rohstoffen und die Rohstoffpreise steigern das Interesse an der Arktis. Auf dem Festland und im küstennahen Gebiet des Kontinentalschelfs werden gewaltige Öl- und Gasreserven vermutet. Schiffe bedienen die Bergwerke und Rohstofflager entlang der Küste Sibiriens, Alaskas und Grönlands. Die weltweit größte Zinkmine, die Red-Dog-Mine an der Küste Nordwestalaskas, exportiert das Metal im Sommer. Containerschiffe bringen Nickel aus dem russischen Norilsk zu den Weltmärkten. Im Norden der kanadischen Baffin-Insel wird das Eisenerzprojekt Mary River entwickelt. Hinzu kommen Schiffsverkehr durch Tourismus, Fischfang und Forschungsprojekte.

 

Arktis bleibt gefährlich

Der Rückgang des Eises bedeutet nicht, dass es eine eisfreie Arktis gibt. Eisfrei wird der Ozean in naher Zukunft allenfalls im Sommer für einige Wochen sein. Strömungen können aber große Eisflächen in Schifffahrtsrouten treiben und Passagen blockieren, die zudem über weite Strecken nicht ausreichend kartografiert sind. Im Winter bleibt das Meer eisbedeckt und ist über Monate hinweg in Dunkelheit gehüllt. Der Arktische Ozean bleibt ein gefährliches Gewässer.

Auf einen Blick

Im Sommer 2012 durchfuhren 46 Schiffe die Nördliche Seeroute, so viele wie noch nie. Vor wenigen Jahren war die Zahl der Schiffe an einer Hand abzuzählen. 2010 waren es nur vier, im Jahr darauf 34. Ursachen für die wachsende Beliebtheit sind der Klimawandel (das arktische Meer ist dadurch länger befahrbar) und die steigende Nachfrage nach Rohstoffen.

Der Arktische Rat der acht Anrainerstaaten – USA, Kanada, Dänemark-Grönland, Norwegen, Schweden, Finnland, Island und Russland – veröffentlichte 2009 eine Bestandsaufnahme des Schiffsverkehrs im Arktischen Ozean und empfahl Maßnahmen zum Schutz der Umwelt. Ein verbindlicher „Polar Code“ soll zu einheitlichen Regeln für Umweltschutz und Schiffssicherheit führen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.01.2013)

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1 Kommentare

Der Grund sind sicher nicht steigende Rohstoffpreise

Weil inflationsbereinigt sind diese noch deutlich unter den Preisen der 70er Jahre.

Die Frachtraten sind außerdem so stark gefallen, dass viele Flotten eigentlich knapp vor der Pleite stehen.

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