Krisengebiete: Wenn die Geiselnahme Berufsrisiko ist

Für Mitarbeiter in Krisengebieten ist Sicherheit ein wichtiger Teil des beruflichen Alltags. Professionelle Vorbereitung und die Beachtung von lokalen "Do's and Dont's" sind dabei entscheidend.

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(c) AP / Nabil al-Jurani

Es ist der „worst case“ gewesen, der eintreten kann: Rund 30 schwer bewaffnete Islamisten stürmen am Mittwochvormittag vor eineinhalb Wochen die mitten in der Wüste liegende Gasförderanlage In Amenas im Süden Algeriens. Nachdem sie die Sicherheitskräfte ausgeschaltet haben, durchforsten sie die riesige Anlage und nehmen Dutzende Ausländer als Geiseln. Weitere rund 650 algerische Mitarbeiter werden im Freizeitgebäude zusammengetrieben. Die algerische Regierung reagiert mit einem harten Angriff auf die Anlage, wodurch die Lage unübersichtlich wird. Schlussendlich werden 29 Geiselnehmer und zumindest 37 Geiseln getötet.
Auch ein 36-jähriger Österreicher, der für BP – einen der Anlagenbetreiber – tätig ist, war in diesen Tagen auf dem Feld. Er konnte sich vor den Geiselnehmern verstecken und im Chaos fliehen. Wie so etwas zum Teil ablief, beschrieb inzwischen der Franzose Alexandre Berceaux in einem Interview: „Ich habe mich fast 40 Stunden unter meinem Bett versteckt. Während dieser Zeit wurde immer wieder viel geschossen. Ich hatte etwas Wasser und etwas Essen und wusste nicht, wie lange das dauern würde.“

Training. „Wie man sich in so einem Fall verhalten soll, kann man nicht wirklich trainieren. Allerdings können durch Vorabschulungen und eine Sicherheitsplanung vor Ort viele Gefahren verringert werden“, sagt Oliver Schneider von der Münchner Sicherheitsberatungsfirma Result Group. Das von einem ehemaligen Leiter einer deutschen Anti-Terror-Einheit gegründete Unternehmen bietet Firmen, die Mitarbeiter in Krisengebiete entsenden, ebensolche Sicherheitsplanungen an. „Wir haben auch bekannte österreichische Konzerne aus dem ATX unter unseren Kunden“, berichtet Schneider.
Die Namen der Unternehmen will er jedoch nicht nennen. Denn das Thema Sicherheit von Mitarbeitern in Krisengebieten ist heikel. Das wird bei der Nachfrage bei Firmen wie der OMV, der Strabag oder dem oberösterreichischen Zementhersteller Asamer spürbar, die alle in Libyen aktiv sind. Relativ bald kommt der Punkt, an dem es nur noch heißt: „Es gibt professionelle Maßnahmen. Details wollen wir aus Sicherheitsgründen jedoch nicht nennen.“

Doch wie sehen professionelle Sicherheitsmaßnahmen nun aus? „Das Training der Mitarbeiter ist dabei nur der erste Baustein“, sagt Schneider. In der Regel gibt es vor der Abreise ein zweitägiges Seminar. In diesem werden zuerst einmal Maßnahmen in der Theorie durchgegangen. Dabei handelt es sich um „logische“ Verhaltensweisen, die auch Touristen in gefährlicheren Gegenden beachten sollten (keinen offen getragenen Schmuck, nicht auf der Straße in Stadtplänen suchen) bis hin zu Tricks, an die Geschäftsreisende normalerweise nicht denken dürften.
So sollten sämtliche Reiseunterlagen schon im Vorfeld eingescannt und in einer Cloud im Internet abgespeichert werden, damit sie auch bei Verlust wieder verfügbar sind. Und ein Hotelzimmer sollte immer über dem zweiten, aber unter dem sechsten Stockwerk liegen. Weiter unten wäre die Druckwelle einer Autobombe noch zu groß, weiter oben die Fluchtmöglichkeit bei einem Feuer oder einer anderen Gefahr zu stark eingeschränkt.
Danach werden in den Seminaren gewisse Situationen durchgespielt – etwa die Kontrolle an einem Checkpoint. Auch hier gibt es gewisse Regeln, die mögliche Eskalationen verringern sollen (in der Nacht schon von Weitem das Licht im Fahrzeuginneren anschalten, bei Tag Sonnenbrillen abnehmen).

Neben diesen Schulungen sei jedoch vor allem die Sicherheitsplanung vor Ort wichtig. Diese kann je nach Bedrohungsszenario vom täglichen Wechsel der Route in die Arbeit über gepanzerte Fahrzeuge bis zu bewaffnetem Personenschutz reichen. Darüber hinaus wird vorab festgelegt, was in einem Notfall – etwa einer Entführung – getan wird: Wer wird in den Krisenstab im Heimatland berufen? Wer trifft die Entscheidungen? Wie werden die Angehörigen informiert und betreut?
Wie teuer ein umfassendes Sicherheitskonzept ist, will Schneider nicht sagen. „Es kann schon in die zehntausende Euro pro Monat gehen“, meint dazu David Bachmann, der österreichische Wirtschaftsdelegierte in Libyen. Die heimischen Firmen seien sich der Bedeutung des Themas jedoch in der Regel bewusst. „Ich weiß, dass es bei österreichischen Firmen Teil der Sicherheitspolitik ist, dass Mitarbeiter in Libyen immer einen GPS-Sender am Körper tragen“, so Bachmann.

Grundsätzliche Tipps für „Neueinsteiger“ in ein gefährliches Land könne auch die jeweilige Außenhandelsstelle geben. „So können wir etwa in Tripolis sichere Hotels empfehlen.“ Denn was unsicher ist, lässt sich ohne lokales Wissen oft nicht leicht sagen. So haben sich seit der Revolution Milizen in viele Hotels einquartiert – auch bei westlichen Ketten. „Das Radisson in Tripolis wurde daher früher oft von Konkurrenzmilizen beschossen.“ Wer dort sein Zimmer hatte, konnte also leicht von einem Querschläger getroffen werden.
Für längere Aufenthalte in Ländern wie Libyen empfiehlt Bachmann aber auf jeden Fall professionelle Sicherheitsunterstützung. Und noch etwas sei entscheidend: die Vernetzung mit den anderen Ausländern. „Ich telefoniere mit jedem Niederlassungsleiter einer österreichischen Firma alle paar Tage. Während der kritischeren Zeit war es auch mehrmals pro Tag“, so Bachmann. Über diese inoffiziellen Netzwerke könne bei Problemen auch schnell geholfen werden. „Geht es um Gesundheit, wendet man sich an die Vamed, da die gute Kontakte zu den Krankenhäusern hat. Gibt es ein Problem auf dem Flughafen, kann die Strabag helfen, da die vor Ort ist.“ Da es keine vertrauenswürdigen offiziellen Nachrichtenkanäle gebe, sei die Ausländercommunity darüber hinaus auch per Twitter vernetzt. „Wenn man Schüsse hört, sind 15 Minuten später Informationen darüber auf Twitter.“

Kulturelle Integration. Sicherheit ist aber nicht nur bei Unternehmen, sondern auch bei Hilfsorganisationen wie Ärzte ohne Grenzen ein wichtiges Thema. Auch hier gibt es vorab eine einwöchige Schulung. Auf externe Beratungsfirmen wird dabei jedoch verzichtet, sagt Andreas Papp, der Landeseinsatzdirektor für Österreich: „Wir haben bei uns Leute, die 20 Jahre lang in Krisengebieten unterwegs gewesen sind und über genügend Erfahrung verfügen.“

Zudem steht bei Ärzte ohne Grenzen im Mittelpunkt, sich bis zu einem gewissen Grad kulturell in das Land zu integrieren, um Konflikte gleich im Vorfeld zu vermeiden. „Wichtig ist für uns die Kontaktaufnahme mit der lokalen Bevölkerung und den lokalen Machthabern. Wenn die wissen, was wir tun, und das akzeptieren, dann gibt das quasi einen Schutz für unsere Leute vor Ort.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.01.2013)

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