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Dubioser Tod eines Kronzeugen aus Österreich

Bild: (c) Reuters (GARY CAMERON) 

Ein Manager sollte als Kronzeuge in Polen aussagen. Dann wurde er tot aufgefunden.

 (Die Presse)

Wien. Andrzej Jagiello habe sich so gefreut, dass die unangenehme Situation im polnischen Kattowitz bald erledigt sei und er in ein paar Tagen wieder zurück bei seiner Familie in der Steiermark wäre, lässt die Familie über ihren Anwalt Tomasz Zurawski auf Anfrage der „Presse“ ausrichten. Zwei Tage Gegenüberstellungen mit 27 Angeklagten in einem großen Korruptionsfall im polnischen Bergbau hatte Jagiello als Kronzeuge am Abend des 26. Februar bereits hinter sich. Zwei Tage an Gegenüberstellungen standen noch bevor. Sie sollten nicht mehr stattfinden. Am 27. Februar wurde Jagiello tot in seinem Zimmer im Hotel Kubus in Kattowitz gefunden. Ob es sich um Selbstmord oder Mord handelt, ist offen. Der Leichnam wird nicht freigegeben. Es wird kriminaltechnisch ermittelt. Für die Familie ist Selbstmord ausgeschlossen. „Tausendprozentig Mord“, so der Anwalt. Zwei Drohungen habe Jagiello im Vorjahr erhalten: Im Auftrag Jagiellos und seiner Familie habe er daraufhin bei den polnischen Behörden um Polizeischutz ersucht. Der Staatsanwalt ist der Bitte nicht nachgekommen.

 

Mächtige Männer

Einmal abgesehen von der Tatsache, dass der gebürtige Pole seit 1986 österreichischer Staatsbürger ist, hat der Fall auch wirtschaftlich einen brisanten Bezug zu Österreich. Bis zum Frühjahr 2012 war Jagiello Manager bei der Tochter des schwedischen Spezialstahlkonzerns Sandvik im steirischen Zeltweg. Seit 1997 gehört das Werk zu Sandvik, zuvor firmierte es unter Voest-Alpine Bergtechnik GmbH. Jagiello war seit den 1980er-Jahren dort tätig und baute das Osteuropa-Geschäft auf. Er wusste viel.

Das wurde offensichtlich, als ein polnischer Minendirektor 2012 zu Korruptionsvorwürfen einvernommen wurde und dabei mehrere westliche Firmen als Involvierte nannte – darunter Jagiello und das Zeltweger Unternehmen. Jagiello, seit 2012 Leiter eines anderen polnischen Industriekonzerns und später Industrieberater, packte offenbar zu vielen Fällen seit den 1990er-Jahren aus und erklärte sich zur Zusammenarbeit mit den Behörden bereit. Polnischen Medienberichten zufolge liegen Beweise für Korruptionszahlungen im Ausmaß von über neun Mio. Euro vor. „Andrzej war bis zuletzt motiviert, alle Aussagen zu tätigen“, lässt die Familie über den Anwalt ausrichten. „Die Angeklagten, denen er gegenüberstand, waren ungemein mächtige Männer im polnischen Bergbau.“

 

Sandvik am Pranger

Für Sandvik ist der Fall äußerst unangenehm. Auf Anfrage streicht Konzernsprecher Pär Altan hervor, dass Jagiello 2012 aus dem Unternehmen ausgeschieden ist. Was eine Verwicklung Sandviks, in deren Auftrag Jagiello ja zuvor unterwegs war, betrifft, so könne man sich zum jetzigen Zeitpunkt nicht näher dazu äußern. „Wir sind uns der polnischen Ermittlungen bewusst und kooperieren voll und ganz mit den polnischen Behörden“, erklärt Altan.

Im Betrieb in Zeltweg selbst war fast ausnahmslos niemand zu einer Stellungnahme bereit. Gerhard Huber, seit 1. März Geschäftsführer, drückte sein tiefes Bedauern über den Tod Jagiellos, mit dem er jahrelang zusammengearbeitet hatte, aus. Über die juristische Frage spreche er nicht, „schon gar nicht am Telefon“. Klaus Sapetschnig, zuvor Chef in Zeltweg und inzwischen an die Spitze der Niederlassung in Leoben versetzt, war telefonisch nicht erreichbar. Sapetschnigs Vorstandskollege Michael Viet befand sich gerade auf dem Flughafen in Australien und wollte am Telefon ad hoc nichts sagen.

Ins Auge springt, dass in Zeltweg seit Beginn der polnischen Ermittlungen intern Umwälzungen stattfanden, kurzzeitig sogar die österreichische Staatsanwaltschaft auf Ersuchen der Polen ermittelte (der konkrete Ermittlungsgegenstand war aber nach Informationen der „Presse“ nach österreichischem Recht verjährt) und eine britische Anwaltskanzlei mit der Durchleuchtung der Mitarbeiter beauftragt wurde. Die oberste Ebene blieb im Amt, Anfang 2013 wurde eine Reihe von Managern der mittleren Ebene entlassen. Dass das im Zusammenhang mit der Korruptionscausa gestanden haben soll, will Konzernsprecher Altan nicht kommentieren: „Für die, die ihn (Jagiello, Anm.) kannten, ist sein Tod natürlich eine Tragödie.“ (est)

AUF EINEN BLICK

Kronzeuge. Im Zuge der Ermittlungen wegen korrupter Machenschaften polnischer Bergbaumanager und westlicher Konzerne erhielt der österreichische Manager Andrzej Jagiello (58) Kronzeugenstatus. Während der viertägigen Gegenüberstellungen mit 27 Angeklagten in Kattowitz wurde Jagiello tot im Hotelzimmer aufgefunden. Ob es sich um Selbstmord oder Mord handelt, wird derzeit ermittelt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.03.2014)

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5 Kommentare

9 Mio. EUR Schmiergelder....

sind eine Menge Geld. Auch über die Zeit verteilt. Das kann das 2013 davongejagte mittlere Management doch nicht alleine verantwortet haben. Ohne OK von der Geschäftsführung geht so etwas nicht. Würde ja sonst jeder Wirtschaftsprüfer sofort entzückt rauspicken. Bei so etwas muss man an einem Strang ziehen. Kein Wunder, dass da niemand mit der Presse sprechen will. Ich bin mir sicher, dass es bei diesem Unternehmen eine Corporate Governance gibt, welche diese Vorgänge eigentlich ausschließen sollte, aber in den im Artikel beschriebenen Fällen sicherlich arg mit Füßen getreten wurde. Foul Play anstatt Fair Play.

die Namen aller Beteiligten

klingen urdeutsch -

womit der Vorgang erklärt ist

Man darf darauf gespannt sein, ob - und wenn, was - sich im Dunstkreis der Hypo-Affäre noch abspielen wird....



Zufälle gibts!

Er ist nicht der Letzte und ist auch nicht der Erste dem derartiges widerfährt. Ein Vorsitzender der ÖIAG, des Verteidugungsministeriums und ein Technik DiplIng der sich beim Joggen selbst pfählte gingen dem voraus.

Ein Schelm wer Böses dabei denkt

Oder gibt es mehr als den berühmten Zufall ?

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