Schiefergas: Bonanza, Bier und Blase

Während Europas Industrie den amerikanischen Schiefergas-Boom am liebsten kopieren würde, warnen in den USA immer mehr Kritiker vor einem jähen Ende der Euphorie.

Schon nach fünf Monaten gibt das Schiefergestein nur noch halb so viel Öl und Gas frei wie am ersten Tag.
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Schon nach fünf Monaten gibt das Schiefergestein nur noch halb so viel Öl und Gas frei wie am ersten Tag.
Schiefergas: Bonanza, Bier und Blase – (c) REUTERS (LUCY NICHOLSON)

Wien. In der vergangenen Woche holten die Bierbrauer zum Todesstoß gegen Schiefergas in Europa aus. Der deutsche Brau-Verband kritisierte die umstrittene Förderung von Erdgas aus schwer zugänglichem Gestein („Fracking“) scharf. Das Trinkwasser und damit das Reinheitsgebot seien in Gefahr.

Emotional dürfte das Thema damit in weiten Teilen der Bevölkerung entschieden sein. Dennoch kämpft Europas Industrie darum, den amerikanischen Energie-Boom kopieren zu dürfen, der die Gaspreise in den USA in den Keller purzeln ließ. Während sich die EU gesprächsbereit zeigt, mehren sich aber just in Amerika Stimmen, die vor einem jähen Ende der US-Euphorie warnen.

Dabei ist es kaum sechs Monate her, da feierte sich Amerika – dank der Vorkommen im Schiefergestein – noch als neue Energiegroßmacht. Tatsächlich förderten die USA seit dem Jahr 2008 so viel Erdöl und Erdgas zusätzlich wie das OPEC-Land Nigeria in Summe aus dem Boden holt. Aber zu welchem Preis?

Boom dank Wall Street?

Nur selten gehen die Emotionen so hoch wie beim Thema Schiefergas. Umweltlobbys, Beraterfirmen und Ölkonzerne werfen mit einer Unzahl an Studien um sich. Je nachdem, wer sie bezahlt, handeln sie vom ewigen Billiggas-Dorado, dem Ende der Welt oder von Wall-Street-Banken, die den Boom künstlich anheizen, um nach der Finanzkrise noch etwas zu tun zu haben.

„Hier spielen viele Interessen zusammen“, erklärt Ölanalyst Johannes Benigni, bekannt für seinen nüchternen Blick auf die Fakten. „Da ist man rasch in einer Massenpsychose.“ Aber auch Benigni ist „schon lange skeptisch“, wenn es um die Zukunft des amerikanischen Energie-Booms geht.

Ein Grund dafür: Die Lagerstätten erschöpfen sich viel schneller als zunächst angenommen. „Schon nach fünf Monaten fördert man nur noch die Hälfte der Produktion des ersten Tages. Nach zwei Jahren ist man unter einem Fünftel“, sagt er zur „Presse“. Damit schließt sich das Fenster, in dem Förderfirmen Geld verdienen können, sehr schnell. Denn Öl und Gas aus Schiefgestein zu holen ist nicht gerade billig. Schätzungen zufolge liegen die durchschnittlichen Kosten beim Doppelten dessen, was die Firmen mit dem Verkauf der Rohstoffe einnehmen können. Rentabel ist das – abseits der besten Plätze – daher nicht.

Warum Schiefergas in den USA dennoch zum Boom wurde, hat mehrere Gründe: Besitzt ein Amerikaner Grund und Boden, gehören ihm auch alle Rohstoffe, die er darauf findet. Findet hingegen ein Österreicher Erdöl im Garten, darf er es an die Republik abführen. Das Interesse, das Land auszubeuten, ist in den USA daher viel größer. Dazu kamen hohe Öl- und Gaspreise bis 2007, die auch unkonventionelle Förderungen rentabel machten, und eine Lockerung der US-Umweltgesetze. Seit 2010 sind auch die US-Energiekonzerne Feuer und Flamme. Sie durften fortan auch Lagerstätten in Ölsanden, in der Tiefsee und im Schiefergestein in die Bücher aufnehmen – und blasen seither damit ihre Bilanzen kräftig auf.

Billige Energie mit Ablaufdatum

Es wäre aber unfair, die Segnungen des amerikanischen Schiefergas-Booms zu verschweigen: Die USA profitieren stark von den gesunkenen Energiepreisen. Erdgas kostet in Europa etwa dreimal so viel wie in den USA. Die günstige Energie führt unter anderem dazu, dass Branchen wie die Petrochemie aus Asien nach Amerika zurückkehren und dort immerhin für einen leichten Aufschwung sorgen.

Die Förderunternehmen selbst haben davon aber nichts. Sie kommen angesichts niedriger Energiepreise zunehmend in Bedrängnis. Barack Obamas Traum von „hundert Jahren Erdgas“ scheint nicht Realität zu werden. Zwar bergen manche Förderstätten in North Dakota oder Texas gewaltige Rohstoffvorkommen, doch abseits dessen wird kaum ein Feld den Erwartungen der Investoren gerecht. Schon vor eineinhalb Jahren kritisierten Analysten die Milliardensummen, die Energiekonzerne in teils ungetestete Felder investiert hatten.

Der französische Multi Total gab damals etwa 2,3 Mrd. Dollar für einen 25-Prozent-Anteil am Utica-Feld in Ohio aus. Bis zu 5,5 Milliarden Fass Öl versprachen Geologen den Franzosen damals. Mittlerweile ist ihr Schiefergastraum wohl geplatzt. Im Vorjahr lieferte Utica gerade einmal 700.000 Fass Erdöl. Zum Abtransport hätte ein einziger kleiner Öltanker gereicht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.05.2013)

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