„Spanien hat das Gröbste hinter sich“

Dirk Schumacher, Chefökonom von Goldman Sachs, sieht Spanien am richtigen Weg, sorgt sich um Reformen in Italien und hat Fragen zum österreichischen Bankensektor.

Goldman Sachs sign is seen above floor of the New York Stock Exchange shortly after the opening bell in the Manhattan borough of New York
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Goldman Sachs sign is seen above floor of the New York Stock Exchange shortly after the opening bell in the Manhattan borough of New York
(c) REUTERS

„Die Presse: Als wir vor einem Jahr zusammengesessen sind, haben Sie einen zweiten Schuldenschnitt für Griechenland kommen sehen. Der ist aber bisher ausgeblieben. Warum?

Dirk Schumacher: Das ist natürlich erstmal ein gutes Zeichen, und der griechische Schuldenstand entwickelt sich derzeit nicht explosiv. Gleichzeitig kann man aber noch nicht von Nachhaltigkeit sprechen.

Die Schulden steigen noch immer zu schnell?

Die Annahmen vom Internationalen Währungsfonds und Co. waren vielleicht zu rosig. Damit Griechenland mit seinem Schuldenstand leben kann, könnte langfristig doch ein Schuldenschnitt in der ein oder anderen Form notwendig sein.

Ist die Eurozone als Ganzes inzwischen aus dem Ärgsten raus?

Wir haben signifikante Fortschritte in vielen Ländern gesehen. Aber es gibt ein großes Land, wo wir in Sachen Strukturreform noch nicht viel gesehen haben: Italien. Auf der fiskalischen Seite hat es da unter Mario Monti durchaus Fortschritte gegeben. Er hat es geschafft, den Schuldenstand zu stabilisieren. Aber damit das langfristig nachhaltig bleibt, muss die italienische Wirtschaft flexibler werden. An der Stelle ist aber nicht viel passiert, weil Monti aufgrund seiner Maßnahmen in der Fiskalpolitik sein politisches Kapital verbraucht hat. Als es dann um die Arbeitsmarktreform und Ähnliches ging, hat er nicht mehr viel zustande gebracht.

Die wichtigsten Reformen stehen in Italien also noch an?

Es ist ex ante natürlich schwer zu sagen, was gemacht werden muss. Nehmen Sie die deutschen Hartz-Reformen. Da haben viele – auch wir – gedacht: zu wenig, zu spät. Die haben aber die richtigen Punkte getroffen. Man kann jetzt darüber streiten wie hoch der Anteil der Hartz-Reformen am deutschen Jobwunder ist. Aber sie waren im Nachhinein betrachtet doch sehr wirkungsvoll. Man sieht also: Selbst wenn eine Reform auf den ersten Blick sehr moderat aussieht, kann sie helfen. Aber da ist in Italien noch nicht viel passiert.

 

Und anderswo?

In Spanien war die Arbeitsmarktreform von 2012 auch nicht radikal in dem Sinne, dass der Arbeitsmarkt jetzt dem in den USA gleicht. Aber sie hat Erfolge gebracht und deswegen können wir zuversichtlicher sein, dass Spanien die Anpassungen innerhalb der Eurozone schaffen kann. Spanien hat das Gröbste hinter sich. Auch in Portugal und Irland sieht die Entwicklung ziemlich verheißungsvoll aus.

 

Jetzt kommt eine unerwartete Frage. Wie steht Österreich da?

Viele Investoren fragen sich: Wie sieht es im Bankensektor aus? Das ist das Hauptfragezeichen.

 

Mehr als in anderen Ländern?

In Italien ist das auch so. Auch in Deutschland wird es Banken geben, die Kapitalbedarf haben. Wir gehen auch nicht davon aus, dass in Österreich die Notwendigkeit zur Rekapitalisierung so groß ist, dass irgendjemand die fiskalische Position des Landes in Frage stellt. Paul Krugman hat 2011 gesagt, Österreich sei eigentlich pleite, weil die Probleme im Bankensektor so groß seien. Das ist offensichtlich nicht der Fall. Aber es gibt da schon einen Bedarf nach Kapital – und die Frage, wo es herkommen soll.

 

Was sind die spezifischen Probleme der österreichischen Banken?

Zum einen Bilanzen, bei denen nicht immer klar ist, was sind die Assets wert? Gibt es Abschreibungsbedarf? Ich kenne den Fall Hypo Alpe Adria nicht im Detail, aber da dürfte es noch viele offene Fragen geben. Da gibt es Intransparenz. Der spanische Bankensektor hat auch massive Abschreibungen tätigen müssen. Aber da hat man sich 2012 entschieden, 100 Milliarden vom ESM zu nehmen, eine Bad-Bank zu bauen, und damit war das Problem erstmal gelöst.

 

Welche Rolle spielt das berühmt-berüchtigte Osteuropa-Geschäft der heimischen Banken?

Die Befürchtung, dass Osteuropa im Zuge der Krise in eine Riesenrezession rauschen könnte, haben sich nicht bewahrheitet. Die Lage ist einigermaßen stabil. In Ungarn scheint die Situation problematisch zu sein – auch was die Assets österreichischer Banken betrifft.

 

Reden Sie von der Bewertung oder von der Rechtssicherheit?

Von beidem. Vor allem aber von der Rechtssicherheit. Das ist ein großes Problem.

ZUR PERSON

Dirk Schumacher ist Chefvolkswirt für Deutschland und Volkswirt für „Euroland“ bei der US-Investmentbank Goldman Sachs in Frankfurt. Schumacher arbeitet seit 1999 für die US-Investmentbank. Der 43-Jährige hat in Bonn und Frankfurt studiert und vor Goldman für die Commerzbank gearbeitet. Sein Doktorvater ist Axel Weber, der im April 2011 als Chef der Deutschen Bundesbank zurückgetreten ist – aus Protest gegen die Staatsanleihenkäufe durch die EZB.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.03.2014)

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