Deutschland stolpert und Europa fällt

Europas Wirtschaft schrumpfte Ende 2012 so rasch wie seit der Finanzkrise nicht. "Schnee von gestern", sagen Ökonomen. In Österreich sei die Talsohle schon durchschritten.

Deutschland stolpert Europa faellt
Schließen
Deutschland stolpert Europa faellt
c REUTERS KAI PFAFFENBACH

Wien. Lange Zeit war das deutsche Exportwunder die letzte verlässliche Stütze für Europas Wirtschaft. Nicht so in den letzten drei Monaten des Vorjahres: Schwache Exporte ließen die deutsche Konjunktur einbrechen. Und mit ihr stürzte auch der Rest Europas ab. Ein reales Minus von 0,6Prozent gegenüber dem Vorquartal bedeutet für die Wirtschaft der Eurozone die schlechteste Entwicklung seit Anfang 2009, kurz nach dem Zusammenbruch der Lehman Brothers. Neben Deutschland rutschten auch die beiden anderen Schwergewichte des Kontinents, Frankreich und Italien, überraschend stark ab.

Dabei ist die Stimmung gegenüber Europa an den Finanzmärkten im Moment so gut wie seit Ausbruch der europäischen Schuldenkrise nicht mehr. Seit die Europäische Zentralbank im Sommer angekündigt hatte, „alles, was notwendig ist“, zu tun, um die Stabilität des Euro zu garantieren, ließ der Druck auf die Währungsunion merkbar nach. Doch in der Realwirtschaft ist das neue Vertrauen, das der Eurozone an den Märkten entgegengebracht wird, noch nicht angekommen. Viele Unternehmer halten sich zurück, die Wirtschaft schrumpft weiter.

 

Fiktive Mieten helfen dem BIP

Nur wenige Volkswirtschaften wie Deutschland oder auch Österreich konnten sich bisher dem Abwärtssog in Europa entziehen. Im vierten Quartal 2012 ist das nicht mehr gelungen. Deutsche und auch österreichische Produkte waren international nicht so gefragt wie erwartet. Die deutsche Konjunktur schrumpfte um 0,6Prozent, die österreichische um 0,2Prozent gegenüber dem Vorquartal. Über das Gesamtjahr gerechnet, liegen beide Länder allerdings im Plus. Die saisonbereinigt größten Zugewinne für Österreich brachten das Bauwesen und der Wohnungs- und Grundstücksmarkt. Sogenannte „imputierte“, also fiktive zukünftige Mieten für neu errichtete Wohnungen und Häuser hätten das heimische BIP Ende des Vorjahres nach oben gezogen, erklärt Jürgen Bierbaumer-Polly vom Wifo.

Glaubt man den Ökonomen, sind die schlechten Zahlen aber kein Grund für Beunruhigung. Die Talsohle, die hier abgebildet werde, sei bereits durchschritten. Zumindest in Deutschland und Österreich, so die einhellige Meinung. Für die gesamte Eurozone sieht der Befund nicht ganz so optimistisch aus. Die Situation bleibt „fragil“, sagt die EZB. Zwar habe die Industrieproduktion in Europa bereits im Dezember wieder an Fahrt aufgenommen und die global besseren Prognosen stützten – trotz stärkeren Euro – die Exporterwartungen des Kontinents. Doch angesichts der Massenarbeitslosigkeit in vielen Ländern sei mit einem Einbruch des Binnenkonsums zu rechnen. In Summe werde die Eurozone „auf der Stelle treten“. Noch vor drei Monaten hatten die EZB-Ökonomen ein Plus von 0,3Prozent für 2013 erwartet.

 

Erstes Quartal wieder im Plus

In Österreich seien die Zahlen aus 2012 „Schnee von gestern“, kommentierten die Chefökonomen der Bank Austria die Konjunkturdaten. Tatsächlich zeigt eine Reihe vieler Indikatoren, Börsen und Konjunkturumfragen wieder nach oben. Der Economic Surprise Index der Citigroup liegt derzeit etwa deutlich über der Nulllinie. Er vergleicht die Wirtschaftsprognosen mit den realen Daten. Läuft es in der Realität besser als erwartet, liegt er im Plus.

„Wir werden in Österreich im ersten Quartal wohl kein Minus mehr haben“, sagt Bierbaumer-Polly. Die OeNB schätzt das Wachstum im ersten Quartal auf 0,2Prozent. Alles innerhalb der statistischen Schwankungsbreite also. Ob sich das Wirtschaftswachstum des Landes knapp über oder unterhalb der Nulllinie einpendeln wird, hängt nicht nur von der Nachfrage im Rest der Welt, sondern auch von der Entwicklung der Schuldenkrise ab. Erst wenn sich die Lage für Europa weiter entspannt, werden Unternehmer wieder den Mut fassen, in die Zukunft zu investieren.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.02.2013)

Die Presse - Testabo

Testen Sie jetzt „Die Presse“ und „Die Presse am Sonntag“ sowie das „Presse“-ePaper und sämtliche digitale premium‑Inhalte 3 Wochen kostenlos und unverbindlich.

Jetzt 3 Wochen testen
Kommentar zu Artikel:

Deutschland stolpert und Europa fällt

Schließen

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen