Pharmariese Novartis verliert wichtigen Patentstreit

01.04.2013 | 18:23 |   (Die Presse)

Die Höchstrichter in Indien verweigern Novartis ein Patent für ein Krebsmittel. Das Urteil gilt als Präzedenzfall im Streit um Generika und um einen Milliardenmarkt.

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Basel/Apa/Reuters. Der Schweizer Pharmakonzern Novartis hat den Patentstreit um sein Krebsmittel Glivec in Indien endgültig verloren. Das Oberste Gericht des Landes entschied am Montag in Neu Delhi, dass Novartis kein Patent für das Medikament erhält.

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Beobachter sehen in der höchstrichterlichen Entscheidung einen Präzedenzfall, der für andere Patentklagen wegweisend sein dürfte. Hilfsorganisationen begrüßten das Urteil, da günstige Nachahmer-Präparate aus Indien für die ganze Welt wichtig seien.

Kritiker werfen Pharmafirmen vor, Arzneimittel zurückzuziehen, bevor das Patent ausläuft. Danach werden die Medikamente in leicht veränderter Form wieder teuer auf den Markt gebracht. Die indischen Behörden hatten bereits 2006 die Patentierung von Glivec verweigert. Sie erklärten, der Hauptwirkstoff sei nicht neu, sondern nur eine leicht veränderte Version eines älteren Wirkstoffs. Novartis ging dagegen in Berufung. Der Rechtsstreit dauerte sieben Jahre. Nun entschied auch das Oberste Gericht, das Novartis-Produkt erfülle nicht die Patentrichtlinien.

In Indien werden nur noch neue Medikamente geschützt, wenn eine „erhöhte therapeutische Wirksamkeit“ nachweisbar ist. So soll das sogenannte „Evergreening“ verhindert werden – gemeint ist die Verlängerung des Patentschutzes mit nur minimalen Veränderungen des vorher patentierten Wirkstoffs.

 

„Innovationsfeindliches Urteil“

Glivec ist für Novartis ein wichtiger Umsatzbringer. Das Unternehmen kritisierte das Urteil als „innovationsfeindlich“. Die indischen Gesetze würden nur eingeschränkten Schutz für geistiges Eigentum bieten. Die Schweizer sind der Ansicht, dass Glivec sehr wohl eine Neuentwicklung sei. Zwar sei das Molekül vorher schon patentiert gewesen, aber erst nach jahrelanger Forschung habe man es in eine Kristallform gebracht. Daher könne das Medikament nun auch als Pille verabreicht werden.

Glivec ist in 40 Ländern geschützt und wird zur Behandlung von Leukämie eingesetzt. Eine Monatsbehandlung kostet rund 2600 US-Dollar (2027 Euro).

In der Regel sichern Patente den großen Konzernen ein exklusives Verkaufsrecht für Medikamente nach 20 Jahren. Nach Ablauf der Frist können auch andere Firmen die Präparate als Generika herstellen und zu einem Bruchteil des Originalpreises verkaufen.

Indische Gesundheitsaktivisten fordern seit Jahren billigere Medikamente. In dem Land verdienen 40 Prozent der 1,2 Milliarden Einwohner weniger als einen Euro am Tag. Indiens Pharmaunternehmen, die sich auf das Kopieren von bestehenden Präparaten spezialisiert haben, begrüßten das Urteil. Pratibha Singh, Anwältin des Generikaherstellers Cipla, sprach von einem „Präzedenzfall“. Das Gericht habe entschieden, „dass Patente nur für wirkliche Erfindungen erteilt werden, wiederholtes Patentieren wird nicht erlaubt“, so Singh. Vor allem in ärmeren Ländern wie Indien gibt es einen großen Markt für Nachahmerprodukte. Bis 2015 laufen weltweit Patente für Arzneimittel mit einem jährlichen Umsatz von 150 Milliarden US-Dollar aus.

 

Auswirkungen auf andere Firmen

Die Entscheidung gegen Glivec könnte Analysten zufolge die Chancen von Firmen wie Pfizer und Roche schmälern, die ebenfalls in Indien um Patentschutz streiten. Die Organisation Ärzte ohne Grenzen lobte das Urteil, weil die günstigen Generika von indischen Pharmafirmen in die ganze Welt exportiert würden. Dabei gehe es nicht nur um Krebsmedikamente, sondern etwa auch um Präparate gegen Aids und HIV, sagte ein Sprecher der Organisation: „Patienten in Indien und in den Entwicklungsländern wie Thailand, Brasilien, Afrika südlich der Sahara, sollten jubeln.“

Nach der Niederlage sind die Aktien von Novartis an der Börse in Bombay am Ostermontag abgestürzt. Sie verloren 6,8 Prozent.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.04.2013)

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66 Kommentare
 
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Es überrascht mich doch etwas,

dass hier einigen der Profit eines Pharmakonzerns wichtiger erscheint als Menschenleben, die mit Hilfe günstigerer Medikamente Heilung erfahren können.

Ps: Kommt mir bitte nicht mit den ach so hohen Entwicklungskosten - in den 20 Jahren mit Patentschutz lukrieren die Konzerne weit mehr als sie ausgegeben haben, - man braucht sich also um die satten Gewinne dieser Firmen keinerlei Sorgen machen

Abgesehen von diesem Patentstreit, hat-

ich glaube es war das selbe Pharmaunternehmen versucht, die Inhaltsstoffe des indischen Neem Baumes zu patentieren. Dieser Streit wurde von der Pharmafirma ebenfalls verloren.

Naturheilmittel, welche schon teilweise Jahrtausende bekannt sind, sollten von einer Patentierung ausgenommen werden, da sie sonst der Allgemeinheit nicht mehr zugänglich wären, sondern nur mehr als teures Medikament. Meistens mit erheblichen (laut Beipackzettel) Nebenwirkungen, da synthetisch hergestellt, im Vergleich zu den oft vollkommen nebenwirkungsfreien natürlichen Pflanzenauszügen. Zusätzlich wird die Allgemeinheit mit teuren Medikamentenkosten belasted!

Die meisten Pharmakonzerne versuchen mit erheblichen Mitteln und mit einem gewaltigen Lobbyingaufwand bei internationalen Organisationen, in der EU und bei nationalen Behörden, sämtliches Inverkehrbringen von hochwirsamen natürlichen Heilmitteln zu unterbinden. Und dagegen sollten Alle, durch Aufzeigen dieser Versuche, vermehrt mobil machen.

. . . der Patentschutz ist weder im Interesse des Fortschrittes, noch dem der Konsumenten.


lösung:

für den wirkstoff in seiner bisherigen form soll der schutz entsprechend gültigem patentrecht enden, die kristalline form ist eine innovation und soll entsprechend geschützt werden.

Die Entwicklung

eines neuen Medikamentes kostet heutzutage hunderte (!) Millionen Euro bis dieses nach Jahren (mind. 5 eher 10 und mehr) auf den Markt kommt. Hintergrund: die hohen Aufflagen durch die Arzneibehörden und die daraus resultiereden enormen Kosten für die ganzen Studien.

Um Arnzeimittel billiger zu machen muss man dieses Regelwerk und diese Auflagen vereinfachen, das geht aber auf Kosten der Sicherheit. Billig und sicher geht eben wie so oft nicht in einem ...

Andere Sichtweise ...


Re: Andere Sichtweise ...

... also wenn man ein bisschen Philosophie in die Diskussion einbringen darf:

Novartis und Co sind unsere "Heiler des 21 Jahrhunderts". Hier bei uns im "vollen" zu sitzen und am PC zu urteilen, dass ein krebskrankes Kind in einem fremden Land, wegen "Geld" kein Medikament bekommt, ist nicht gerade Ausdruck der Verantwortung, die wir hier im Westen haben.
Warum nicht die Kräfte sammeln, Forschung und Entwicklung von Medikamenten in die Hände vieler Länder geben, die "gemeinsam Gutes tun" zum Wohle aller an einem Strang ziehen? Dabei sollten Wissenschaftler und Forscher für ihre Arbeit durchaus die kapitalistischen Anreize genießen dürfen.

Re: Re: Andere Sichtweise ...

Das Krebskranke kind das wegen zu wenig geld kein Medikament bekommt kann sich Gluecklich schaetzen,denn Ohne wird sie eher Gesund!!
Und den Pharma Riesen geht es nur um Profit und um sonst nichts, oder glauben sie im ernst das die wollen das die Menschen gesund werden,ganz im gegenteil!!

NUR_SO falsche Sichtweise !!

Gerade im Kindesalter sind die bösartigen Tumoren heute dank der modernen Pharmatherapie in früher undenkbar hohem Prozentsatz heilbar !!!

Re: Re: Re: Andere Sichtweise ...

Bezüglich Pharma Riesen:
Genau das wollte ich mit meinen Posting zum Ausdruck bringen. Weg von Konzernen hin zu einer gemeinsamen Anstrengung gegen Krankheiten vorzugehen. Dabei sollten aber die wesentlichen Akteure auch etwas dabei verdienen.

Bezüglich alternativer Behandlungsmethoden bei Krebs:
Ja die gibt es und es gibt auch Erfolge. Dann wissen sie sicher auch was eine ernsthafte Behandlung in diesem Bereich u.a. bedeutet:
Vollständige Umstellung der Ernährung.
Vollständige Umstellung bisheriger Lebensgewohnheiten.
Vollständige Änderung der Einstellung zum Leben und seinen Gedanken.
Ruhe Gelassenheit und ein positives Umfeld
usw.
... und das alles unter Aufsicht von Experten!!!! und nicht Esoterikern!!!!!.
Viel Spaß dabei in sogenannten armen Ländern.


Re: Re: Re: Andere Sichtweise ...

verzeihen sie aber so einen blödsinn hört man ja selten....

Re: Re: Re: Re: Andere Sichtweise ...

... wenn sie ein krebskrankes Kind haben und sich die Medikamente nicht leisten können, weil es einem Konzern nicht passt? Ist das auch Blödsinn? Verzeihen sie bitte aber Humanismus scheint ihnen völlig fremd zu sein, abgesehen von sozialer Intelligenz.

Bravo, indische Richter!

Novartis, die tun mir jetzt echt leid! Bitte gebt mir eure Spendenkontonummer!

...Heilung für ALLE...

...Medikamente die Krebs oder Aids "heilen" sollten frei vom Patentrecht sein...

Re: ...Heilung für ALLE...

@retribution2013

mit der konsequenz, daß es diese medikamente dann schlicht nicht mehr gibt oder glaubst du eine firma entwickelt ein medikament um mehrere 100 millionen dollar umsonst?

Re: ...Heilung für ALLE...

und wer finanziert es???

pharmafirmen brauchen patente um zu überleben!

es ist sündteuer, extremst risikoreich und dauert jahre um ein medikament auf den markt zu bringen!

da braucht man top leute, die man sehr gut bezahlen muss, und zig studien um die (neben)wikrung des medikamentes abschätzen zu können, damit das scheinbare wunderheilmittel sich nicht als tödliches gift entpupt!

all das kostet unsummen, die die pharmafirmen irgendwie wieder verdienen müssen, damit sie weitere medikamente zur verbesserung der lebenserwartung und ebensqualität produzieren können.

das dumme argument das bei diesen angelegenheiten immer gebracht wird "das medikament kost eh nix in der herstellung, die bösen pharmafirmen sollen also nicht so viel verlangen" ist schlichtweg dumm.

es stimmt zwar, dass so eine tablette, ist sie mal zugelassen und in massenproduktion kaum etwas kostet, aber bis es mal soweit ist müssen die firmen heutzutage milliarden investieren und risikieren!

das ist sicherlich ein schwacher trost für einen indischen leukämiekranken, der von wenigen euros am tag leben muss, aber leider gottes wachsen krebsmedikamente nun mal nicht auf bäumen!

Re: pharmafirmen brauchen patente um zu überleben!

Die Preisgestaltung der Medikamente ist so ausgelegt dass nach Ablauf der Patentfrist die Entwicklungskosten mehrfach verdient wurden. Und falls sie es nicht geschafft habe sollten, haben sie kaufmännisch versagt! Glaub ich aber nicht ;-)

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Re: pharmafirmen brauchen patente um zu überleben!

20 Jahre Monopolstellung sollten aber eigentlich mehr als ausreichen um Gewinne in Milliardenhöhe zu generieren. Entwicklungskosten und Verzinsung eingerechnet.

Re: Re: pharmafirmen brauchen patente um zu überleben!

/e Wie unten schon geschrieben: Die Anrechnung des Zeitrumes von Patentanmeldung zur tatsächlichen Markteinführung (bis zu 1-3 Jahren) wäre vermutlich zweckdienlich.

Zynismus

Die Frede der Generikafirmen ist purer Zynismus. Dieses Urteil wird für die Patienten noch sehr teuer werden. Wenn ich eine Pharmafirma hätte, die schutzlos jedes Produkt einerindischen Nachahmerfirma überlassen muss, die nebenbei in industrialisierten Länder damit noch ordentlich absahnt, würde ich mir die Erfindung neuer und innovativer Produkte sehr genau überlegen. Wofür viel Geld investieren, wenn wer anderer die Lorbeeren dafür erntet?
Hier wird wieder einmal die Moralkeule geschwungen. Andere Branchen haben ihren Patentschutz und keiner will daran rütteln!

Re: Zynismus

Sie haben aber auch verstanden dass durch das 'evergreening' ziemlich einfach eine cashcow draus wird?

Re: Zynismus

Hier geht es darum, dass einem Pharmakonzern einfach nicht erlaubt wird, in Indien ein Patent anzumelden.

Novartis wird nicht dazu gezwungen jemandem irgend etwas zu überlassen - mehr nicht.

Ps.: Wenn du dich nur ein wenig mit dem Patentrecht beschäftigst (und da reicht wirklich vorerst nur laienhaft und oberflächlich) wirst du erkennen, dass sich große Firmen/Konzerne Verschiedenstes patentieren lassen, wobei die Formulierung bewusst extrem schwammig ausfällt, um jegliche Konkurrenz von vorne herein unterbinden zu können. Apple hat sich z.B. die "runden Gehäuse-Ecken" patentieren lassen, wobei ich solche Entwicklungen bedenklich finde.

Re: Re: Zynismus

Wenn du dich ein wenig mit der Generika-Thematik befsst hättest, wüsstest du, dass hier die eine Seite forscht und entwickelt und die andere Seite einfach nimmt, was wer anderer erforscht hat. Und das hat nichts mit "runden Ecken" zu tun!!

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Re: Re: Re: Zynismus

Die eine Seite forscht, verdient sich 20 Jahre lang dann eine goldene Nase und dann kommen andere Firmen und holen sich weiter Kohle in dem sie das Präparat günstiger verkaufen, weil sie nicht mehr forschen müssen.

Wo liegt das Problem, wenn dadurch Millionen von Menschen an Medikamente ran kommen, die sie sich sonst nie leisten könnten?

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Re: Re: Re: Re: Zynismus

Das Problem liegt darin, daß Firmen auch Geld verdienen müssen um Forschen-, Infrastruktur und entspechendes Personal erhalten zu können. Das ist das große Problem der

aller GenossInen. Sie wollen und können nicht verstehen das man Geld das man ausgibt zuerst verdienen muss.

 
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