22.11.2009 15:16 | Meine Presse Merkliste0

Korruption in der Ukraine: Kampf gegen Windmühlen

25.07.2008 | 18:53 |  Von unserer Mitarbeiterin NINA JEGLINSKI (Die Presse)

In der Liste der korruptesten Länder belegt die Ukraine Platz 118. Jede erfolgreiche Reform muss bei den Gerichten ansetzen.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

KIEW. Der Grad der Korruption bedroht bereits die gesamte Ukraine, warnt das Atlantic Council in einer Studie. Die US-Ideenschmiede schlägt dem gemessen an der Fläche zweitgrößten Staat Europas deshalb vor, die seit 2004 immer wieder angekündigten Maßnahmen zur Bekämpfung der allgegenwärtigen Korruption endlich auch umzusetzen. Sollte die Ukraine ihre Korruption nicht drastisch eindämmen, würden die sehnlich erwarteten ausländischen Investoren an ihr vorbei in andere Regionen ziehen, und eine stärkere Annäherung an Westeuropa bliebe aus, prophezeien Jan Neutze und Adrian Karatnycky, die Autoren der besagten Studie.


Politisches Ränkespiel

Nach den Wahlen im September 2007 beeilten sich Präsident Viktor Juschtschenko und die Regierung unter Julia Timoschenko mit Vorschlägen zur Bekämpfung der Korruption. Juschtschenko stellte Anfang des Jahres die Schaffung einer Anti-Korruptions-Behörde in Aussicht. Das neue Amt solle landesweite Maßnahmen erarbeiten und koordinieren.

Doch gleichzeitig begannen das Justiz- und Innenministerium sowie das Oberste Gericht eigene Initiativen zu entwickeln. Der renommierte Anti-Korruptions-Verein Transparency International bemängelt dieses Vorgehen. Anstatt koordiniert vorzugehen, arbeiten die genannten Institutionen eher gegen- als miteinander.

Zudem bestehe die Gefahr, dass verschiedene Anti-Korruptions-Stellen geschaffen werden, die sich in ihrer Arbeit erst recht gegenseitig blockieren würden. Auf dem „Corruption Perception Index“ von Transparency International – er misst, als wie korrupt ein Land wahrgenommen wird – rangiert die Ukraine auf Platz 118 von 180 untersuchten Staaten.

Die geschilderten Befürchtungen wurden Ende Juni bereits bestätigt, als im Parlament über ein Gesetz beraten wurde, das den Einfluss des Obersten Gerichtes einschränken soll. Beobachter sagen, das Oberste Gericht habe zu viel Einfluss auf das übrige Justizsystem des Landes. Deshalb sei eine Verschlankung des Justizapparates sowie eine klare Aufteilung der Zuständigkeiten nötig.

Im Kern sieht der Gesetzesentwurf eine Reduzierung der Obersten Richter von 95 auf 16 und die Aufteilung des Obersten Gerichtes in die vier Bereiche Zivil-, Verwaltungs-, Wirtschafts- und Strafgericht vor.

Einer der schärfsten Kritiker dieses Planes ist Vasyl Onopenko, Vorsitzender des Obersten Gerichtes. Zum einen, weil er um den Einfluss seines Hauses fürchtet, zum anderen weil er als Vertrauter der Regierungschefin Timoschenko mit der anderen Seite auf dem Gebiet der Korruptionsbekämpfung möglichst wenig zusammenarbeiten möchte.


Es geht um die Jungen

Schließlich wurde das Gesetz maßgeblich vom Vorsitzenden des Justizausschusses Serhij Kivalow (Partei der Regionen) erarbeitet. Kivalow leitete 2004 die Zentrale Wahlkommission und rief damals Viktor Janukowitsch – den Gegner von Juschtschenko und Timoschenko – als Sieger der Präsidentschaftswahlen aus.

Dieses Beispiel veranschaulicht das Problem der verzögerten Umsetzung von konkreten Maßnahmen zur Bekämpfung der Korruption. Die Regierung hat keine stabile Mehrheit, die Koalitionspartner blockieren sich gegenseitig, in drei Jahren traten drei Regierungen an, und das Land befindet sich im permanenten Wahlkampf.

Nach Ansicht von Heiko Pleines, stellvertretender Direktor der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen, wird dieser Prozess noch eine Weile andauern. Nur im Zusammenspiel einer klar strukturierten und transparenten Justiz, einer Verwaltungsreform sowie einer Öffentlichkeitskampagne gegen korruptes Verhalten können sich Veränderungen dauerhaft durchsetzen. Nach Pleines Meinung geht es vor allem darum, einen Einstellungswandel bei jungen Leuten zu bewirken und gut ausgebildetes Fachpersonal für die Staatsverwaltung zu gewinnen.

Einen ersten Versuch in diese Richtung hat im Frühjahr 2008 das ukrainische Bildungsministerium unternommen. Zusammen mit dem American Council und der Nicht-Regierungsorganisation Opora führte man die Aufsicht bei Abschlussprüfungen von rund 500.000 Schülern.


Banknoten statt Noten

In der Ukraine bestimmen nämlich die bei der Abschlussprüfung erreichten Noten meistens nicht darüber, ob man einen Platz an der Universität oder Fachhochschule bekommt. Bestechung des Lehrpersonals und der Kauf von Studienplätzen sind gängige Praxis. Mit den Testergebnissen soll nun erstmals dokumentiert werden, welche Leistungen von den einzelnen Schülern erbracht worden sind und welche Erfahrungen die jungen Leute bei der Suche nach einem Studienplatz machen werden. Ende des Jahres will Wissenschaftsminister Ivan Vakarschuk die Ergebnisse dieser bisher umfangreichsten Bildungsevaluierung bekannt geben.

Auf einen Blick

Die Ukraine kämpft bisher eher vergebens gegen die Korruption. Ein Pilotprojekt, bei dem die Maturaprüfungen von 500.000 Schülern analysiert werden, soll eine Änderung einleiten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.07.2008)

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Artikel kommentieren Kommentieren BookmarkBookmarken bei [Was ist das?]

Als Gast kommentieren

...oder einloggen um als registrierter Benutzer zu kommentieren (Vorteile dieser Variante)

*... Pflichtfelder

Sicherheitscode
(Was bringt das?)*


Schwer lesbar?
Neuen Code generieren

Verbleibende Zeichen

2 Kommentare
Gast: Vadim
27.05.2009 20:10
0 0

Shtefan

Ich komme aus Poltava in Ukraine.Rukovozhu Projekt "Öffentliche Überwachung der lokalen Haushalte zu entlasten." Das Projekt, einschließlich der Probleme der Korruption Artikel realistisch spiegelt die Probleme in der Ukraine.

Aber ich denke, dass die Hauptursache für die Korruption in der Ukraine ist, dass es obyachnye Menschen.
Danke.

Gast: ASVG-Sklave
26.07.2008 11:05
0 0

Keine Zweifel dass Österreich noch vor der Ukraine liegt

Her mit der Statistik ! ! !

Schlagzeilen Wirtschaft

  • Hypo: Staatshilfe nach "wohlwollender" OeNB-Prüfung
    Laut "profil" hat die angeschlagene Kärntner Hypo Alpe-Adria auf Grundlage einer nur oberflächlichen Prüfung der Österreichischen Nationalbank Staatshilfen erhalten.
    Wirtschaftskrise: Opfer, entschädigt doch die Täter!
    Hochrangige Banker bauen bereits für die nächste Wirtschaftskrise vor. Die Steuerzahler sollten sich besser anschnallen. Sicher ist sicher. Josef Ackermann ist wohl etwas wie der Mann fürs Grobe in der sonst so zurückhaltend agierenden Bankenszene.
    Fonds floppten, weil zu wenige Versicherte starben
    Fonds der Deutschen Bank investierten in Lebensversicherungen und warteten auf den Tod der ursprünglichen Versicherungsnehmer. Da zu wenige starben, blieben die Erlöse aus. Der Bank droht nun eine Klage.
  • Subventionswettlauf um Opel gestartet
    EU-Industriekommissar Günter Verheugen kritisiert scharf die Ersteigerung von Arbeitsplätzen. Welche Opel-Standorte werden in Europa überleben dürfen? Klar ist, dass etwa 10.000 Mitarbeiter werden gehen müssen.
    Banker auf der Kanzel: "Wir leisten Gottes Arbeit"
    Mit Vorträgen versuchen britische Banker, das Image ihres Berufsstandes auf Vordermann zu bringen. Ort des Geschehens: englische Gotteshäuser. In der Londoner City feiert man die Rückkehr der Megabonuszahlungen
    Design-Dildo statt Kabinen-Porno
    Beate Uhse, Europas größter Erotikhändler, klagt über schlechte Geschäfte. Haben Sexshops ausgedient? Mitnichten. Zumindest, solange sie neue Kunden ansprechen. Der Konzern der verstorbenen Primadonna meldete sinkende Umsätze.
  • Was wurde aus... dem Waldsterben?
    "Der Wald stirbt", wurde uns in den 1980er-Jahren erklärt. Mittlerweile gibt es in Österreich mehr Wald als je zuvor. Warum eigentlich? Haben die Warnungen die Bäume gerettet – oder hat man damals einfach nur heillos übertrieben?
    Sinnfrei an der Börse
    Warum der Neueinstieg in Aktien derzeit keinen Sinn ergibt, K+S aber spekulativ trotzdem eine Überlegung wert wäre.
    Bayern fordern 500 Millionen Euro für die Hypo
    Die Spitze der Bayerischen Landesbank trifft sich demnächst mit Finanzminister Josef Pröll. Ob das Geld vom Bund oder von Kärnten kommt, ist den Deutschen egal.
  • ÖBB: Lopatka ortet Wildwuchs freigestellter Betriebsräte
    Staatssekretär Reinhold Lopatka spricht von einer Selbstbedienungsmentalität der Eisenbahner. Durch die Aufsplitterung in zahlreiche Tochterfirmen gebe es zu viele dienstfreie Betriebsräte.
    Bewerber-Bluttests bei Autobauer Daimler illegal
    Daimler darf von Stellenbewerbern keine Bluttests verlangen, meint der deutsche Bundes-Datenschutzbeauftragte. Denn sie würden Rückschlüsse auf Medikamente zulassen.
    Ein Unternehmen, in dem die Post abgeht
    Georg Pölzl ist erst seit wenigen Wochen neuer Post-Chef, hat aber schon wertvolle Erfahrungen sammeln dürfen. Erstens: In Staatsbetrieben geht's recht behäbig zu. Zweitens: Intrigen feiern fröhliche Urständ'.