Schicksal von Pipeline Nabucco wird im März besiegelt

31.01.2013 | 17:19 |  Von Jakob Zirm (Die Presse)

Im Herbst wird der Bau des „südlichen Gaskorridors“ von der Kaspischen See nach Europa starten. Ob die von der OMV initiierte Pipeline Nabucco Teil davon ist, entscheidet sich in den nächsten Monaten.

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Wien. „Aufgrund des Rückgangs der Nordsee-Produktion wird der Gasbedarf Europas im Jahr 2030 zu zwei Dritteln durch Importe gedeckt werden müssen. Und in der Region des Kaspischen Meeres liegen die größten unentwickelten Gasreserven der Welt.“ Mit diesen zwei Sätzen fasste Al Cook, Vizepräsident der BP-Entwicklungsgesellschaft für das riesige Gasfeld Shah Deniz 2 vor der Küste Aserbaidschans, anlässlich der European Gas Conference in Wien die Bedeutung des sogenannten südlichen Korridors zusammen. Durch diesen soll ab dem Jahr 2019 kaspisches Gas nach Europa gebracht werden.

Teil dieser Pipeline-Kette könnte auch die von der OMV vor mehr als zehn Jahren initiierte Pipeline Nabucco werden. Die Entscheidung darüber fällt in den nächsten Monaten. Was spricht für und was gegen die seit Jahren immer wieder totgesagte Nabucco? „Die Presse“ hat die Antworten:

1 Wann und von wem wird die Entscheidung getroffen?

Die Entscheidung treffen die Konsortialpartner des Shah-Deniz-2–Konsortiums. Dies sind neben BP der norwegische Ölkonzern Statoil, die französische Total und der aserische Staatskonzern Socar. Zwischen Baku und der türkischen Westgrenze hat sich das Konsortium bereits für die beiden Leitungen BTC und Tanap entschieden. Nun geht es nur noch um die dritte Teilstrecke: Nabucco will das Gas bis zum heimischen Gasknotenpunkt Baumgarten bringen, das Konkurrenzprojekt TAP nach Süditalien (siehe Karte). Bis zum 31. März müssen Nabucco und TAP die endgültigen Projektunterlagen an das Shah-Deniz-Konsortium übergeben. Bis spätestens Ende Juni soll die Entscheidung fallen.

2 Was spricht für Nabucco und was für das Konkurrenzprojekt TAP?

TAP reklamiert für sich die niedrigeren Kosten, da die Leitung mit rund 500 Kilometern weniger als halb so lang wie die 1300 Kilometer lange Nabucco ist. Allerdings wird TAP zum Teil im Meer gebaut, was teuer ist. Entscheidend ist laut BP-Manager Cook jedoch das kommerzielle Potenzial der Leitungen. Nabucco soll das Gas „en passant“ auch in sämtliche Länder des Balkans bringen können, was den potenziellen Markt vergrößert. Zudem liegt der Zielpunkt Baumgarten näher an den industriellen Zentren Süddeutschlands und Norditaliens. Für TAP spricht außer den Kosten der zurzeit noch höhere Gaspreis in Italien. Außerdem soll das Gas durch italienische Leitungen ebenfalls weiter Richtung Norden fließen.

3 Um wie viel Gas geht es bei dem südlichen Korridor?

Anfangs sollen rund zehn Mrd. Kubikmeter pro Jahr für den Export nach Europa bereitstehen. Das entspricht etwas mehr als dem Jahresverbrauch Österreichs. Doch schon Mitte des kommenden Jahrzehnts könnte Aserbaidschan rund 25 Mrd. Kubikmeter jährlich liefern. Denn neben Shah Deniz 2 gibt es noch eine Reihe weiterer Projekte im Kaspischen Meer. Die beiden Pipelines müssen daher eine Kapazität von zumindest dieser Größenordnung haben.

4 Welche Bedeutung hat Nabucco für Österreich?

Nabucco würde den Gasknotenpunkt Baumgarten deutlich aufwerten. Davon würden vor allem die Betreiber des Knotens – die OMV und die Wiener Börse – profitieren. Aber auch heimische Unternehmen und Versorger könnten langfristig von einem liquiden Gasmarkt im eigenen Land und den dadurch geringen Preisen „vor der Haustür“ profitieren.

5 Was passiert mit jener Pipeline, die nicht gewählt wird?

Das Projekt, das nicht gewählt wird, landet bestenfalls in der Schublade und schlimmstenfalls im Papierkorb. Denn obwohl langfristig genügend Gas für beide Pipelines aus der kaspischen Region nach Europa fließen dürfte, gibt es für die nächsten 15 bis 20 Jahre nur Platz für ein Projekt. Sollte TAP gewählt werden, könnte Nabucco aber von der OMV allein in einer nochmals verkleinerten Variante zwischen Schwarzem Meer und Baumgarten gebaut werden. Vor der Küste Rumäniens hat die OMV jüngst hoffnungsvolle Gasfunde gemacht, die nach Mitteleuropa gebracht werden könnten.

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6 Wie viel kosten die Pipeline-Projekte, und wer finanziert sie?

Über die genauen Kosten wird von keinem der beiden Projektkonsortien gesprochen. Laut Cook werden die Gesamtkosten für Shah Deniz 2 und den südlichen Korridor auf 40 Mrd. Dollar veranschlagt. Rund 15 Mrd. davon sollen für die drei Pipelines ausgegeben werden. Finanziert werden die Projekte von den Projektbetreibern. Bei Nabucco sind das neben der OMV die nationalen Gaskonzerne von Ungarn, Rumänien, Bulgarien und der Türkei. Die deutsche RWE will ihren Anteil verkaufen. Sollte Nabucco gewählt werden, würden jedoch die Konsortialpartner von Shah Deniz 2 zu 50 Prozent bei dem Projekt einsteigen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.02.2013)

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2 Kommentare

ein blick genügt..

.. um die Abhängigkeit der peripheren Teilnehmerstaaten wie Ö. zu erkennen. Wie war`s mit dem Solarstrom aus Afrika? Alle scheinen schon wieder die Probleme mit russischem Gas vergessen zu haben.

Die TAP verläuft

genau durch einen Teil des Mittelmeeres der rund 1000m tief ist. Da bin ich selber schon mit dem Boot gefahren, drum kann ich mich noch dran erinnern, was auf der Seekarte stand. 1000m sind im Mittelmeer nicht wenig. Und dann ist das Gas in Süditalien, wer tut sich sowas an?
Das klingt nach einem ganz schlauen Projekt.

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