Was kostet ein schwerer Reaktorunfall?

Eine umstrittene Studie sorgt in Frankreich für eine neue Debatte über Atomkraftwerke. Allerdings sei die Wahrscheinlichkeit eines Reaktorunfall „sehr gering“.

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(c) Dapd (Timur Emek)

Paris/R.b. Wie katastrophal ist eine AKW-Katastrophe wirklich? Und kann man diese Gefahr in Zahlen messen? Diese Fragen beschäftigen Frankreich, seit die Strahlenschutzbehörde IRSN in einer Studie errechnet hat: Die Addition aller in Betracht gezogen direkten und indirekten finanziellen Schäden ergibt 430 Milliarden Euro. Das entspräche rund einem Fünftel des französischen Bruttoinlandsprodukts.

Allerdings sei die Wahrscheinlichkeit eines solchen Desasters „sehr gering“, so der IRSN-Experte Patrick Momal. Aufgrund seiner Evaluation der Folgen eines schweren AKW-Unfalls, dessen Strahlenschäden aber unter Kontrolle blieben, empfiehlt das IRSN zur Verbesserung der nuklearen Anlagen in Frankreich, die ältesten Reaktoren durch neuere der dritten Generation zu ersetzen. Selbstverständlich werden französische Atomgegner eine ganz andere Folgerung daraus ziehen und im Gegenteil einen definitiven Ausstieg aus einer Technologie fordern, die im Extremfall nicht nur folgenschwer für die Bevölkerung und die Natur wäre, sondern auch – wie die Zahlen nun belegen – zu einem finanziellen Desaster werden könnte, das für Frankreich ganz einfach nicht verkraftbar wäre.

Diese Studie war eingeweihten Kreisen bereits seit Dezember 2012 bekannt, sie wurde aber erst am Mittwoch im Kernforschungszentrum Cadarache in Südfrankreich den Medien vorgestellt. Sie basiert auf mehreren Katastrophenszenarien und schließt nicht nur die Kosten einer Evakuierung von rund 80.000 Menschen aus für längere Zeit unbewohnbaren Zonen und unmittelbare wirtschaftliche Einbußen ein, sondern auch Ausfälle für den Tourismus und die Exporte von Agro-Produkten wegen des absehbaren Imageschadens bei einer Katastrophe in der Kernindustrie. Frankreich ist zudem auch ein international wichtiger Exporteur von Kernenergie-Technologie.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.02.2013)

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