Eike Batista: Der Milliardär mit den leeren Taschen

Der brasilianische Tycoon Eike Batista hat fast sein gesamtes Vermögen verloren. Der tiefe Fall eines Superreichen, der den ungebremsten Hunger der Welt nach Rohstoffen nützen wollte.

Eike Batista Milliardaer leeren
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Eike Batista – (c) REUTERS (RICARDO MORAES)

Wer ansehen will, wie es um Eike Batistas Imperium bestellt ist, der sollte von Rio de Janeiro aus 300 Kilometer die Küste hinauffahren, in den Norden des Bundesstaates Rio de Janeiro. Hinter dem Fischerdorf São João da Barra ragt ein drei Kilometer langer Betonpier in den Atlantik. Dahinter an Land eine gigantische Sandfläche, in die ein riesiges Baggerschiff 13 Kilometer lange Furchen gefressen hat. Das sollen einmal Docks werden, wenn der Superporto de Açu tatsächlich einmal fertig würde. 40 Milliarden Dollar sollten hier vergraben werden, um den Öl- und Gashafen sollte für die größten Supertanker der Welt eine neue Stadt entstehen, auf einer Fläche, so groß wie die der Stadt Linz. Doch noch ist von dem Megaprojekt nicht viel mehr zu erkennen als viel Sand, umgeben von Sumpf.

Niemand weiß, ob der Hafen, den Brasilien tatsächlich dringend brauchen würde, jemals fertig wird. Denn sein Bauherr erlebt gerade einen der dramatischsten Abstürze, die Brasiliens Wirtschaftsgeschichte jemals erlebt hat. Eike Batista, der Direktor der Holding EBX, war 2011 noch der achtreichste Mensch der Welt – und hat binnen eines Jahres 95 Prozent dieser Reichtümer verloren. Von 34,5 Milliarden Dollar schrumpfte sein Vermögen auf zuletzt 2,9 Milliarden. Der 56-jährige Sohn eines Brasilianers und einer Deutschen war die extremste Verkörperung des brasilianischen Rauschs bis 2010. Und er ist das erschreckendste Beispiel für den Kater danach.

Der Wachstumsmotor Brasiliens, der am Ende des vergangenen Jahrzehnts so vielversprechend brummte, stottert seit 2011. Die Inflation liegt mit 6,5 Prozent weit jenseits des Planziels der Regierung von Dilma Rousseff (4,5Prozent). Der Aktienmarkt lässt nach, seit Jahresanfang verzeichnet der Bovespa-Index einen Rückgang von etwa 23 Prozent, und die Ratingagentur Standard & Poor's stufte im Juni ihre langfristige Prognose auf negativ herab. Zu müde das Wachstum, zu unsicher die Staatsfinanzen.

Im Juni, als US-Notenbankchef Ben Bernanke ankündigte, ab kommendem Jahr auf weitere Finanzspritzen für die sich erholende US-Wirtschaft zu verzichten, brachen in Brasiliens wichtigsten Städten Straßenproteste aus. Auf einmal war das Land der Zukunft wieder mit den Übeln der Vergangenheit in den Schlagzeilen: Ineffizienz, Bürokratie und Korruption. Beide Nachrichten waren für viele internationale Anleger ein Fanal. Und für Eike Bastista eine Katastrophe.

Ein Gesamtkunstwerk voller Öl. Denn dessen Geschäftsmodell basierte auf drei Säulen: den vagabundieren Dollars aus der US-Notenpresse, dem Rohstoffhunger Chinas und Indiens und vor allem den mannigfaltigen Möglichkeiten Brasiliens – den üppigen Bodenschätzen, florierendem Inlandsmarkt, dem Aufholbedarf bei der Infrastruktur. Eike Batista wollte mit den vielen Fed-Dollars Brasiliens Rohstoffe fördern, veredeln, transportieren und in die aufstrebenden Industriestaaten Asiens exportieren. Alle Unternehmensteile sollten einander zuarbeiten. Batista, der fünf Sprachen fließend spricht, überzeugte seine Geldgeber mit einem Gesamtkunstwerk voller Öl, Gas, Bohrinseln, Supertankern, Tiefwasserhäfen. Doch nun, da der Dollarstrom nach Brasilien ebenso nachlässt wie die Einfuhren Chinas, knicken der Holding EBX die zwei externen Fundamente weg. Schlimmer ist, dass das interne schon vor einem Jahr einstürzte.

Am 26. Juni 2012 fiel der Kurs der OGX-Aktie um 26,08 Prozent und riss den ganzen Bovespa-Index nach unten. Die Papiere der Öl- und Gasgesellschaft hatten bis dahin drei Viertel des Wertes von Batistas Imperium ausgemacht. Am Abend vor dem Absturz musste Batista eingestehen, dass die von OGX ausgebeuteten Ölfelder vor der Küste des Bundesstaates Rio de Janeiro nur ein Drittel jener Ölmenge produzierten, die angekündigt worden war. „Batista hat den Wind gebündelt und teuer verkauft“, schrieb die Wirtschaftshistorikerin Miriam Leitão in der Zeitung „O Globo“. „Diese Euphorie täuschte viele Menschen.“

Batista galt als der beste Verkäufer des brasilianischen Booms. Der Mann, der schon als Jugendlicher an deutschen Haustüren Versicherungspolizen angepriesen hatte, brachte es tatsächlich fertig, mitten in der Finanzkrise 2008, beim Börsengang von OGX, vier Milliarden Dollar an Investorengeldern aufzutreiben. Zum „Salesman of Brazil“ adelte ihn – damals noch voller Hochachtung – der „Economist“. Die OGX-Aktie stieg und stieg – bis an jenem Dienstag die Talfahrt begann.

Heute hat das OGX-Papier 95 Prozent seines Höchstwerts verloren und auch alle anderen Titel des EBX-Imperiums gingen auf Crash-Kurs. Zuletzt musste Batista einräumen, dass die Förderung auf dem meistbeworbenen Ölfeld Tubarão Azul – blauer Hai – 2014 eingestellt werde. OGX hatte unter dem Druck, möglichst schnell zu produzieren, nicht die gesetzlich notwendigen Genehmigungen eingeholt.

Hohes Risiko begleitete seine Geschäftskarriere seit ihren Anfängen. Batista, geboren in Brasilien, aber aufgewachsen in Brüssel und Düsseldorf, war 21, als er sein Metalltechnikstudium in Aachen schmiss. Er zog in den Amazonas, kaufte Gold, verkaufte es teurer. Er begann die industrielle Goldförderung, ließ zerlegte Bagger in den Urwald fliegen und dort wieder montieren. Mit 23 hatte er sechs Millionen Dollar verdient, die er auch in mehrere Goldminen steckte. Als diese dann funktionierten, verkaufte er sie an einen kanadischen Konzern. Dass Batistas Vater Eliezer Batista der langjährige Direktor des Minengiganten Vale und zwischenzeitlich auch Bergbauminister war, schadete gewiss nicht bei den Geschäften des umtriebigen Goldsuchers, der sein Geschäftsgebaren gern so erklärte: „Ich bin ein trüffelschnuppernder Labrador.“

Bauchfleck mit Geländewagen. Allerdings verzeichnet Batistas Biografie auch Bauchplatscher: Seine Geländewagenmarke nahm nie Fahrt auf, sein Expresspostdienst kam nie an. Das Parfum mit dem Namen seiner Ehefrau Luma de Oliveira verpuffte. Erst verzog sich der Duft, dann die Gefühle zwischen dem Milliardär und dem Model, das fünfmal zwischen 1987 und 2005 das Titelbild des „Playboy“ geziert hatte. Die Scheidung kostete Batista angeblich 250 Millionen Dollar. Im Vorjahr war es der ältere Filius, der Eikes chirurgisch optimiertes Siegerlächeln raubte. An einem Sonntagabend, auf dem Heimweg von einer Fete in den Bergen hinter Rio, raste Thor Batista einen Radler zu Tode. Er saß am Steuer jenes Mercedes-Benz SLR McLaren, den Eike zuvor in seinem Wohnzimmer aufgestellt hatte – als Dekoration. Schließlich schafften es Batistas sündteure Anwälte, dass die Richter den 20-Jährigen nicht ins Gefängnis schickten. Es war einer der skandalösen Urteilssprüche, die viele Brasilianer auf die Straßen trieben.

Die Wut gegen die Mächtigen zielte auch auf Batista. Gerüchte gingen um, seine exzellenten Staatskontakte könnten ihm aus dem Schlamassel helfen, zwei seiner wichtigsten Gläubiger sind die Staatsbanken BNDES und Caixa Econômica Federal – mit 4,6 Milliarden vorgestreckten Dollar. Aber die Regierung realisierte, dass eine Rettung Batistas nicht ins politische Klima passen würde: „Er braucht sie nicht. Er hat Vermögenswerte, die sehr wertvoll sind“, sagte Handels- und Industrieminister Fernando Pimentel.

Batista wird seine Konzerne versilbern müssen. Anfang Juli verließ er den Aufsichtsrat des Energieerzeugers MPX, der nun von einem Manager der deutschen E.On geleitet wird, die seit März 36,2 Prozent an MPX hält. Die Medien spekulieren über einen Verkauf der kolumbianischen Kohlegrubengesellschaft CCX. Und es gibt Berichte über einen geplanten Verkauf des Mineralien- und Metallkonzerns MMX. Angebliche Interessenten: der Schweizer Bergbauriese Glencore Xstrata, die niederländische Trafigura und der brasilianische Stahlkonzern CSN. Die spanische Firma Acciona, die am Superhafen von Açu mitbuddelt, soll angeblich auf 222 Millionen Dollar warten. Batistas Holding dementierte. Die Spanier sagten lieber nichts. Bloß keinen Bankrott provozieren.

 

3. November 1956
Eike Batista wird als eines von sieben Kindern des Geschäftsmannes und Politikers Eliezer Batista und seiner deutschstämmigen Frau Jutta Fuhrken in Governador Valadares, Minas Gerais, geboren.

Ab 1974 beginnt er in Aachen ein Metallurgiestudium, bricht es aber ab.

Mit 23 Jahren gründet er in Brasilien die Goldhandelsfima Autram Aurem, eineinhalb Jahre später hat er sechs Millionen Dollar verdient.

Von 1980 bis 2000 baute er einen unter der EBX-Holding firmierenden Konzern auf, der unter anderem Goldminen, Kraftwerke und Häfen betreibt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.07.2013)

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