Deutschland: Totale Flaute bei Windkraft vom Meer

Offshore-Windparks galten als Prestigeprojekt der Energiewende. Doch hohe Kosten und Risken schrecken Investoren ab. Dafür boomen günstigere Windräder an Land.

Flaute Windkraft Meer
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Flaute Windkraft Meer
Windkraft Meer – (C) Matthias Auer/ DiePresse

Berlin. Riesige Rotoren auf offener See, in den Meeresboden gerammte Stahlfundamente: So wurden Offshore-Windparks zum Symbol der deutschen Energiewende. Viel schien für den sauberen Strom von der Nordsee zu sprechen: Der Wind weht dort stärker und konstanter als auf dem Land, er lastet die Anlagen die Hälfte statt nur ein Drittel der Zeit aus. Die Kosten sind zwar hoch, aber der Fortschritt ist ja nicht aufzuhalten. Netzanbindung, Wartung, Finanzierung? Das kriegen wir schon hin, hieß es in der ersten Euphorie. Sie ist einer allgemeinen Ernüchterung gewichen.

Die Kraftwerke im Meer könnten sich zu einem schlimmen Strompreistreiber entwickeln. Immer mehr Experten und Politiker wenden sich daher von ihnen ab. Letzter Tiefschlag: Der Bundesverband der Verbraucherzentralen nennt sie in einer aktuellen Analyse einen „ökonomischen und technologischen Irrläufer“ und fordert die Politik auf, neue Projekte zu stoppen. Dabei setzen Länder wie Großbritannien, Dänemark oder China mit einigem Erfolg auf maritime Windräder. Das Problem in Deutschland: Die Anlagen in der Nordsee müssen bis zu 100 Kilometer vom Festland entfernt gebaut werden. Wegen der vorgelagerten friesischen Inseln und des seichten Wattenmeeres, aber auch wegen strengerer Auflagen: Die Windräder dürfen vom Festland aus nicht sichtbar sein. Also müssen sie in etwa 40 Meter Tiefe verankert werden, was die Baukosten erheblich erhöht. Auch die Wartung erweist sich als aufwendiger als erwartet. Es fehlen Umspannstationen, Spezialschiffe für den Transport und Fachkräfte, die sich bei all dem auskennen.

Ein einziges Testfeld, Alpha Ventus in der Deutschen Bucht, ist seit Ende 2009 voll in Betrieb. Sechs weitere Parks sind im Bau, zwei davon liefern schon teilweise Strom. Das ergibt erst zwei Prozent der zehn Gigawatt, die sich die Regierung als Etappenziel für 2020 gesetzt hat. Nur etwa sechs Gigawatt dürften es werden. Bis Ende 2015 stellt man dazu fast 800 Windräder in Nord- und Ostsee. Ab dann aber herrscht totale Flaute. Weitere Projekte müssten längst unter Dach und Fach sein. Doch dafür fehlen die Investoren.

Sie wurden auch durch den langen Streit um den Netzanschluss verschreckt. Der Netzbetreiber Tennet soll die Kabel ans Festland verlegen, ist aber knapp bei Kasse und fürchtet Haftungsansprüche, wenn es zu Pannen kommt. Erst vor Kurzem einigte sich das holländische Staatsunternehmen mit Berlin. Nun müssen die Verbraucher mit einer „Offshore-Umlage“ die Risken tragen. Unklar bleibt hingegen, wie stark eine geplante „Strompreisbremse“ die Rendite neuer Projekte drücken wird. Für die Banken, die zu 70Prozent finanzieren müssten, ist das Fazit aus all dem klar: Sie lassen die Finger davon.

 

Mehr Fortschritt auf dem Festland

So steigt die Nervosität in den norddeutschen Hafenstädten. Mit viel Geld haben sie Häfen und Werften ausgebaut, die neue Energiequelle sollte ihren Wirtschaftsmotor antreiben. Erstaunlich gelassen reagieren hingegen die Windkraft-Lobbyisten auf die gekippte Stimmung. Denn derweil sprießen die Windräder auf dem Land wie überdimensionale Pilze aus dem Boden. Trotz hunderter Bürgerinitiativen boomt die „Onshore“-Windkraft, weit stärker als ursprünglich erwartet. Mit der Praxis geht der Fortschritt einher: Die Anlagen werden günstiger und effizienter, nützen auch schon eine sanftere Brise. Zwar sind die besten Plätze vergeben, aber nun wird der Wald als Standort entdeckt. Entsprechend höhere Windräder bringen dort mehr Leistung und sind optisch weniger störend.

Das größere Einsparungspotenzial bei Offshore erarbeiten sich inzwischen andere Länder. Darin kann für Deutschland eine schlaue Strategie liegen, meint die SPD. Auch das Fraunhofer-Institut und der Thinktank Agora Energiewende rechnen vor: Wenn man den Offshore-Ausbau zehn Jahre lang auf Eis legt und dann auf die gereifte Technologie zurückgreift, könnte man jährlich zwei Milliarden Euro sparen. So fänden sich die Deutschen in einer ungewohnten Rolle wieder: als Trittbrettfahrer der globalen Energiewende.

Auf einen Blick

Die Offshore-Windenergie hat in Deutschland viel an Kredit eingebüßt. Weil die Windräder im Meer langsamer und in geringerer Zahl gebaut werden als geplant, fehlt es an Erfahrung. Die Technologie bleibt teuer. Auch bei der Netzanbindung gibt es Probleme. Im Gegenzug boomen Windparks auf dem Land, die günstiger und effizienter werden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.04.2013)

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