»Bio muss nicht automatisch besser sein«

Wissenschaftler suchen nach umweltfreundlichen, leicht abbaubaren Kunststoffalternativen.

Umweltfreundlich herstellbar, biologisch gut abbaubar und keinesfalls giftig: So formuliert Georg Gübitz, Leiter des Instituts für Umweltbiotechnologie der Boku Wien, die Anforderungen an das Plastik der Zukunft. Er sucht in seiner Forschung nach Kunststoffen, die diesen Kriterien entsprechen.

In einem gemeinsamen Projekt mit dem Austrian Centre of Industrial Biotechnology (Acib) suchen die Wissenschaftler nach biologischen Alternativen zu Mikroplastik. Natürliche Rohstoffe zu nutzen, ist dabei das Ziel. Dazu eignen sich etwa Abfallstoffe aus der Landwirtschaft, wie Molke: „Bakterien können daraus ein Plastik machen, das sehr gut verrottet“, sagt Gübitz. Biologisch gut abbaubares Material eignet sich auch besonders für medizinische Anwendungen: etwa für chirurgische Zwirne, die sich im Körper wieder auflösen.

Wissenschaftler der Uni Graz wiederum greifen in ihrer Arbeit auf Fettsäuren, unter anderem aus Palmen, als Rohstoffgrundlage zurück: Sie setzen die Enzyme, also Eiweißstoffe, aus der Natur ein, um Kunststoffbausteine herzustellen. Diese bilden eine wichtige Basis für die Produktion großer, stark belastbarer Plastikteile: „Ein Anwendungsfokus liegt auf Materialien für Autos, Flugzeuge oder Segelschiffe“, sagt Wolfgang Kroutil vom Institut für Chemie. Aber auch Flügel von Windkraftwerken oder Snowboards lassen sich damit produzieren.

Natur als Vorbild.
Ob biegsam oder fest, löslich oder nicht – Plastik habe sehr vielfältige Materialeigenschaften, die mögliche Alternativen erst erfüllen müssten. „Die Qualität der Werkstoffe muss passen“, so Gübitz. Und diese hänge in erster Linie von der Struktur des Kunststoffs ab und nicht davon, ob er aus Erdöl oder aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt werde. Bei synthetischen Kunststoffen lassen sich die Eigenschaften gezielt gestalten. Der Tenor „Bio muss nicht automatisch besser sein“ gelte damit auch für Kunststoffe. Die Natur als Vorbild zu nutzen sei aber jedenfalls günstig: Je ähnlicher ein synthetischer Kunststoff einem Baustein in der Natur sei, desto leichter sei er abbaubar. „Wir wollen der Industrie sagen, wie Plastik chemisch aufgebaut sein muss, damit es seine Funktion erfüllt und zugleich in einem Tag in einer Kläranlage wieder abbaubar ist“, so Gübitz.

Holz nutzen. Auch Joghurtbecher aus Maisstärke oder Cola-Flaschen mit Bausteinen aus Zuckerrohr haben den Weg in den Supermarkt bereits gefunden. Lebensmittel als Rohstoffbasis zu nutzen, sieht Kroutil allerdings kritisch. Für ein holzreiches Land wie Österreich könnten Reststoffe aus der Papierherstellung eine Alternative bieten – die es aktuell aber noch nicht gibt. Für ihn steht fest: „Es braucht Alternativen, damit wir die Firmen überzeugen können, diese zu nutzen“, sagt Kroutil. Der beste Beitrag für alle, die schon heute aktiv werden wollen, sei aber, Plastiksackerln und Verpackungsmaterial einzusparen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.06.2014)

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