Die Welt wurde ungleicher, aber nicht schlechter

Seit den 1970er-Jahren steigt die Ungleichheit bei Einkommen und Vermögen wieder. Grund dafür sind vor allem die Zugewinne der Superreichen. Absolut gesehen haben auch weniger Vermögende viel mehr als früher. Dennoch gibt es öffentliches »Unwohlsein«.

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(c) EPA (Karl-Josef Hildenbrand)

Seit vergangener Woche ist er auch auf Deutsch erhältlich – der 700-Seiten Wälzer „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ des französischen Ökonomen Thomas Piketty. Dadurch dürfte im deutschsprachigen Raum die Diskussion neu angefacht werden, die durch die englische Übersetzung des Buches im Frühjahr bereits weltweit geführt wurde. Wie mehrfach berichtet, führt laut Piketty die stetig über dem Wirtschaftswachstum liegende Kapitalrendite dazu, dass sich immer mehr Vermögen in der Hand einiger weniger sammelt, was Demokratie und soziales Gleichgewicht bedrohe. Piketty fordert daher globale und prohibitive Steuern von bis zu 80 Prozent auf Einkommen sowie bis zu zehn Prozent auf die Vermögenssubstanz. Während ihn die Linke deswegen als neuen Messias feiert, wird er von liberalen Ökonomen dafür kritisiert.

Dass das Thema Ungleichheit auch abseits der bereits tief in die ideologischen Gräben abgedrifteten Piketty-Diskussion ein in der Ökonomie zunehmend beackertes Thema ist, zeigt die Vielzahl an Studien, die zu dem Thema erstellt werden. So veröffentlichte jüngst auch die OECD eine groß angelegte Studie über die Entwicklung der Lebensumstände seit dem Jahr 1820 („How was life? Global well-being since 1820“). Zwei Kapitel darin beschäftigen sich mit der Einkommensverteilung und den Realeinkommen.


Mehr Ungleichheit. Wie die meisten anderen Studien zu dem Thema kommt auch die OECD zu dem Schluss, dass die Ungleichheit in der Einkommensverteilung seit den 1970er-Jahren in den meisten Ländern wieder zunimmt, nachdem sie seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges stetig zurückgegangen war. Hatte beispielsweise Deutschland im Jahr 1980 einen Gini-Koeffizienten von 38 (100 bedeutet, eine Person erhält alles, null bedeutet, jeder erhält gleich viel), stieg dieser bis zum Jahr 2000 wieder auf 51 an – und liegt somit auf demselben Wert, den er im Jahr 1820 hatte. Da in den meisten europäischen Ländern diese Entwicklung schwächer ausfällt, steigt der Wert für ganz Westeuropa nur von 36 auf 40 an (1820: 54), dennoch ist eine eindeutige Trendumkehr erkennbar. Noch wesentlich deutlicher fällt diese Entwicklung in den anglikanischen Ländern außerhalb Europas aus (USA, Kanada, Australien). Dort erhöhte sich der Wert von seinem Tiefststand mit 36 im Jahr 1970 auf 44 im Jahr 2000.

„Die meisten Menschen, die in den 1950er- und 1960er-Jahren aufgewachsen sind, meinen, die damalige Situation mit dem kontinuierlichen Wachstum der Mittelschicht sei der Normalzustand. Der Normalzustand ist jedoch die Situation von vor 1930 sowie nach 1970“, sagt dazu der US-Ökonom Joseph Stiglitz. Der Wirtschaftsnobelpreisträger von 2001 hielt in der Vorwoche einen Vortrag zu dem Thema in Wien. Stiglitz selbst hat 2012 ein Buch auf den Markt gebracht, in dem er – wie Piketty – die Ungleichheit als große Gefahr für westliche Gesellschaften tituliert.


Wurde jemand ärmer? Bedeutet diese Zunahme in der Einkommensungleichheit also, dass die Reichen reicher und die Armen ärmer wurden, wie so gern gesagt wird? Die Antwortet darauf lautet eindeutig: nein. Dies zeigt das zweite Kapitel aus der OECD-Studie – jenes über die Realeinkommen. Dabei wurde ein täglicher Warenkorb erstellt, der knapp 2000 Kilokalorien an Nahrung (vornehmlich günstige Kohlenhydrate) sowie Anteile für Kleidung, Treibstoff oder Drogeriewaren enthält. Danach wurde anhand historischer Preis- und Einkommensaufzeichnungen errechnet, wie viele solche Warenkörbe sich mit dem durchschnittlichen Tageslohn eines Bauarbeiters erwerben lassen.

Für Westeuropa zeigt sich hier eine nur langsame Verbesserung von 12,6 in den 1820ern auf 21,3 in den 1950ern. Dann jedoch explodieren die Realeinkommen förmlich auf 64,8 in den 1980ern und 163,3 in den 2000ern. Die absolut gesehen größten realen Zuwächse erhielten die Westeuropäer also gerade zu jener Zeit, als die Ungleichheit bei der Einkommensverteilung zunahm.

Der Grund für beides dürfte in der Globalisierung liegen. Durch die Globalisierung war es erfolgreichen Unternehmen plötzlich möglich, die ganze Welt als Kunden zu haben. Dadurch vervielfachten sich die Gewinne, was sich in rasant steigenden Einkommen der am besten Verdienenden widerspiegelte. Gleichzeitig profitierte aber, vor allem in Europa, auch der Rest der Bevölkerung von den, relativ zum Einkommen gesehen, fallenden Preisen – etwa für Nahrungsmittel und Textilien. Die Europäer konnten dadurch auch den langjährigen Vorsprung der Amerikaner aufholen, bei denen aufgrund der großen vorhandenen Agrarflächen Nahrung und Baumwolle immer schon günstiger war, so die Studienautoren.

In den USA konnten mit dem durchschnittlichen Tageslohn eines Bauarbeiters nämlich bereits in den 1950er-Jahren 103 der von der OECD genormten täglichen Warenkörbe gekauft werden. Dieser Wert stieg bis in die 1970er auf 179 an. Seither ist das Wachstum in den USA jedoch nur mehr sehr gering – von 179 auf 209. Laut Stiglitz ist diese Entwicklung noch drastischer: „Männliche amerikanische Vollzeitarbeiter haben seit 40 Jahren ein stagnierendes Realeinkommen“, so der US-Ökonom. Dies, während der Reichtum des gesamten Landes in dieser Zeit stetig zugenommen habe.


Gleicher, aber schlechter.Dass mehr Gleichheit in der Verteilung von Einkommen nicht automatisch bessere Lebensumstände mit sich bringt, zeigt zwar der Blick nach Osteuropa. Hier waren die Einkommen in den 1970er-Jahren mit einem Gini-Koeffizienten von 26 wesentlich gleicher verteilt als im Jahr 2000 mit 36. Absolut gesehen geht es den Menschen heute aber trotzdem wesentlich besser als früher: So stieg das reale Einkommen gemessen am täglichen OECD-Warenkorb von 25,1 in den 1970ern auf 38,6 in den Nullerjahren.

Dennoch sorgt die steigende Ungleichheit vor allem in den USA zunehmend für ein „Unwohlsein“ in weiten Teilen der Bevölkerung. So ist es kein Wunder, dass die weltweite Diskussion anlässlich des Buches von Thomas Piketty just nach der Veröffentlichung der englischen Übersetzung in den USA startete und erst von dort wieder nach Europa herüberschwappte. Und auch die kapitalismuskritische Bewegung Occupy Wall Street hatte in New York ihren Beginn, bevor sie zeitweise die ganze Welt erfasste. Zentrale Botschaft von Occupy Wall Street war der erstmals von Stiglitz in einem Artikel im US-Magazin „Vanity Fair“ artikulierte Gedanke des „einen Prozents“, das sich den Reichtum einverleibe, während der Rest weitgehend leer ausgehe. „Wir sind die 99 Prozent“ – so deshalb der Kampfruf der Occupy-Bewegung.

Auch in seinem Wiener Vortrag nahm Stiglitz auf dieses oberste eine Prozent Bezug. Dieses erhalte „25 Prozent des gesamten Einkommens“ und „95 Prozent aller Zuwächse (bei Vermögen, Anm.), seit die Rezession offiziell zu Ende ging.“ Letzteres vor allem aufgrund der US-Geldpolitik, die zu einer kräftigen Rallye an den internationalen Börsen geführt hat.


Das Zehntausendstel. Dass sowohl Reiche als auch Arme in den vergangenen Jahren reicher wurden, die Reichen aber etwas mehr, haben die eingangs zitierten Zahlen der OECD gezeigt. Doch ist es wirklich das oberste eine Prozent, dass überproportionale Zugewinne erhalten hat?

Eine Antwort darauf gibt die heuer erschienene Studie „Die Verteilung des US-Reichtums“ der beiden französischen Ökonomen und Piketty-Vertrauten Emmanuel Saez und Gabriel Zucman. Sie haben dabei nämlich das oberste Prozent weiter aufgeschlüsselt. Und dabei wird ersichtlich, dass auch bei diesem die unteren 0,9 Prozent keinerlei Zuwächse verzeichnen konnten. Einen wirklichen Anstieg des Anteils am gesamten Reichtum gab es nur bei den obersten 0,1 und vor allem 0,01 Prozent (siehe Grafik).

Es ist also nicht das oberste Hundertstel, sondern das oberste Zehntausendstel, das überproportional zulegen konnte. Laut Saez und Zucman handelt es sich dabei um Personen mit einem Vermögen von über 100 Millionen Dollar. Dies ist vor allem hinsichtlich der oftmals geforderten Vermögensteuern – etwa ab einer Million – relevant. Sie würden vornehmlich jene treffen, die gar nicht von der zunehmenden Ungleichheit profitiert haben.


Chancengleichheit. Denn dass eine Gleichheit der Chancen zwangsläufig eine Ungleichheit der Ergebnisse haben muss, sieht auch Stiglitz so. „Es wird immer Ungleichheit geben. Und es geht auch gar nicht um die Beseitigung von Ungleichheit an sich, sondern um die Beseitigung der extremen Auswüchse. Diese Auswüchse verursachen nämlich sehr hohe Kosten – für die Demokratie, aber auch für die Volkswirtschaft.“ Dann nämlich, wenn allein das Vermögen der Eltern über die Chancen der Kinder entscheidet. „So wird in einer Gesellschaft mit ungleichen Chancen viel Humankapital vergeudet, weil Menschen nicht entsprechend ihrem Potenzial leben können. Das ist auch keine linke Ansicht, sondern der ökonomische Mainstream, den beispielsweise auch der IWF vertritt“, meint Stiglitz.

Die Frage ist jedoch, ab wann Ungleichheit dieses beschränkende Maß erreicht. Die Antwort darauf ist objektiv nicht zu geben. Beispiele wie Larry Page (Google), Mark Zuckerberg (Facebook) oder Jeff Bezos (Amazon) zeigen jedoch, dass auch ohne ererbten Reichtum das individuelle Potenzial dazu führen kann, dass sich Millionen auf dem Bankkonto sammeln.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.10.2014)

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