Taghizadegan: "Je mehr Ökonomen, desto schlechter"

Die "Experimente der Volkswirte" hätten unglaublichen Schaden angerichtet, sagt Philosoph Rahim Taghizadegan. Die Krise sei erst vorbei, wenn die Menschen erkennen, dass sie nicht so wohlhabend sind, wie sie glauben.

Rahim Taghizadegan mehr oekonomen
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Rahim Taghizadegan mehr oekonomen
Rahim Taghizadegan mehr oekonomen – (c) Fabry

Wir sind im Jahr fünf der Krise. Ein klarer Weg hinaus ist nicht in Sicht. Wie kann es sein, dass sich die Ökonomen nach hunderten Jahren Streiterei noch nicht einig sind?

Rahim Taghizadegan: Die Ökonomie ist von Ideologie durchdrungen. Gleichzeitig hat sie die fundamentalsten Auswirkungen auf Einkommen und Strukturen in der Gesellschaft. Entsprechend groß sind die Interessen. Einer der größten Irrwege der vergangenen 100 Jahre ist aber der Eifer der Ökonomen, die Prognosefähigkeit der Naturwissenschaften zu erreichen. Dieser Versuch muss scheitern.

 

Gibt es in Ihren Augen die eine Ökonomie?

Jede Wissenschaft sucht nach absoluter Gewissheit. Aber der Mensch ist ein zu vielschichtiges Wesen, als dass die Ökonomie ihn fassen könnte. Ich zweifle daran, dass es jemals vollkommene Gewissheit geben wird. Die Philosophen haben in tausenden Jahren keinen Konsens gefunden.

Politiker fordern aber diese scheinbar harten Zahlen, um ihre Argumente zu untermauern.

Der österreichische Ökonom Joseph Schumpeter sagte als Erster ganz klar: Wenn man von Politikern gehört werden will, muss man Zahlen anbieten. Das ist ein Ergebnis des Erfolges der Ingenieurwissenschaften. Es ist aber unmöglich, weil es sich um den Menschen handelt. Der ist nie nur Objekt, sondern immer auch Subjekt, ist lernfähig, kann Entscheidungen treffen. Es gibt keine Konstanten im menschlichen Handeln. Genau darauf beruht aber jede naturwissenschaftliche Formel. Ökonomen versuchen, menschliche Konstanten zu finden. Aber das hieße, dass bei bestimmtem Input immer derselbe Output da ist. Das gibt es nicht, menschliches Handeln ist voll von Paradoxa.

 

Können wir die volkswirtschaftlichen Institute an den Unis also getrost schließen?

Grundsätzlich soll jeder forschen, wie er will. Man sollte aber bedenken, dass die größte Zahl an Ökonomen, die je im Dienst waren, in der Sowjetunion gedient haben. Nicht, weil sie so ökonomisch gewesen wäre, sondern weil man damals am stärksten der Illusion erlegen ist, dass menschliches Handeln errechenbar und steuerbar wäre. Je mehr Ökonomen, desto schlechter für eine Gesellschaft, desto stärker die Illusion der Kontrollfähigkeit. Die Ökonomie war immer nur Hilfswissenschaft. Im Grunde ging es in der alten oikonomia darum, einen Haushalt gut zu führen.

 

Die Realität der letzten Zeit zeigt das Gegenteil. Die Bedeutung der Ökonomie steigt.

Das ist verblüffend, ja. Direkt nach dem Ausbruch der Krise wurde die Volkswirtschaft infrage gestellt. Aber das Gedächtnis ist kurz. Heute liefern die Experten, die 2007 von der Krise komplett überrascht waren, im Nachhinein anmaßende Interpretationen.

 

Gibt es Alternativen?

Es liegt an der Politik, was sie nachfragt. Wenn sie sich hinter Experten verstecken will, dann ist es klar, dass Ökonomen falsche Klarheit liefern. Ich habe nicht viel Vertrauen in Schulvolkswirte. Das sind Pseudoexperten, die sich parasitär an die Naturwissenschaften angehängt haben. Mit allen großen Experimenten haben Ökonomen unglaublichen Schaden angerichtet.

 

Welche meinen Sie?

Am augenscheinlichsten ist der Sozialismus, der ja aus einer ökonomischen Theorie entstanden ist. Aber auch der Merkantilismus war ein ökonomisches Experiment. Erstmals galten Ökonomen dem Staat als nützliche Bedienstete, um den Wohlstand der Nationen zu mehren. Und was ist passiert? Um an Edelmetalle zu kommen, wurde der Kolonialismus legitimiert. Alle Krisen sind Folgen ökonomischer Experimente.

Welches hat uns die heutige Krise beschert?

Die Weiterführung einer Idee aus dem 19. Jahrhundert, nach der Wirtschaftswachstum durch Kredit und Konsum zu befeuern ist. Damals war man der Auffassung, dass freier Zugang zu Krediten eine unglaubliche Wohlstandsexplosion nach sich ziehen würde. Verblüffend ist aber, dass der sogenannte kleine Mann nur wenig Kredite nachfragt, um Industrien aufzubauen, sondern, um zu konsumieren. Das ist keine langfristige Wertschöpfung, sondern ein Aufzehren von Kapital.

 

Die Episode aus dem 19. Jahrhundert klingt stark nach dem Anfang des 21. Jahrhunderts.

Ja, weil in der Geschichte vieles wiederkehrt. Aber damals war das eine Volksverbesserungsbewegung mit moralischem Anspruch. Heute ist ein Kredit meist negativ behaftet. Die Vorstellung, dass daraus fantastischer Wohlstand entsteht, gibt es nicht mehr. Aber im Lauf der Zeit haben sich so viele Interessen daran gehängt, dass es fast unmöglich wurde, das zu revidieren.

 

Halten Sie Kredit per se für schädlich?

Nein. Aber es ist ein Instrument, vor dem in der Geschichte stets gewarnt wird. Man hatte immer Angst vor der Dynamik, der Schuldenspirale. Es kann sein, dass hier eine menschliche Schwäche angesprochen wird.

 

Der sind offenbar auch Institutionen erlegen. Viele Staaten hängen tief in der Schuldenspirale, vor der immer gewarnt wurde.

Die einzige Institution, die sogar Zinsen mit neuen Schulden bezahlt, ist der Staat. Ein Privater könnte den Zinseszinseffekt nie durchhalten. Das kann nur jemand, der außerhalb der Rechtsordnung steht. Eigentlich müssten fast alle Staaten wegen Konkursverschleppung angezeigt werden.

Auf der anderen Seite hat der heutige Kapitalismus eine Welt geschaffen, in der Menschen im Schnitt so reich sind wie nie zuvor.

Nein, wir leben sicher nicht in der besten aller Welten. Entscheidender als der Wohlstand pro Kopf ist die Perspektive der Menschen. Und die war schon besser. Aber auch der reale Wohlstand war schon größer. Ich rede jetzt nicht von den Zahlen der Volkswirte, sondern von greifbaren Dingen. Was brauche ich zum Leben? Wie lange muss ich dafür arbeiten? Wie realistisch ist es, sich irgendetwas ohne Bank und Eltern aufzubauen? Da erleben wir seit geraumer Zeit ein Sinken des realen Wohlstands.

 

Wenn wir den Zahlen der Ökonomen keinen Glauben schenken. Ist es das, woran wir erst erkennen, dass wir in der Krise sind?

Die Krise erkennt man meist erst in der Korrektur. Wenn das Auseinanderdriften zwischen Realität und Fantasie zurückgeht. Wenn klar wird, dass wir uns verschätzt haben. Erst wenn das Haus statt erhoffter 100.000 Euro nur noch um 20.000 verkauft werden kann, ist die Krise in der Geldbörse angekommen.

 

Steht uns diese Erkenntnis noch bevor?

Ja.

 

Und wie könnte die aussehen?

Es ist ein Erodieren oder ein Einbrechen der Wohlstandsillusion. Dinge, die als selbstverständlich galten, bröckeln plötzlich weg. Das können etwa staatliche Leistungen sein. Aber auch die scheinbare Sicherheit eines Bankkontos, wie wir in Zypern gesehen haben.

 

Wenn wir nicht in der besten aller Welten sind, was würde uns dort hinbringen?

Ein Problem ist die Sorge, dass man selbst nichts verändern kann. Eine bessere Welt wäre eine, die weniger Platz für die Neurose bietet, ein ohnmächtiger Getriebener zu sein.

Wo orten Sie die Gründe für diese Neurose?

Die künstliche Ausweitung der Kredite hat ein Ausmaß erreicht, das – neben dem Effekt der Weltkriege und der Entwertungen – zur Auslöschung des Mittelstandes und einer historisch niedrigen Selbstständigenquote führt. Die meisten Menschen arbeiten in großen Einheiten oder leben, ohne es zu ahnen, komplett von staatlichen Transfers. Sie haben keinen Kontakt zu Kunden, kommen wegen des Geldes in die Arbeit und verstehen nicht mehr, was sie dort tun. Politisch ist der Grund die fortschreitende Entmündigung der Bürger, die so weit führt, dass man so lang Abstimmungen macht, bis sie „richtig“ ausfallen.

 

Wie lässt sich das ändern?

Die Krise ist eine Chance für kleinere Einheiten, für mehr Selbstständigkeit, Unternehmen, die den Menschen, die daran beteiligt sind, mehr Sinn geben. Das kann Neurosen mindern. Man darf die Reduktion der Arbeitsteilung wegen sinkenden Wohlstands nicht romantisieren. Aber es stimmt natürlich: Wenn die Dinge knapp werden, lerne ich sie mehr zu schätzen. Das ist ein Trost in der Verarmung.

 

Woran werden wir denn merken, dass wir aus der Krise wieder draußen sind?

Etwa dann, wenn der reale Zinssatz den Präferenzen der Menschen entsprechen würde. Dafür müsste man einen typischen Amerikaner fragen, wie viel man ihm bieten müsste, damit er sich das Plasma-TV nicht jetzt, sondern erst in einem Jahr kauft. Da kämen wir wohl auf relativ hohe Zinssätze. Die Krise ist erst dann vorbei, wenn wieder reales Kapital aufgebaut werden kann.

 

Verschleppen wir die Krise? Manipulieren die Zentralbanken die Zinssätze?

Natürlich wird die Krise verschleppt. Bloß mit Manipulation kann man das aber nicht erklären. Zentralbanken sind ein Teil des Systems, weil sie nachgefragt werden und – bei unveränderten Illusionen – immer immer wieder so entstehen würden. Man kann das Wirrwarr, in dem wir leben, leider nicht auf Schlagzeilenniveau auflösen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.04.2013)

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