Italien-Chaos: Schockwellen auf den Finanzmärkten

Das Wahlchaos schickt die Aktienkurse weltweit auf Talfahrt, die Risikoaufschläge für Staatsanleihen aus Euro-Krisenländern steigen massiv. Die Folge: Anleger flüchten in sichere Häfen.

Finanzmaerkte nach Wahlchaos Italien
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Finanzmaerkte nach Wahlchaos Italien
(c) Reuters (Lisi Niesner)

Die Aussicht auf politischen Stillstand in Italien hat die Kurse an den Finanzmärkten am Dienstag auf Talfahrt geschickt. Die Risikoaufschläge für Staatsanleihen aus Euro-Krisenländern zogen im Gegenzug massiv an. Die Ausfallversicherungen gegen eine italienische Staatspleite stiegen auf den höchsten Stand seit Jahresbeginn. Die Risikoaufschläge zehnjähriger italienischer Staatsanleihen schossen zum Handelsstart massiv in die Höhe (siehe auch Grafik unten). Die Pendants aus Spanien kamen ebenso unter die Räder. Noch schlimmer erwischte es portugiesische Papiere (mehr dazu...). Nach dem ersten Schock zur Markteröffnung entspannte sich die Lage aber zuletzt wieder etwas.

Auch der Euro blieb auf den Verkaufslisten und rutschte nach den kräftigen Verlusten vom Vortag weiter ins Minus. Zuletzt stand die Gemeinschaftswährung bei 1,3080 US-Dollar. Am Montag hatte sie zwischenzeitlich noch fast drei Cent mehr gekostet. Die Europäische Zentralbank (EZB) hatte den Referenzkurs auf 1,3304 (Freitag: 1,3186) Dollar festgesetzt.

Krisen-Indikator "lo spread"

In Italien rückt ein Krisen-Indikator, "lo spread", nun wieder in den Vordergrund. Dieser bemisst die Differenz zwischen italienischen und deutschen Staatsanleihen. Als am Montag bekannt wurde, dass die Linken vorne liegen, fiel er auf rund 250 Punkte. Seitdem ist er aber zeitweise auf 350 Punkte gestiegen. Nach Informationen italienischer Medien greift die EZB bei einem Spread über 450 Punkten ein.

Verschuldung für Rom wird teurer

Ausgerechnet in diesem nervösen Umfeld musste Italien am Vormittag mehr als acht Milliarden Euro neu am Geldmarkt aufnehmen. Die Durchschnittsrendite schnellte bei der Emission eines Papiers mit einer Laufzeit von sechs Monaten um einen halben Prozentpunkt auf 1,237 Prozent nach oben, wie das Finanzministerium am Dienstag mitteilte. Damit ist die Verschuldung für die Regierung in Rom so teuer wie seit Oktober 2012 nicht mehr. "Das ist nicht überraschend, wenn man sich das Wahlergebnis ansieht", sagte Lyn Graham-Tayler von der Rabobank in London.

Die Emission galt als erster Markttest nach der Wahl. Insgesamt nahm Italien 8,75 Milliarden Euro auf. "Die Rendite ist zwar deutlich höher, aber es wurde alles platziert", sagte ein Händler. Die Emission dürfe nicht überbewertet werden, da es sich lediglich um kurzlaufende Papiere handele. Ein weiterer Test steht der Regierung in Rom am Mittwoch bevor, wenn sie sich zwischen drei bis vier Milliarden Euro für zehn Jahre und zwischen 1,75 und 2,5 Milliarden Euro für fünf Jahre leihen will.

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(c) APA

Flucht in sichere Häfen

Der Hintergrund: In Italien zeichnet sich eine politische Pattsituation ab. Das Mitte-Links-Bündnis mit seinem Spitzenkandidaten Pier Luigi Bersani konnte bei den Wahlen zwar die Mehrheit im Abgeordnetenhaus holen. Im Senat erreichte jedoch keines der beiden großen Bündnisse um Bersani und den Ex-Premier Silvio Berlusconi die absolute Mehrheit, sodass eine stabile Regierung unwahrscheinlich ist (mehr dazu...). "Die italienischen Wahlen haben eines der ungünstigsten möglichen Ergebnisse hervorgebracht", kommentierten die Experten der deutschen Commerzbank. Die Marktteilnehmer sollten in "Habachtstellung" bleiben.

Die drohende politische Lähmung treibt Anleger in sichere Häfen. Der für den deutschen Anleihemarkt richtungsweisende Euro-Bund-Future stieg am Vormittag um 0,75 Prozent auf 144,58 Punkte. Zehnjährige deutsche Anleihen rentierten mit 1,48 Prozent deutlich niedriger als am Vortag. Der Goldpreis konnte in diesem unsicheren Umfeld zulegen und stieg um etwa ein halbes Prozent auf gut 1600 Dollar.

Berlusconi-Erfolg als Gift für die Aktienmärkte

Weltweit reagierten die Börsianer verschnupft auf den Wahlausgang. "Berlusconi hat wohl das politische Comeback des Jahrhunderts geschafft - oder kann zumindest eine Hängepartie erzwingen", sagte Händler Jordan Hiscott von Gekko Markets. Beides sei Gift für die Aktienmärkte, die entsprechend in ganz Europa tief im Minus liegen. Fehlende klare Mehrheiten würden mit sinkenden Wahlbeteiligungen immer häufiger. Für Hiscott auch ein Ausdruck, dass den großen Parteien effektive Maßnahmen zur Krisenbewältigung kaum noch zugetraut werden.

Die Wall Street hatte am Montag zum Handelsschluss noch ganz im Zeichen des italienischen Wahlwirrwarrs gestanden. Der Dow Jones Industrial erlitt am Ende den größten Tagesverlust seit dem 7. November 2012. Nach den Vortagesverlusten sind die US-Börsen aber am Dienstag mit leichten Gewinnen in den Handel gestartet. Die Börsen in Asien waren die ersten, die mit zum Teil deutlichen Kursverlusten auf das endgültige Wahlergebnis reagierten. In Japan sackte der Nikkei-225-Index um mehr als zwei Prozent ab.

Europäische Börsen auf Talfahrt

Noch deutlicher reagierten die Börsen Europas auf die Aussicht einer Pattsituation in Italien: Der italienische Leitindex FTSE MIB führte die Verliererliste zuletzt mit einem Minus von mehr als vier Prozent an. Aber auch der EuroStoxx 50 sowie der deutsche Dax mussten deutlich Federn lassen. Der Wiener Leitindex ATX sackte gleich zu Handelsbeginn um zwei Prozent ab.

Europaweit waren die Finanzwerte, die üblicherweise besonders sensibel auf alle Nachrichten rund um die Schuldenkrise reagieren, die größten Verlierer. Der Index für die Banken der Eurozone rutschte um 4,3 Prozent ab. Schlusslicht war hier die italienische Bank Intesa Sanpaolo, deren Aktien um bis zu 12,2 Prozent einbrachen. Daraufhin verbot die italienische Börsenaufsicht bis einschließlich Mittwoch sogenannte Leerverkäufe von Intesa-Aktien. Dabei handelt es sich um Wetten auf einen weiteren Kursverlust.

(APA/dpa-AFX)

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