Deutschlands Exportüberschuss 2012 gefährdet Stabiltät

21.01.2013 | 12:49 |   (DiePresse.com)

Das Ifo-Institut kritisiert, dass ein Teil der Exporte in die Euro-Länder quasi mit deutschem Steuerzahlergeld finanziert wird. Nur China erzielt einen größeren Saldo.

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Deutschland hat seinen Exportüberschuss 2012 über die von der EU-Kommission vorgegebene Warnschwelle gesteigert. "In Euro umgerechnet beträgt der deutsche Leistungsbilanzüberschuss 169 Milliarden", sagte Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn am Montag zu Berechnungen seines Instituts. Das entspreche 6,4 Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Die EU-Kommission stuft einen Wert von mehr als sechs Prozent als stabilitätsgefährdend ein. Bei einer längeren Fehlentwicklung droht sie deshalb mit einem Strafverfahren. Für dieses Jahr erwartet das Ifo-Institut sogar einen Anstieg auf 6,6 Prozent.

Viele Experten sehen im deutschen Überschuss eines der großen Ungleichgewichte in der Weltwirtschaft, die für die Finanz- und Schuldenkrise mitverantwortlich sind. Den Ländern mit solchen Exportwerten stehen welche mit Defiziten gegenüber, die ihre Importe über Schulden finanzieren müssen. Der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Industriestaaten-Organisation OECD fordern daher immer wieder von der deutschen Regierung, die Binnennachfrage anzukurbeln, um die Unwucht zu verringern.

Nur China erzielt einen größeren Saldo

Nach Ifo-Berechnungen weist nur Exportweltmeister China einen noch größeren Überschuss als Deutschland aus. In Dollar gerechnet stieg er im vergangenen Jahr in der Volksrepublik von 202 auf 234 Milliarden, in Deutschland von 204 auf 218 Milliarden. Auf Rang drei folgt wegen seiner Ölexporte Saudi-Arabien mit 155 Milliarden Dollar.

Das Ifo-Institut kritisiert, dass ein Großteil der deutschen Exporte in die Euro-Länder quasi mit deutschem Steuerzahlergeld finanziert wird. "Der deutsche Leistungsbilanzüberschuss mit dem Ausland ist im Jahr 2012 nicht mehr über private Kapitalexporte, sondern ausschließlich über Target-Kredite der deutschen Bundesbank und andere öffentliche Hilfskredite finanziert worden", so Ifo-Chef Sinn.

Target ist das Zahlungsverkehrssystem der europäischen Zentralbanken, über das die Geschäftsbanken grenzüberschreitende Zahlungen abwickeln. Nach Commerzbank-Berechnungen liegen die deutschen Forderungen bei 656 Milliarden Euro. Wegen der Kapitalflucht in Krisenländern wie Griechenland können diese ihre Handelsdefizite nicht mehr durch private Geldgeber finanzieren, sondern zapfen dafür das Target-System an. Würden sie die Eurozone verlassen, müsste die Deutsche Bundesbank das Geld abschreiben und in letzter Konsequenz der Steuerzahler dafür geradestehen. Zuletzt sind die deutschen Forderungen aber deutlich gesunken, weil durch die Ankündigung unbegrenzter Anleihekäufe durch die Europäischen Zentralbank die Gefahr eines Auseinanderbrechens der Währungsunion gesunken ist und privates Kapital in die Krisenländer zurückfließt.

(APA/Reuters)

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7 Kommentare

damit ich das richtig verstehe

weil die Deutschen gute Produkte herstellen und "sogar" verkauft bekommen sollen sie bestraft werden ?

mein Vorschlag:
exportieren wir doch unsere Politiker, dann löst sich das Problem ganz ganz schnell ...

Re: damit ich das richtig verstehe

Genau. Kreislauf und so, du verstehst? Irgendwer muss das auch bezahlen. Wenn aber halb Europa nichts mehr herstellt, weil nirgends mehr ähnlich konkurrenzfähig produziert werden kann, muss die deutsche Industrie entweder den Rest Europas mitfinanzieren, indem möglichst alle letztendlich unproduktive Tätigkeit dorthin ausgelagert wird und am WE jeder nach Süden düst oder aber es stellt sich langfristig ein Gleichgewicht her.
Der herrschenden ökonomischen Theorie nach müsste sich dieses Gleichgewicht im übrigen automatisch marktvermittelt herstellen. Merkwürdigerweise passiert das aber auch hier wieder einmal nicht. Äußerungen wie deine (von Sinn und seiner merkwürdigen Welt mal gar nicht zu reden) zeigen aber, dass eine Ablösung dieser Ansammlung von Lumpentheoremen noch nicht einmal im Gange ist.

Re: Re: damit ich das richtig verstehe

Die EU ist aber nicht alleine auf der Welt. Wenn die Deutschen also nicht ihre Produkte verkaufen, dann eben die Chinesen, Japaner, Amis unvm.
Zu glauben die unproduktiven PIIGS würden besser dastehen, wenn auch in Deutschland die Produktivität sinkt, ist ein gefährlicher Irrglaube.
Die Märkte würden sich schon selbst regeln. Aber in der planwirtschaftlichen EU die mit Milliardenbeträgen hin- und hersubventioniert und herumreguliert wie wild, ist man von freien Märkten meilenweit entfernt. Dass man jetzt auch noch das erfolgreichste Land wegen seines wirtschaftlichen Erfolgs bestrafen will, passt zu diesem Narrenhaus namens EU wie die Faust aufs Auge.

Re: Re: damit ich das richtig verstehe

nicht merkwürdigerweise passiert es nicht. der Markt kann sich nur selbst bereinigen wenn nicht von außen eingegriffen wird. da dies aber passiert sind deine ökonomischen Theorien obsolet...

Re: Re: Re: damit ich das richtig verstehe

Nunja, von außen eingegriffen! Aber welcher Markt existiert denn ohne äußerliche Eingriffe? Z.b. Justiz - wie wir aus der europäischen Geschichte wissen keine Selbstverständlichkeit.

Bärenfalle...

Zum Kugeln ... lese gerade zufällig Atlas Shrugged .. geradezu prophetisches Buch.


die vielgepriesene deutsche gründlichkeit

ist wohl auch nicht mehr das, was sie einmal war. an der realität vorbeizuplanen ist wohl nichts anderes mehr, als sich selbst anzulügen. dieser überproduktionen holen dann doch recht schmerzhaft auf den teppich zurück...

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