Fair telefonieren für Fortgeschrittene

09.02.2013 | 18:20 |  von Matthias Auer (Die Presse)

Drei von vier Österreichern würden für ethisch korrekt hergestellte Waren mehr bezahlen. Bei Bananen und Kaffee geht das. "Faire" Smartphones gibt es nicht. Das soll sich ändern.

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An den Füßen trägt er Waldviertler, am Körper feinste Naturfaser aus dem Weltladen. Brot, Käse und Butter (lieber kein Fleisch) holt er mit dem Fahrrad vom Bauern, das Gemüse kommt mit dem Biokistl oder besser noch vom Gemeinschaftsgarten am Rande der Stadt. Bananen und Schokolade müssen zwar aus Übersee geliefert werden, sind aber natürlich fair gehandelt. Ist der tägliche Einkauf erledigt, geht es noch auf einen Kurzbesuch zum Augustin-Verkäufer des Vertrauens. Dann ist es höchste Zeit, sich bei einem fairen Café-Latte, den es zum Glück schon bei Starbucks gibt, zurückzulehnen und den „guten“ Tag auf Facebook zu dokumentieren.

Wäre da nicht dieses kleine Ding in seinen Händen, das so gar nicht zum ethisch korrekten Selbstbild passen will: das Smartphone. 712Millionen Stück wurden im Vorjahr weltweit verkauft. Und auch wenn es nur jeder fünfte Österreicher weiß: Kein einziges von ihnen wurde ohne Ausbeutung von Arbeitern oder Umwelt hergestellt. Die Geschichte der Handys beginnt im Kongo, wo der Abbau von Coltan den Bürgerkrieg anheizt, und endet bei teils unmenschlichen Arbeitsbedingungen in den asiatischen Produktionsstätten.


Komplexe Lieferkette.
Drei von vier Österreichern erklären sich in einer Umfrage von AC Nielsen bereit, für ethisch korrekte Produkte auch etwas mehr zu geben. Selbst wenn sich nur die Hälfte im Geschäft noch daran erinnert, stellt sich die Frage: Warum gibt es in der Elektronikbranche kein Unternehmen, das diese Nachfrage stillt?

Die niederländische Stiftung Waag Society will genau das tun. Noch im Herbst soll das erste fair produzierte Smartphone auf den Markt kommen. Mit 250 bis 300 Euro wird das Android-Gerät kaum teurer als die Konkurrenz sein – nur ist eben das gute Gewissen inkludiert. So weit die Theorie. Ganz einfach ist das aber nicht, sagt Joe Mier von FairPhone zur „Presse am Sonntag“. Das im Jänner gegründete Unternehmen der Waag Society hat nämlich mit denselben Problemen zu kämpfen wie alle Handyhersteller. Die Lieferkette bei Smartphones ist kaum überschaubar und hoch komplex.

Das ist auch der einfache Grund, warum es faire Bananen schon lange gibt, aber noch keine fairen Handys. Statt eines Bauers in Ecuador ist hier eine ganze Reihe von Unternehmen beschäftigt. Jedes fünfte Elektronikgerät ist ganz von Zulieferern gebaut.


Kampf im Kongo. Die Schwierigkeiten der Hersteller beginnen schon bei den Rohstoffen. Das berüchtigtste Beispiel ist das seltene Metall Tantal, das aus dem Erz Coltan gewonnen wird. 80Prozent der weltweiten Vorräte liegen im Norden Kongos, wo seit fast 20Jahren ein Bürgerkrieg tobt. Anfangs ging es um ethnische Unterschiede, heute kämpfen die Warlords vorrangig um die Kontrolle über die Minen. Während die Männer und Kinder unter lebensbedrohlichen Bedingungen den für die Handys unverzichtbaren Rohstoff aus der Erde holen, landen die Einnahmen oft in den Taschen bewaffneter Gruppen der Kriegsparteien.

Aber es gibt auch Minen außerhalb des umkämpften Gebiets, in denen die Arbeiter fair bezahlt werden. Aus einer von ihnen, im Süden des Landes, will FairPhone seine Rohstoffe beziehen. Für alle Mineralien geht das aber nicht. Nur Gold, Tantal und Zinn können die Niederländer aus zertifizierten Quellen kaufen. Für die Unternehmen vor Ort steht der Kampf der Europäer für bessere Arbeitsbedingungen nicht im Vordergrund, berichtet Mier. „Sie freuen sich vor allem, dass sie überhaupt Geschäft bekommen.“ Dass sich dabei auch die Arbeitsbedingungen bessern, ist für sie ein angenehmer Nebeneffekt.

Wer alle Rohstoffe beisammen hat, hat damit längst nicht alle Probleme gelöst. 40Prozent aller Elektrogeräte weltweit schraubt Foxconn in China zusammen. Damit verbunden sind einerseits hunderttausende Jobs für die Arbeiter Chinas, andererseits aber exzessive Überstunden, mangelnde Versorgung, schlechte Bezahlung und gesundheitsschädigende Produktionsbedingungen. Spätestens seit vor drei Jahren 13 Foxconn-Arbeiter in den Tod gesprungen sind, ist die Weltöffentlichkeit für die teils miserablen Bedingungen in den Handywerken sensibilisiert.

Auch FairPhone wird nicht um Zulieferer aus Asien umhinkommen, wenn die Niederländer den Preis halten wollen. „Wir werden unser Handy nicht in Amsterdam bauen“, sagt Joe Mier. Stattdessen arbeite das Unternehmen mit internationalen Organisationen zusammen, die dafür sorgen, dass in den Werken die Bedingungen herrschen, die sich die Niederländer vorstellen. „Wir wollen das Problem an der Wurzel packen“, so Mier. Höhere Lohnkosten in Asien sollten den Preis nicht drastisch treiben. Studien zufolge macht der Lohn bei Handys nur ein Prozent der Herstellungskosten aus.

Warum aber kommen dann die Schwergewichte der Branche nicht auf die Idee, hier anzusetzen? Zumal es offenbar Menschen gibt, die schon bei Schokolade bereit sind, einen Euro draufzulegen, wenn sie nicht nur gut schmeckt, sondern auch noch ein gutes Gewissen verspricht. Gleichzeitig könnten Unternehmen wie Apple, die von ihrem guten Image abhängig sind, dafür sorgen, dass ihr Bild in der Öffentlichkeit keine Kratzer bekommt. Ganz nach dem Vorbild von Sportartikelhändler Nike, der in den frühen Neunzigern wegen miserabler Produktionsbedingungen am Pranger stand, sich änderte und heute keine Gelegenheit ausläßt, sich als größter Advokat von fairen Produktionsbedingungen in der Textilindustrie aufzuspielen.


Fortschritte bei Konzernen. Zumindest in der Apple-Zentrale in Cupertino hat nach den Problemen bei Foxconn ein gewisses Umdenken eingesetzt. Vergangenes Jahr hatte der Elektronikriese seinen „Nike-Moment“: Der Konzern trat der Fair Labour Association bei und versprach bessere Arbeitsbedingungen für hunderttausende Foxconn-Angestellte. Ende Jänner gab Apple bekannt, die Zusammenarbeit mit einem Zulieferer zu beenden, der Minderjährige eingesetzt hatte. Auch der weltgrößte Computerhersteller Hewlett-Packard zieht mit. Zulieferer aus Asien müssen strengere Kriterien beim Rekrutieren von Arbeitern einhalten.

Bei der Rohstoffgewinnung sorgt seit vergangenem Jahr ein US-Gesetz für Besserung. Unter dem Dodd-Frank Act müssen alle in den USA börsenotierten Unternehmen nachweisen, dass sie keine Rohstoffe aus Kampfregionen wie dem Kongo verwenden. Erste Erfolge gibt es bereits: Die Produktion von Tantal in den Konfliktregionen ist um 75Prozent gefallen. Viele Hersteller gingen nach Australien und Kanada, wo auch Coltan abgebaut wird.

Von einem hundert Prozent fairen Smartphone sind die Firmen dennoch weit entfernt. „Auch wir werden das heuer nicht schaffen“, räumt Mier von FairPhone ein. Ihm ist klar, dass das Projekt mit geplanten 10.000 Stück im ersten Jahr nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein ist. Oder aber der Stachel im Fleisch der Konzerne, der sie antreibt, ihre Muskeln spielen zu lassen und die Bedingungen bei ihren Zulieferern wirklich zu verändern.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.02.2013)

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23 Kommentare

fair, würde in erster Linie bedeuten,

verträglich für Mutter Erde und ihre zukünftigen Kinder.

Viel lieber...

...würde ich etwas mehr zahlen, damit damit ich sicher sein kann, dass mein Treibstoff, Heizöl und sonstige auf Erdöl basierende Produkte nicht aus Ländern und von Menschen stammen, die den Terrorismus und die Unterwanderung westlicher Länder finanzieren!

Wenn uns diese ganzen "fair" behandelten Schwellenländer endgültig wirtschaftlich überholt haben.

Können sie sich dann vielleicht revanchieren und unseren nicht mehr wettbewerbsfähigen Bio-kram zu fairen Preisen abkaufen.

fair

ist nur wenn ich selber anbaue, oder beim nachbarn kaufe, der rest ist zum teil gutes marketing und zum teil schlechtes gewissen.
irgenwer verdient in jedem fall.

Die Qualtät eines Produktes ...

... ist für mich kaufentscheidend. Der Rest interessiert mich nicht einmal ansatzweise. Wozu haben alle diese "bösen" Produktionsländer Regierungen?

Laßt's mich mit dem Fair-Unfug in Ruhe.

Letztendlich finanziert man damit schlimmstenfalls sowieso nur kommunistische Rebellen.

Re: Laßt's mich mit dem Fair-Unfug in Ruhe.

Auch diese Konsumentenentscheidung ist "legitim" - aber man kann nie genug WISSEN über die Herstellung und den Weg des Produkts vom Bergwerk bis zur Einkaufstüte.

na wers glaubt wird seelig

in der zwischenzeit verdienen sich die blender in diesem marktbereich ein vermögen.

der großteil dieser ach so naturverbundenen wahren ist halt ein wunderbares geschäft, das funktioniert ungefähr so wie eine glaubensgemeinschaft.... da dürfen sie auch nicht zuviel fragen sondern zahlen!

11

Fair oder dumm?

Nur ein Narr zahlt beim Einkauf mehr als er muß. Frappant wie wir uns abzocken lassen: verärgert zahlen wir bspw für Lebensmittel und Getränke mehr als die Deutschen; freiwillig überzahlen wir für fair gerade und den Bioschwindel. Gleichzeitig jammern wir über Inflation und stagnierende Einkommen. Bizarr ...

Das "Wohlfahr-Paradox"

Mir fallen hier ein paar Worte von Oscar Wild ein: „Es ist viel leichter, mit dem Leid zu sympathisieren, als mit dem Denken. Menschen sind umgeben von versteckter Armut, Hässlichkeit und Hunger. Es ist unvermeidbar, dass sie von all dem stark bewegt werden. Dem entsprechend versuchen sie, gut gemeint, aber aus einem Missverständnis heraus, dagegen anzukämpfen. Aber ihre Mühen heilen nicht die Krankheit, sie verlängern sie bloß.
Ihre Heilmittel sind selbst Teil der Krankheit. Sie versuchen das Problem der Armut zu lösen, indem sie die Armen am Leben erhalten. Oder, im Falle einer fortgeschrittenen Schule, die Armen zu unterhalten. Aber das ist keine Lösung – es ist eine Verschlimmerung des Problems. Das eigentliche Ziel ist es, die Gesellschaft so zu verändern, dass Armut unmöglich wird. Und die altruistischen Tugenden haben es tatsächlich verhindert, dieses Ziel durchzuführen. Die schlimmsten Sklavenbesitzer waren jene, die am nettesten zu ihren Slaven waren. So verhinderten sie, dass der Horror im Kern des Systems von jenen erkannt wird, die daran litten und von jenen verstanden die ihn betrachteten.“
Ich denke diese Zeilen sind aktueller denn je. Versteht mich nicht falsch, ich bin nicht gegen Charity, Fair-Trade und Wohlfahrt, in einem abstrakten Sinne ist es besser als nichts. Aber machen wir uns klar, dass darin ein Anteil von Heuchelei eingebaut ist. Wir reparieren mit der linken Hand was wir mit der rechten zerstören. Wir brauchen ein anderes Spiel!

Re: Das "Wohlfahr-Paradox"

Hm. Wie sieht dieses andere Spiel ihrer Ansicht nach aus? Und wer spielt es? ;-)

Es wäre für die Firmen

die Möglichkeit, zumindest auf die sozialen Bedingungen, der Hersteller einzuwirken, wer hindert sie daran. Das erhöht eben die Einkaufspreise.

Nur, mit Verkaufs-Preisen, die dann um ein Vielfaches höher sind, würden sie nicht konkurrenzfähig sein, auch wenn Umfragen ein anderes Bild zeichnen. Nur zwischen dem was geantwortet wird, weil es moralisch und politisch korrekt ist, und dem was die eigene Geldtasche oft sagt, klaffen Welten.


Nur wer einheimische Produkte kauft

handelt moralisch und verantwortungsbewusst.

Re: Nur wer einheimische Produkte kauft

und jener, der sich teure Bio- oder Fair-Trade-Produkte nicht leisten kann führt ein unmoralisches Leben. Genau!

Re: Nur wer einheimische Produkte kauft

ein handy aus österreich? da gibts leider nur emporia und dafür bin ich noch einige jahrzehnte zu jung.

Solange die Qualität stimmt ist es mir reichlich egal

unter welchen Bedingungen ein iPhone hergestellt wird ...

Ich denke dass mit einem Betriebsrat bei Foxconn ein Qualitätsverfall einhergehen wird.

Re: Solange die Qualität stimmt ist es mir reichlich egal

Ich wiederum würde gerade die Informationen über die Arbeitsbedingungen von der Quelle der Rohstoffe über die Matrosen bis zu den Bürodamen in AT als GRENZÜBERSCHREITENDE INFORMATION DER INTERNATIONAL-SOZIALISTISCHEN GEWERKSCHAFTEN für das marktwirtschaftliche feedback der Verbraucher notwendig halten. Aber die lernen das nie.

Re: Solange die Qualität stimmt ist es mir reichlich egal

na sie haben ja ein weltbild, dass einem graust...

...Kapitalismus

...Gier,Gewinnmaximierung...die Leute zahlen eh Faire Preise,nur kommen Sie nicht beim Arbeiter an...600Euro für einen Apfel der Produktionskosten von 180EURO. incl. Transport verursacht,doch ein "fairer Preis" ....

Und die MA48

hat ihre Sammelstellen geschlossen, damit der wertvolle Elektroschrott wieder vermehrt im Restmüll landet.

Es gibt halt nur Flaschen Container − womit das wohl zusammenhängt.

Re: Und die MA48

Wieso haben die geschlossen? Da wär nicht gut!
Aber vielleicht findet man hier eine alternative Sammelstelle?!
http://www.elektro-ade.at/liste-der-sammelstellen-in-oesterreich/

Re: Und die MA48

Warum beschimpfen Sie Container als Flaschen?

10

Ein einträgiges Geschäftsmodell um "Fair-Trade-Fetischischisten" abzuzocken!

Es gibt keine Verfahrenstechnik um Rohstoffe, welche für die moderne Unterhaltungselektronik bzw. Energietechnik(Windkraftanlagen) benötigt werden "sauber" d.h. umweltverträglich zu gewinnen bzw. aufzubereiten.
Das neue Geschäftsmodell berücksichtigt die soziale Komponente, jedoch der Umweltaspekt wird vernachlässigt bzw. es ist einfach nicht möglich.

Als Beispiel sei Neodym genannt als Werkstoff für Magnete in Lautsprechern, Generatoren, Elektromotoren, etc.. Wenn man diesen Werkstoff ersetzen will, dann geht dies auf Kosten der Leistungsfähigkeit bzw. der Miniaturisierung.

Als wer will ein Smartphone in der Größe eines C-Telefons?

Nur ein konsequentes Recycling von "Handys" bzw. die Verwendung weit über den "Lifestyle -Lebenszyklus" hinaus wäre ein Ansatz für "Fair-Trade" im Sinne des Umweltschutzes bzw. für die Vermeidung von "Ausbeutung" in diversen Produktionsländern.


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